Parasit Bettwanzen auf dem Vormarsch in Berlin

Der Feind im Bett hat sechs Beine und Blutdurst. Weltweit sind Bettwanzen eine Plage - egal ob in Luxussuiten oder Privatwohnungen. Auch in Berlin breiten sich die Parasiten aus - die Zahl der Kammerjäger-Einsätze hat sich binnen weniger Jahre vervierfacht.
Gefürchteter Schädling: Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut

Gefürchteter Schädling: Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut

Foto: DPA/ CDC/ Harvard University

Berlin - Rund 16-mal pro Woche sind Berliner Kammerjäger inzwischen unterwegs, um den lästigen Krabbeltieren in Wohnungen oder Hotelzimmern zu Leibe zu rücken - ein neuer Spitzenwert in der Hauptstadt. Seit 2007 haben sich die Zahlen fast vervierfacht. Doch es ist nicht nur ein Metropolen-Problem.

Bettwanzen sind ungewollte Reisemitbringsel - in den Koffern von Geschäftsleuten und Touristen aus Asien und Osteuropa reisen sie nach Deutschland ein. Die Insekten lauern aber auch in Ritzen gebrauchter Möbel - selbst in teuren Antiquitäten. "Neulich hatten wir sie sogar auf einem Luxuskreuzfahrtschiff", sagt Lydia Böhm vom Bundesverband der Schädlingsbekämpfer. Sie sieht bei den Bettwanzen-Einsätzen der Branche bundesweit eine "erschreckend" steigende Tendenz. "Es gibt zu wenig Aufklärung."

Statistik der Blutsauger

Am Berliner Tropeninstitut führt Biologin Karolina Bauer-Dubau seit dem Jahr 2000 ihre eigene Statistik. Damals gab es 32 Anfragen im Jahr zu Bettwanzen, 2013 waren es 251. Es sind alles freiwillige Angaben, eine Meldepflicht für die Krabbeltiere gibt es nicht. "Das eine Problem ist die Unwissenheit", sagt die Expertin. "Das zweite ist die Scham." Denn noch immer erklären die Menschen den Bettwanzenbefall mit mangelnder Hygiene. Heute völlig unbegründet, versichert Bauer-Dubau.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten die Schädlinge in Deutschland dank heftiger Chemiekeulen als ausgerottet. Dass sie nun wieder vermehrt herumkrabbeln, hat eher mit dem Luxus vieler Reisen zu tun als mit Armut. Es reicht schon, dass ein Urlauber unbemerkt ein paar winzige Eier mitbringt, die an Schuhen, Handy, Gürtelschnalle oder CD-Hülle haften. Manchmal muss es gar kein eigener Urlaub sein - es reicht schon ein weit gereister Besucher.

Krabbeltiere im Handgepäck

"Wir sind oft bei den Schönen und Reichen, weil sie so viel unterwegs sind", sagt Mario Heising, Vorstand beim Berliner Verband der Schädlingsbekämpfer. Manchmal bekommen Kammerjäger sogar Anrufe von Reisenden aus dem Urlaub - wenn im Urlaubsbett Bettwanzen waren. "Dann holen wir die Koffer am Flughafen ab", berichtet Heising. Dem Reisenden wird frische Kleidung empfohlen, sein Gepäck tiefgefroren. Denn gegen Bettwanzen helfen neben Chemikalien nur Temperaturen unter minus 18 Grad - oder über 55 Grad, berichtet der Experte.

Beim Berliner Hotel- und Gaststättenverband spricht Geschäftsführer Thomas Lengfelder in Sachen Bettwanzen von "vereinzelten Fällen" in Hauptstadt-Herbergen. Der bundesweite Hotelverband führt keine Bettwanzen-Statistik. Das Problem nehme aber nicht zu, versichert Sprecher Christoph Lück.

Meist haben Menschen, die in Deutschland morgens mit juckenden Quaddeln auf der Haut aufwachen, keine Ahnung, was sie da gestochen hat. Denn Bettwanzen lassen sich tagsüber kaum sehen - sie leben versteckt in Bettritzen, Kommoden oder auch hinter der Tapete. Daher auch der Spitzname für die flachen Insekten: Tapetenflunder.

Anders als in Südamerika gibt es für Deutschland bisher keinen Nachweis, dass Bettwanzen gefährliche Krankheiten übertragen, berichtet Biologin Bauer-Dubau. Hepatitis-B-Infektionen seien aber theoretisch über den Kot der Tiere möglich, falls er in Einstichstellen gelange.

Seit sich die Biologin näher mit Bettwanzen beschäftigt, würde sie auch keine Möbel vom Flohmarkt oder aus dem Antikhandel direkt mit in ihre Wohnung nehmen. Sie rät auch bei gebrauchten Möbeln aus Internetkäufen zu einer Zwischenstation auf Terrasse oder Balkon - zur Beobachtung. Larvenhüllen oder Kot verraten unliebsame Bewohner.

Doch auch wenn die Übeltäter enttarnt sind, warteten viele Entdecker zu lange, bis sie sich professionelle Hilfe holten, berichtet die Biologin. "Oft sind es mehrere Wochen. Da ist die nächste Generation schon geschlüpft." Ausgewachsene Bettwanzen haben auch Tricks drauf. Anders als Mücken kommen sie wochenlang ohne nächtliche Blutmahlzeit aus - eine trügerische Ruhe.

Experten-Interview

hda/dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel