Patientensicherheit Liebe Leserin, lieber Leser,


in einem Chirurgiebuch aus dem Jahr 1927, das ich von meinem Großvater geerbt habe, steht der aufschlussreiche Satz: "Höflichkeitsphrasen wie 'bitte', 'Verzeihung' und Ähnliches, die ja auch in dem mit dem chirurgischen Operationsbetriebe starke Ähnlichkeit aufweisenden Militärdienste längst verboten sind, sind nicht allein überflüssig, sondern auch zeitraubend und gelegentlich missverständlich." Vor 92 Jahren war klar: Der Arzt befiehlt, in knappen Worten, und alle anderen haben zu gehorchen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2019
Carola Rackete über die dramatische Rettungsfahrt ihrer "Sea-Watch 3"

Teilweise funktioniert der Krankenhausbetrieb immer noch so. Vorteilhaft für den Patienten ist das nicht, im Gegenteil: Eine gute Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegepersonal kann wahrscheinlich sogar Leben retten, wie Forscher der University of Michigan Ann Arbor jetzt festgestellt haben.

Die Forscher untersuchten dafür exemplarisch Blasen- und zentrale Venenkatheter, die bei einer großen OP gelegt werden. Diese Kunststoffschläuche, die tief in den menschlichen Körper ragen, sind Einfallstore für Keime. Jede vierte Krankenhausinfektion geht auf medizinisches Material wie Katheter zurück. Dass sich Bakterien im Laufe der Zeit entlang der Kunststoffschläuche ausbreiten und so irgendwann in die Blase oder die Blutbahn geraten, lässt sich nur schwer vermeiden. Umso wichtiger ist es, die Katheter zügig wieder zu entfernen, wenn sie nicht mehr benötigt werden; im Extremfall kann das über Leben und Tod entscheiden.

Doch die Entscheidung, ob ein Katheter entfernt werden sollte, können Ärzte am besten nach Rücksprache mit Schwestern und Pflegern fällen. Diese wissen, wie selbstständig der Patient nach der OP schon wieder ist, und sie sind auch für die Hygiene der Plastikschläuche zuständig, sehen also eher als Ärzte, ob bereits eine Infektion droht. Zudem zieht auf vielen Stationen das Pflegepersonal die Katheter heraus. Die Wissenschaftler aus Michigan haben deshalb untersucht, wie gut Ärzte und Pfleger bei dieser Aufgabe zusammenarbeiten. Ihr erschreckender Befund: Viele Katheter verbleiben länger als erforderlich im Körper, weil die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegepersonal nicht funktioniert.

Wacharaphong/ iStockphoto/ Getty Images

So erwies sich die Verständigung über die elektronische Patientenakte oft als zu kompliziert. Wollten die Pfleger noch einmal nachfragen, waren die Mediziner häufig nicht zu erreichen. Für einen ausführlichen Austausch war ohnehin kaum Zeit. Und mitunter trauten sich die Pfleger wegen der steilen Krankenhaushierarchie nicht einmal, die Ärzte auf das Thema anzusprechen.

Manager und Piloten wissen: Fehler passieren immer da, wo kommuniziert werden muss. Das Problem mit den Kathetern zeigt exemplarisch, wie wichtig eine bessere Kommunikation zwischen dem Krankenhauspersonal auch für die Sicherheit von Patienten ist. 1927 hieß es noch, das "Überragende" eines Chirurgen liege in seiner "Mitarbeiter und Kranke in seinen Bann zwingenden Persönlichkeit". Heute weiß man: Am Ende ist jeder Operateur nur so gut wie das Team, das hinter ihm steht. Ich persönlich finde einen Arzt, der zuhören kann, auch viel netter als einen, der andere in seinen Bann zwingen will.

Herzlich

Veronika Hackenbroch

Feedback & Anregungen?

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Mord im Paläolithikum! Vor 33.000 Jahren wurde in Rumänien ein Mensch erschlagen. Senckenberg-Forscher haben die Indizien gesammelt.
  • Jotus karllagerfeldi: Forscher benennen "Spinne mit reduziertem Stil" nach Karl Lagerfeld.
  • Doch lieber ein Nummernkonto? Die Cryptowährung Bitcoin verbraucht genauso viel Energie wie die Schweiz.
  • Das Parlament in Österreich hat entschieden, das Pflanzengift Glyphosat zu verbieten. "Das Verbot wird die Umwelt nicht retten", sagt die Expertin Siegrid Steinkellner.
  • Rakete aus dem Drucker: Die Firma Relativity Space will 2020 ein Geschoss in den Weltraum schicken, das zu 95 Prozent aus einem 3-D-Drucker kommt. Druckzeit: 60 Tage.
  • Spyware primitiv: Chinas Grenzer kassieren Touristenhandys ein und installieren eine Spionage-App.
  • Gewichte stemmen bis zum Umfallen: So funktioniert das Fitnessprogramm auf dem Mars.
Elementarteilchen - der wöchentliche Wissenschafts-Newsletter. Elementarteilchen ist kostenlos und landet jeden Samstag gegen 10 Uhr in Ihrem Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter hier:

Quiz*

Wie viele Menschen haben bislang auf der Erde gelebt?

Wie viele Kartoffeln müsste man essen, um den Nikotingehalt einer Zigarette zu sich zu nehmen?

Warum werden auf der Nordhalbkugel die meisten Babys im September geboren?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Eine für Insekten angefertigte 3-D-Brille haben Neurowissenschaftler der Universität von Newcastle einer Gottesanbeterin mit Bienenwachs vor die Augen geklebt. Damit durfte sich das Tier in einem Miniaturkino 3-D-Filme ansehen, die computeranimierte Beute zeigten. Das ungewöhnliche Experiment hatte einen seriösen Hintergrund: Während der Film lief, maßen die Forscher die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn der Gottesanbeterin, um mehr über die komplexe Funktionsweise ihres winzigen Denkorgans herauszufinden.

Newcastle University/ Ferrari Press/ ddp images

Fußnote

8.739.939 Lebensjahre gingen Amerikanern durch tödliche Krebserkrankungen im Jahr 2015 verloren. Das berichtet die American Cancer Society, welche die Daten von Tumorpatienten im Alter von 16 bis 84 Jahren ausgewertet hat. Die meisten Lebensjahre werden dabei durch Lungenkrebs vernichtet. Durch den vorzeitigen Tod entgingen den Betroffenen zudem Gehälter und weitere Einnahmen in Höhe von 94,4 Milliarden Dollar.

SPIEGEL+-Empfehlungsliste Wissenschaft

  • Raumfahrt: Proteste, Pech und Pannen - die wahre Geschichte der Mondlandung
  • Medizin: Sind die bei Kernspinaufnahmen eingesetzten Kontrastmittel schädlicher als gedacht?
  • Unfallforschung: Tödliche Kunst - wenn Kreiselskulpturen die Autofahrer zu sehr ablenken

* Quiz-Antworten: Rund 80 Milliarden. Die Hälfte davon hat in den letzten 2000 Jahren gelebt, obwohl sich der Mensch schon vor rund 200000 Jahren entwickelte / rund 140 Kilogramm / Weil das Sperma des Mannes im Winter von besserer Qualität ist als im Sommer; in der kalten Jahreszeit werden die Samenzellen zahlreicher und vor allem schneller.

Mehr zum Thema
Newsletter
Elementarteilchen - der Wissenschafts-Newsletter


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomcek123 06.07.2019
1. Entwicklungsland
In Deutschlands Kliniken schwärmen alle, auch Chef- und Oberärzte, von den flachen Hierarchien in GB, USA, Skandinavien u.s.w., aber gleichzeitig leben und pflegen sie die 50er-Jahre-Strukturen, die bei uns Alltag sind. Deutschland ist diesbezüglich ein Entwicklungsland. Mich wundert das auch nicht, weil die Kliniken seit Jahrzehnten in ihrem eigenen Saft schmoren. Keinerlei staatliche Kontrolle bezüglich Arbeitszeiten, Mobbing, Gerechtigkeit, Hygiene, Chancenverteilung in der ärztlichen Weiterbildung und so weiter. Die bekannten Qualitäts-Zertifizierungen, mit deren Prädikat die Kliniken auf ihren Websites dann für sich werben können, sind im Prinzip alle Fake! Ich spreche da aus langjähriger Erfahrung.
noalk 06.07.2019
2. Babies im September
Wenn die Theorie stimmt, müssten auf der Südhalbkugel die meisten Babies im März geboren werden. Gibt es Statistiken dazu? In der Regel ist übrigens nicht der Dezember der kälteste Wintermonat, sondern Januar und Februar sind kälter. Die Erklärung mit der Temperatur kommt mir daher etwas an den Haaren herbeigezogen vor.
230666 07.07.2019
3. Kommunikation im Krankenhaus
Man sollte nicht zu pauschal urteilen. Es gibt bereits Arbeitsbereiche, in denen die Kommunikation zwischen, Therapeuten, Pflege und Ärzten klappt. Beispielsweise in der Palliativmedizin und Geriatrie. Auch Didaktiker der Medizin sehen Ressourcen für die Arztausbildung im sogenannten Erfahrungslerneb im Verbund mit Pflege und Therapeuten. Es wird also langsam eine neue Generation herangezogen, die hoffentlich diese Kommunikation besser beherrscht.
willibaldus 07.07.2019
4.
Es gibt bei uns Chirurgen, die operieren nur um ihre Quote von 50 einschlägigen Versorgungen zu erreichen, die zu einer Beförderung berechtigen. Manchmal wird dann auch operiert, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Aus eigener Anschauung weiss ich auch, dass manchmal das Pflegepersonal hervorragend ist, aber das Büro die Organisation drum herum nicht auf die Reihe bekommt. Ich habe auch erlebt, dass bei einer Verlegung von der Spezialklinik in eine Nachsorgeeinrichtung nicht das umgesetzt wurde, was die Spezialklinik angeordnet hatte. ZB wurde dem Patienten die Medikation des Blutverdünners geändert, weil das zuvor verschriebene Medikament moglicherweise zu einer Blutung in der Lunge geführt hatte, die im Thoraxzentrum ausgeräumt wurde. Die Nachsorgeklinik hat das ignoriert und das vormalige Medikament verabreicht und ein paar Dinge mehr Es gibt da große Unterschiede zwischen Kliniken und sonstigen Einrichtungen. Kann man das standardisieren? Gibt es eine unabhängige Kontrollinstanz, vielleicht ein Patientenrechts und schutz Verband? Die Pfleger könnten effektiver organisiert sein, aber da tut sich ja schon was. Davon abgesehen, Fehler und Unterschiede gibt es immer. Sich auf irgendwas verlassen sollte man nicht. Manche Dinge kann man tolerieren, bei manchen muss man protestieren oder eine zweite Meinung einholen.
peterle3 07.07.2019
5. Fallbeispiel
Ich ging am Sonntag in die Notdienst im lokalen Krankenhaus. Der Arzt bestätigte sofort meinen Verdacht auf Thrombose und schickte mich in die Notaufnahme der Klinik. Dort ließ man mich drei Stunden im unterkühlten Notaufnahmeraum warten, trotz meiner schweren Bronchitis. Die junge Assistenzärztin hatte keine Ahnung, hat aber wenigstens im Handbuch nachgeschlagen was eine Thrombose ist. Der Oberarzt ging dann mit mir zur Sonografie (ich war etwas langsamer). Danach meinte er, es sei keine gute Idee wenn ich zurück läufen würde und bestellte ein Bett. Die Dosis einer ersten Spritze war dann nach zwei Nachfragen endlich klar. Auf meine spätere Beschwerde beim "Qualitätsmanagement" des Klinikverbund erhielt ich die Auskunft, der Oberarzt sein in der Ambulanz beschäftigt gewesen. Preisfrage: Weshalb hat mich das unterbeschäftigte Personal in der Notaufnahme nicht in die Ambulanz geschickt?? Etlliche Fachverbände betrachten eine tiefe Venenthrombose per definitionem als Notfall, der sofortiger Behandlung bedarf. Hier klappte nichts in der Kommunikationskette, und das Management lieferte anschließend nur faule Ausreden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.