Parasiten Malaria-Erreger benutzt Trojanisches Pferd

Malaria-Parasiten haben einige Tricks auf Lager. Deutsche Forscher beobachteten jetzt: Sie töten ihre Wirtszellen in der menschlichen Leber und funktionieren sie zu Trojanischen Pferden um, damit das Immunsystem sie nicht erkennt - und die Krankheit ausbrechen kann.


Der Stich der Anopheles-Mücke kann tödlich enden: Das Insekt verbreitet Malaria. Zwischen dem Stich und den ersten Anzeichen der Krankheit gibt es aber eine stille Phase der Vorbereitung. Auch Wissenschaftler wissen bislang nur wenig über diesen Abschnitt, weil nur ein paar Forschungsinstitute überhaupt in der Lage sind, dieses Stadium zu untersuchen. Bekannt war bislang nur, dass die Leber eine zentrale Rolle spielt - und dass der Plasmodium-Parasit hier seinen Angriff auf den Körper vorbereitet.

Wie er sich von der Leber aus aber unbemerkt verbreiten kann, war Wissenschaftlern bislang ein Rätsel. Jetzt haben Wissenschaftler des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) und Kollegen aus Frankreich, Brasilien und Deutschland herausgefunden: Der Malariaparasit reist in einem Trojanischen Pferd durch die Blutbahnen. In einer Online-Vorabveröffentlichung des Wissenschaftsmagazins "Science" berichten die Forscher, dass die Parasiten in abgetöteten Zellen überleben und so vom Immunsystem nicht erkannt werden.

"Innerhalb weniger Minuten nach dem Mückenstich bohren sich die Malariaerreger in die Gefäßwände der Leber ihres Wirts", erläutert Heussler. Dort werden in wenigen Tagen aus einem Plasmodium-Parasiten bis zu 40.000. In dieser Zeit hält der Erreger seine Wirtszelle am Leben. Diese Phase entspricht der Inkubationszeit zwischen dem Stich durch eine malariaverseuchte Anophelesmücke und den ersten Symptomen der Infektion wie Schüttelfrost und Fieber. Will der Erreger dann zurück in die Blutbahn, tötet er seine Wirtszelle.

Wer nicht erkannt wird, wird auch nicht gefressen

Zum Erstaunen der Forscher platzt die Zelle dabei aber nicht wie erwartet auf, sondern löst sich komplett vom Lebergewebe ab und schwimmt im Blutstrom davon. Dort werden normalerweise tote Zellen von den Fresszellen des Immunsystems, den Makrophagen, erkannt und sofort entfernt.

Die abgetöteten Leberzellen hingegen erscheinen für die Fresszellen unsichtbar: "So lange der Parasit in der bereits toten Zelle lebensfähig ist, unterdrückt er die 'Friss mich'-Signale der toten Leberzellen", erklärt Tropenmediziner Heussler. "Durch dieses Trojanische-Pferd-System kommt der Parasit von der Leber wieder in die Blutbahn."

Schließlich verlässt der Parasit seine tarnende Hülle und infiziert die roten Blutkörperchen, in denen er sich noch weiter vermehrt. Daraufhin zerplatzen - wie schon seit langem bekannt - die Blutzellen, und die typischen Malariasymptome treten auf.

"Parasiten-Pille" als mögliche Anwendung

Für Mediziner und Malariagefährdete hätten ihre Ergebnisse "keine unmittelbare Relevanz", räumte Malariaexperte Heussler gegenüber SPIEGEL ONLINE ein. Während der einwöchigen Leberphase seien nur wenige Leberzellen infiziert. "Da lässt sich die Krankheit noch nicht feststellen, und man kann sie auch noch nicht übertragen."

Für Forscher seien diese und andere Ergebnisse der Malariaforschung jedoch interessant. Heussler denkt zum Beispiel an die "Parasiten-Pille danach". Wenn jemand gerade von einer Mücke gestochen worden sei, aber nicht wüsste, ob er infiziert wurde oder nicht, könnte man der Person bestimmte Enzymhemmer verabreichen. Die Parasiten können ihre Wirts-Leberzelle nämlich nur mit einigen Enzymen abtöten und zum Trojanischen Pferd umfunktionieren. Wenn man die dafür passenden Hemmstoffe entwickelte, ließe sich laut Heussler verhindern, "dass die Parasiten ins Blut gelangen und die Malaria-Krankheit ausbricht".

Zwischen 300 und 500 Millionen Menschen erkranken jährlich neu an Malaria. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts fordert die Tropenkrankheit zwischen 1,5 und über 2,5 Millionen Todesopfer im Jahr. Neun von zehn Malariakranken leben in Afrika.

fba/dpa



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