Peer Review Verlag will Kollegen-Kontrolle patentieren lassen

Zur Qualitätssicherung lassen viele Wissenschaftsmagazine ihre Artikel von anderen Forschern überprüfen. Oft sorgt das sogenante Peer-Review-Verfahren aber für Streit. Ein Fachverlag aus der Schweiz hat nun ein elektronisches Verfahren entwickelt - und darauf ein Patent angemeldet.
Universitätsbibliothek Freiburg: "Das Ganze radikal neu gestalten"

Universitätsbibliothek Freiburg: "Das Ganze radikal neu gestalten"

Foto: Patrick Seeger/ picture-alliance/ dpa

Die moderne Wissenschaft ist ohne den kritischen Blick von Kollegen kaum denkbar. Wenn ein Forscher eine Studie in einem Fachblatt wie "Science" oder "Lancet" veröffentlichen will, muss er seine Arbeit von anderen Wissenschaftlern begutachten lassen, die daran nicht beteiligt waren. Dies soll Fehler und Forschungsbetrug verhindern. Nicht nur Fachzeitschriften nutzen dieses sogenannte Peer Review zur Qualitätssicherung, auch bei der Bewilligung von Forschungsgeldern ist das Kollegenurteil mitentscheidend. Nur was bei den "Peers" gut ankommt, wird veröffentlicht oder gefördert.

Immer wieder gerät das Verfahren jedoch in die Kritik. Es ist teuer und dauert vielen Forschern zu lange. Mancher Wissenschaftler klagt auch über den sogenannten Matthäus-Effekt, der dazu führen soll, dass namhafte gegenüber unbekannten Forschern bevorzugt werden. Zudem argumentieren einige, dass Peer Review Innovationen verhindert - weil es etablierte Methoden und Denkweise bevorzugt.

Ein Schweizer Hirnforscher will nun ein softwarebasiertes Peer-Review-Verfahren patentieren lassen, das manches dieser Probleme - zumindest theoretisch - lösen könnte. Bereits im vergangenen Jahr hat Henry Markram, Gründer des Verlags Frontiers Media  in Lausanne, das Patent angemeldet. "Frontiers hat versucht, das Ganze radikal neu zu gestalten", sagte Markram der Webseite des Wissenschaftsmagazins "Nature" . "Wir fanden, dass es wichtig ist, einige strategische Vorteile zu haben." Es gehe nicht darum, anderen Restriktionen aufzuerlegen, "das ist eher eine defensive Strategie". Offenbar will Frontiers Media einfach nur anderen zuvor kommen, die ein elektronisch organisiertes Peer Review ebenfalls zum Patent anmelden könnten.

Frontiers Media verkauft seine Fachblätter nicht teuer an Forscher und Institutsbibliotheken - sie sind vielmehr als Open-Access-Magazine frei im Internet zugänglich. Das Patent umfasst allein den Peer-Review-Prozess. Die Software schlägt für Artikel mögliche Gutachter vor. Zudem können Gutachter und Autoren Studien online diskutieren und überarbeiten. Alle Beteiligten könnten den Ablauf einer solchen Diskussion nachlesen - so wie man es aus Online-Diskussionsforen kennt.

Erst anonym, dann bekannt

Während des Review-Prozesses bleiben die Gutachter anonym. Bei der endgültigen Publikation der Forschungsarbeit werden die Namen dann aber veröffentlicht. Dies führt laut Frontiers Media dazu, dass Gutachter-Kommentare überlegter und konstruktiver sind. Niemand könne sich mehr hinter der Anonymität verstecken, sagte Markram.

Ulrich Pöschl, Chefredakteur des Open-Access-Journals "Atmospheric Chemistry and Physics" , sieht die Patentpläne von Markram mit Skepsis. "Interaktive Diskussionen unter Gutachtern im Internet gibt es schon länger", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sein Magazin nutze eine ganz ähnliche Software. "Auch bei der Zuweisung von Ko-Editoren ist bei uns ein starker Automatismus drin." Für Patente im Bereich Peer Review sehe er deshalb wenig Platz, "das meiste wird ohnehin schon gemacht".

Elektronisches Peer Review hält der Forscher aber auf jeden Fall für die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens. "Was wir machen ist viel effizienter als bei klassischen wissenschaftlichen Zeitschriften. Wir ersparen dem Steuerzahler so sehr viel Geld."

Experten, denen man trauen kann

Peer Review entstand bereits im 17. Jahrhundert. Die Royal Society in England stand damals vor dem Problem, dass ihr unbekannte Forscher über Beobachtungen und Experimente berichteten. Waren diese Personen zuverlässig und ihre Aussagen glaubwürdig? Zumindest für die Mitglieder der Royal Society wurde diese Frage uneingeschränkt mit Ja beantwortet. Alle anderen rangniederen Forscher brauchten einen Bürgen - oder mussten ihr Experiment vor den Mitgliedern wiederholen. Nur dann konnte eine Forschungsarbeit in der Zeitschrift "Philosophical Transactions of the Royal Society" publiziert werden.

Obwohl fast alle Fachzeitschriften heutzutage Peer Review nutzen, ist das Verfahren selbst nicht standardisiert. Mal bleiben die Gutachter anonym, mal nicht. Mal sind die Beurteilungen öffentlich einsehbar, mal nicht. In jedem Fachblatt und in jeder Forschungsdisziplin können die Usancen anders sein.

Meike Olbrecht vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung  in Bonn kennt die Probleme des Verfahrens genau. Sie und ihre Kollegen arbeiten für die Deutsche Forschungsgemeinschaft ( DFG ), die über die Vergabe von Fördermitteln im Peer-Review-Verfahren entscheidet.

"Dem Verfahren wird immer wieder vorgeworfen, unter anderem Konservatismus, Ideenklau und Vetternwirtschaft zu fördern", sagt Olbrecht. Auch Frauen sollten zum Beispiel dabei benachteiligt werden. Eindeutige Beweise dafür fehlten jedoch. "Studien dazu kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen", betont die Forscherin. "Viele sagen deshalb: Peer Review ist wie die Demokratie - nicht perfekt, aber etwas Besseres ist nicht in Sicht."

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