Pazifik-Eroberer Völkerwanderung im Stillen Ozean

Fast 1000 Jahre vor der Gründung Roms haben die Polynesier begonnen, die unermessliche Inselwelt des Pazifiks zu erobern. Forscher rekonstruieren heute, wie Klima-Eskapaden die Seefahrer in ihren Nussschalen bis nach Amerika gebracht haben.

Von Joachim Schüring


Bis heute erzählen auf der Osterinsel die Alten den Jungen, wie ihre Urahnen einst übers Meer in die neue Heimat kamen. Es ist die Geschichte von Hau Maka, dem "königlichen Tätowierer" am Hof des mythischen Häuptlings der Insel Hiva. Eines Nachts träumt Hau Maka, dass sein Geist auf Reisen geht und eine neue Heimat für das Oberhaupt findet. Als der König von dem Traum hört, erteilt er den Männern sogleich den Auftrag, die Insel zu suchen. Sie bepacken ihr Kanu mit Yamswurzeln, Süßkartoffeln und anderem Proviant und segeln ins Ungewisse. Gut einen Monat später landen sie endlich am ersehnten Strand. Rapa Nui, wie das Eiland von seinen Bewohnern später genannt wird, sieht genau so aus, wie es dem Tätowierer im Traum erschienen war.

Natürlich ist die Geschichte von den Urvätern der Osterinsulaner eine Legende. Schriftliche Überlieferungen gibt es nicht – es sei denn, sie finden sich auf den in der Rongorongo-Sprache verfassten "sprechenden Hölzern". Doch die konnte bis heute niemand entziffern. Einen wahren Kern könnte die Sage immerhin enthalten. So spricht manches dafür, dass das Hiva jenes sagenhaften Häuptlings in der Inselgruppe der Marquesas im heutigen Französisch-Polynesien lag – dort zumindest kommt der Name heute mehrfach vor. Auch ist die Distanz von da nach Rapa Nui mit einem hochseetauglichen Segelschiff durchaus in den 38 Tagen zu schaffen, die Hau Maka und seine Mannen angeblich benötigten.

Mit der Osterinsel hatten die Polynesier um 500 n. Chr. auch das allerletzte Stückchen Land im Pazifik in Besitz genommen – und blickten auf eine rund 35.000 Jahre lange Seefahrertradition zurück.

Ganz am Anfang und ganz im Westen hatten die ersten Jäger und Sammler Südostasiens zunächst den während der Eiszeit niedrigeren Meeresspiegel genutzt und Neuguinea und Australien besiedelt – beide gehörten damals noch zu einem Kontinent: Sahul. Doch auch die Admiralitätsinseln und die Salomonen wurden in jener Zeit bereits in Besitz genommen. Ohne seetüchtige Boote wäre das nicht möglich gewesen. Um 8000 v. Chr. begannen die Kolonialisten bereits Ackerbau zu betreiben. Von Insel zu Insel handelte man mit Gütern wie zum Beispiel Obsidian.

Gegen 1500 v. Chr. – der Meeresspiegel war längst wieder angestiegen – bekam die melanesische Urbevölkerung Neuguineas Konkurrenz im eigenen Land. Fremde gingen an Land, die aus Taiwan und dem Südosten Chinas stammten. Diese Austronesier waren erfahrene Seeleute und hatten ihre Kanus bereits mit Auslegern versehen, sodass sie gegen Windböen und Wellenschlag viel unempfindlicher waren. So gerüstet erreichten sie rasch die Inseln Melanesiens und bis 1000 v. Chr. schließlich auch Tonga und Samoa. Innerhalb einiger Jahrhunderte hatten sie über eine Distanz von viertausend Kilometern unzählige Inseln in Beschlag genommen.

Besiedlung der Südsee: Mit El Niño nach Osten
Abenteuer Archäologie / EMDE-Grafik

Besiedlung der Südsee: Mit El Niño nach Osten

Zu den wichtigsten archäologischen Zeugnissen dieser raschen Landnahme gehören die typischen Keramiken, die dem Kulturkomplex den Namen Lapita eintrugen (das Wort entspricht der lautmalerischen Umsetzung des neukaledonischen Worts xaapeta: ein Loch graben). Charakteristisch sind Tonfiguren in Tier- und Menschengestalt sowie Koch- und Vorratsgefäße mit filigranen geometrischen Mustern, die mit kammähnlichen Stempeln aufgebracht wurden. Manche dieser Designs überlebten bis heute und sind etwa als Tätowierungen zu bewundern.

Ein Blick auf die Karte zeigt, dass für die Fahrt von Tonga und Samoa zum nächsten Ziel – den Cook-Inseln – eine riesige Strecke auf dem offenen Ozean zu überwinden war. Erst einige Jahrhunderte vor Christi Geburt konnten die Schiffbauer große Doppelkanus bauen, die leicht achtzig Passagiere trugen und tausend Kilometer auf offener See zurücklegen konnten. Nun vermochten die Polynesier – die Nachfahren der Lapita-Leute – auch die große Lücke zwischen Samoa und den Cook-Inseln zu überwinden. Als in Europa während der Völkerwanderungszeit germanische und slawische Stämme in den Westen zogen, erreichten die Südseefahrer schließlich alle restlichen Inseln.



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