Papst Benedikts Jesus-Buch "Eine peinliche Entgleisung"

2. Teil: Benedikt ignoriert Erkenntnisse der Schulexegese


Das päpstliche Jesusbuch setzt ein bei der im Johannesevangelium oftmals ausgedrückten Gemeinschaft des Gottessohnes Jesus mit dem Vater. Sie sei die Mitte der Persönlichkeit Jesu. Die unkritische Verwendung dieses Evangeliums, das auch Benedikt als das jüngste ansieht, korreliert mit einem großen Vertrauen gegenüber allen Evangelien des Neuen Testaments, die er anders als die moderne Bibelexegese als einander ergänzend liest. Es überrascht dann nicht, dass Benedikt den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den "historischen Jesus" im eigentlichen Sinne darstellen will.

Dies begründet er folgendermaßen: Eine Gestalt, die von diesen Voraussetzungen aus betrachtet werde, sei viel logischer und auch aus historischer Perspektive viel verständlicher als die Rekonstruktionen von historischen Forschern aus den letzten Jahrzehnten. Gerade der Jesus der Evangelien sei eine historisch sinnvolle und stimmige Figur. Ferner erkläre sich nur unter der Voraussetzung außerordentlicher Ereignisse a) Jesu Kreuzigung, b) Jesu Wirkung und c) die schnell folgende Aussage über dessen Gottgleichheit.

Historischer Vernunft wird Riegel vorgeschoben

Benedikt weist die in der Schulexegese vertretene These zurück, dass frühchristliche Gemeinden schöpferisch die älteste christliche Lehre von Christus ausgebildet haben, und hält es für auch "historisch viel logischer, dass das Große am Anfang steht", zumal sich die Gestalt Jesu nur vom Geheimnis Gottes her verstehen lasse. Allerdings sei auch klar, dass die historische Methode gar nicht erkennen könne, dass Jesus als Mensch Gott gewesen sei. Vielmehr müssten die Vertreter der historischen Methode lernen, die biblischen Texte mit einer inneren Offenheit für Größeres zu lesen. Dann öffneten sie sich, und Jesus werde als glaubwürdige Gestalt sichtbar.

Der Papst stellt sein Buch als Ausdruck seines persönlichen Suchens hin - es sei kein lehramtlicher Akt -, doch erweist sein Inhalt es als eine unverblümte Darstellung des römisch-katholischen Glaubens in historischem Gewand, bei dem die Inspiriertheit der Schriften, die Gottheit Jesu und die Irrtumslosigkeit der Schriften vorausgesetzt werden.

Der Eindruck entsteht daher leicht, dass hier ein weiteres Mal einer konstruktiven Auseinandersetzung zwischen römisch-katholischem Dogma und historischer Vernunft der Riegel vorgeschoben worden sei. Gleichwohl bleibt ein Türspalt zwischen beiden Räumen offen. Der Papst beschneidet den Geltungsbereich der historischen Kritik zwar erheblich. Doch bedient er sich in seinem Buch immer wieder rein historischer Argumente, die der Kontrolle offen stehen.



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