Papst Benedikts Jesus-Buch "Eine peinliche Entgleisung"

Wer war Jesus von Nazareth? Gottes Sohn, wie ihn die Evangelien zeigen, behauptet Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch. Irrtum!, meint der Göttinger Theologie-Professor Gerd Lüdemann. Er rechnet auf SPIEGEL ONLINE mit dem Werk des Papstes ab.

Göttingen - An der Universität erhalten künftige Geistliche römisch-katholischer und evangelischer Konfession eine Einführung in die historische Kritik der Bibel. Sie erlernen die beiden Sprachen, in denen sie verfasst ist - Hebräisch und Griechisch -, um die Texte im Original lesen zu können. In Seminaren und Vorlesungen, die dem Studium der biblischen Bücher gewidmet sind, erfahren sie, dass die im Alten Testament erzählte Geschichte Israels nicht mit dem historischen Ablauf verwechselt werden darf und dass ebenso im Neuen Testament die Frühgeschichte der Kirche nicht zuverlässig dargestellt wird.

Ferner gehört zum Grundwissen, dass von den Personen der Bibel historisch nur wenig Sicheres bekannt ist. Die einzige Ausnahme ist der Apostel Paulus, von dem sieben echte Briefe erhalten sind. Indes kommt er als historischer Zeuge für Jesus von Nazareth nicht in Frage, denn darüber, was der historische Jesus gesagt und getan hat, äußert Paulus sich kaum.

Die Skepsis im Umgang mit den Berichten der Heiligen Schrift hat sich im Zuge einer eindrucksvollen Forschungsgeschichte herausgebildet und ruht heute auf einem breiten Konsens. Sie ist auch darin begründet, dass die vier Evangelisten unbekannt sind und nicht zur ersten Generation der frühen Christen gehören. "Markus" hat das älteste Evangelium geschrieben. Der Verfasser des Lukasevangeliums unterscheidet zwischen zahlreichen Evangelien und den mündlichen Berichten von Augenzeugen der ersten Generation und betont, er wolle andere Evangelien durch sein Werk verbessern. Durch den Vergleich seines Opus mit dem Markusevangelium kann man die Durchführung seines Vorhabens genau verfolgen.

Aber auch "Matthäus" hat, unabhängig von "Lukas", das Markusevangelium verarbeitet. Das Johannesevangelium gilt allgemein als jünger als die anderen Evangelien und hat deren Erzählstoff nachweislich an vielen Stellen legendarisch erweitert. Daher die Regel, dass bei einer Auswertung dieses Evangeliums für die Frage nach dem historischen Jesus von vornherein große Vorsicht geboten ist.

Benedikt XVI. lobt in seinem neuen Jesusbuch die historische Methode in höchsten Tönen und streicht die Notwendigkeit ihres Gebrauchs heraus. Denn der biblische und christliche Glaube beziehe sich wesentlich auf wirkliches, einmaliges historisches Geschehen, das von der Zeitlosigkeit des Mythos strikt zu unterscheiden sei. Doch der Beifall mündet bald in einen warnenden Hinweis, dass die historische Methode bei der Anwendung auf biblische Schriften Grenzen zu respektieren habe.

Die sonst bei der historisch-kritischen Arbeit gültigen Gesetze gälten bei der historisch-kritischen Bibelexegese nur eingeschränkt, umso mehr, als der biblische Text gemäß kirchlicher Lehre von Gott inspiriert sei. Erst der Glaubensentscheid erkenne den tiefen Einklang der neutestamentlichen Jesusbilder, deren große Differenzen die historische Kritik herausgearbeitet habe. Diese Vorentscheidung sei in historischer Vernunft gegründet und nehme den Einzeldokumenten der Bibel nichts von ihrer Originalität - eine erstaunliche Aussage!

Benedikt ignoriert Erkenntnisse der Schulexegese

Das päpstliche Jesusbuch setzt ein bei der im Johannesevangelium oftmals ausgedrückten Gemeinschaft des Gottessohnes Jesus mit dem Vater. Sie sei die Mitte der Persönlichkeit Jesu. Die unkritische Verwendung dieses Evangeliums, das auch Benedikt als das jüngste ansieht, korreliert mit einem großen Vertrauen gegenüber allen Evangelien des Neuen Testaments, die er anders als die moderne Bibelexegese als einander ergänzend liest. Es überrascht dann nicht, dass Benedikt den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den "historischen Jesus" im eigentlichen Sinne darstellen will.

Dies begründet er folgendermaßen: Eine Gestalt, die von diesen Voraussetzungen aus betrachtet werde, sei viel logischer und auch aus historischer Perspektive viel verständlicher als die Rekonstruktionen von historischen Forschern aus den letzten Jahrzehnten. Gerade der Jesus der Evangelien sei eine historisch sinnvolle und stimmige Figur. Ferner erkläre sich nur unter der Voraussetzung außerordentlicher Ereignisse a) Jesu Kreuzigung, b) Jesu Wirkung und c) die schnell folgende Aussage über dessen Gottgleichheit.

Historischer Vernunft wird Riegel vorgeschoben

Benedikt weist die in der Schulexegese vertretene These zurück, dass frühchristliche Gemeinden schöpferisch die älteste christliche Lehre von Christus ausgebildet haben, und hält es für auch "historisch viel logischer, dass das Große am Anfang steht", zumal sich die Gestalt Jesu nur vom Geheimnis Gottes her verstehen lasse. Allerdings sei auch klar, dass die historische Methode gar nicht erkennen könne, dass Jesus als Mensch Gott gewesen sei. Vielmehr müssten die Vertreter der historischen Methode lernen, die biblischen Texte mit einer inneren Offenheit für Größeres zu lesen. Dann öffneten sie sich, und Jesus werde als glaubwürdige Gestalt sichtbar.

Der Papst stellt sein Buch als Ausdruck seines persönlichen Suchens hin - es sei kein lehramtlicher Akt -, doch erweist sein Inhalt es als eine unverblümte Darstellung des römisch-katholischen Glaubens in historischem Gewand, bei dem die Inspiriertheit der Schriften, die Gottheit Jesu und die Irrtumslosigkeit der Schriften vorausgesetzt werden.

Der Eindruck entsteht daher leicht, dass hier ein weiteres Mal einer konstruktiven Auseinandersetzung zwischen römisch-katholischem Dogma und historischer Vernunft der Riegel vorgeschoben worden sei. Gleichwohl bleibt ein Türspalt zwischen beiden Räumen offen. Der Papst beschneidet den Geltungsbereich der historischen Kritik zwar erheblich. Doch bedient er sich in seinem Buch immer wieder rein historischer Argumente, die der Kontrolle offen stehen.

Das päpstliche Unternehmen erweist sich als Holzweg

Eine Überprüfung des päpstlichen Unternehmens erweist dieses schon anhand einiger Stichproben als Holzweg:

Erstens: Angesichts der Abfassungsdaten und -verhältnisse der vier Evangelien darf man ihnen in ihrer vorliegenden Gestalt keineswegs historisch trauen und schon gar nicht dem jüngsten, an vielen Stellen sekundären Johannesevangelium. Es ist ferner Unsinn, die Existenz von unechten Jesusworten in den neutestamentlichen Evangelien zu bestreiten, auch wenn die Inspirationslehre das verlangt.

Zweitens: Frühe Christen, deren Namen wir ebenso wenig kennen wie die der vier Evangelisten, haben weite Teile des Stoffes der Evangelien geschaffen. Erst ihre schöpferische, mit innerer Überzeugung verbundene Tätigkeit - nicht aber ein großes Ereignis am Anfang - hilft, die rasante Ausbreitung des frühen Christentums zu verstehen, und erlaubt eine Erklärung der vielfältigen Spannungen zwischen den Inhalten der Evangelientexte.

Drittens: Die wissenschaftliche Jesusforschung ist zu dem Ergebnis gekommen, dass unter den überlieferten Jesusstoffen am ehesten Gleichnisse echt sind. Gleichnisse sind auf unmittelbares Verstehen angelegt, nicht aber auf Unverständlichkeit, um andere Menschen zu verstocken, wie das Markusevangelium behauptet (Kap. 4, Vers 12). Diese Erkenntnis ignorierend sieht Benedikt dahinter irrtümlich das Geheimnis des Kreuzes und das Gottesgeheimnis Jesu durchschimmern, das zum Widerspruch gegen Jesus geführt habe. Der in diesem Zusammenhang gegebene Hinweis auf die tiefste Bedeutung der Gleichnisse Jesu ist Tiefenschwindel, weil er die auf Verständlichkeit zielende Gleichnisrede ignoriert und eine überwunden geglaubte allegorische Auslegung der Gleichnisse wieder hoffähig macht.

Viertens: Jesus hat sich nicht als Gott verstanden. Als jemand ihn als "guten Lehrer" anredet und fragt, wie ewiges Leben zu erben sei, beginnt Jesus seine Antwort mit dem Satz: "Niemand ist gut als Gott allein" (Markusevangelium, Kap. 10, Vers 18). Aussagen wie diese, die nicht durch theologische Exegese umgebogen werden können, behandelt der Papst nicht, da sie seiner Grundthese offenkundig widersprechen.

Sammlung gottesdienstlicher Meditationen

Als Ganzes ist das päpstliche Jesuswerk entgegen dem Anspruch seines Verfassers kein historisches Buch, sondern eine Sammlung von gottesdienstlichen Meditationen über die Gestalt Jesu, ergänzt um Ausflüge in die neutestamentliche Wissenschaft. Einige dieser Meditationen grenzen sogar an Kitsch: "Was am brennenden Dornbusch in der Wüste des Sinai begann, vollendet sich am brennenden Dornbusch des Kreuzes" (Seite 178); "Wer wachen Auges in die Geschichte blickt, der kann diesen Strom sehen, der von Golgatha her, vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus her durch die Zeiten fließt. Er kann sehen, wie dort, wo dieser Strom ankommt, die Erde entgiftet wird, wie fruchttragende Bäume heranwachsen, wie Leben, wirkliches Leben aus diesem Quell der Liebe fließt, die sich geschenkt hat und schenkt" (S. 290-291).

Wäre nicht der Papst der Verfasser dieses Buches, würde es von akademischen Exegeten nicht oder doch nur als eine peinliche Entgleisung zur Kenntnis genommen werden und in kirchlichen Buchläden bald verstauben. Da in ihm der oberste Pontifex der römisch-katholischen Kirche die Vernunft vor den Karren des Glaubens spannt, muss - auch stellvertretend für alle Katholiken, die historisch-kritische Exegese betreiben - der intellektuelle Skandal eines solchen Vorgehens angeprangert werden. Écrasez l'infâme!

Dr. Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität in Göttingen. Im Juli erscheint sein Buch: "Das Jesusbild von Benedikt XVI. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den biblischen Quellen", Verlag zu Klampen.

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