Pentagon-Pläne Handliches Höllenfeuer

Das US-Militär entwickelt einen neuartigen Nuklearsprengstoff, der schon in kleinsten Mengen ungeheure Vernichtungskräfte entfesseln, zugleich aber auch in Kleinstwaffen eingesetzt werden kann. Experten warnen bereits vor einem neuen globalen Wettrüsten.


Nuklearexplosion: Isomere können in großem und kleinem Maßstab eingesetzt werden
AP

Nuklearexplosion: Isomere können in großem und kleinem Maßstab eingesetzt werden

Nukleare Isomere könnten nach Plänen des US-Verteidigungsministeriums der Sprengstoff der Zukunft sein. In seiner "Liste der militärisch kritischen Technologien" traut das Pentagon den brisanten Stoffen zu, "alle Aspekte der Kriegführung zu revolutionieren".

Angeregte Atomkerne, so genannte nukleare Isomere, sind schon lange bekannt für ihre Eigenschaft als effektive Energiespeicher, die im Vergleich zu spaltbarem Kernbrennstoff relativ ungefährlich sind. Elemente wie Hafnium können in einem angeregten Zustand existieren und geben ihre Energie langsam in Form von Gammastrahlung ab. Hafnium-178m2 etwa, vom US-Militär und der amerikanischen Luftwaffe als heißester Kandidat für zukünftige Isomer-Waffen ausersehen, hat eine Halbwertszeit von 31 Jahren.

Explosionsartiger Ausbruch von Gammastrahlung

Der Zerfallsprozess aber kann durch Einwirkung von außen derart beschleunigt werden, dass sich die Energie explosionsartig entlädt. 1999, schreibt das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist", wiesen Forscher der University of Texas den Effekt experimentell nach: Sie beschossen Hafnium mit Niedrigenergie-Röntgenstrahlen, lösten den Zerfallsprozess damit künstlich aus und setzten 60 Mal mehr Energie frei, als sie eingesetzt hatten. Theoretisch, merkten die Forscher damals an, könnten noch weit höhere Energieausbrüche erzielt werden.

Atomreaktor in den USA: Gewaltiger Aufwand für Isomer-Herstellung
DPA

Atomreaktor in den USA: Gewaltiger Aufwand für Isomer-Herstellung

Nur ein Gramm des Hafnium-Sprengstoffs könnte laut "New Scientist" die Kraft von 50 Kilogramm TNT entwickeln. Der Einsatz einer solchen Waffe würde durch harte Gammastrahlung alle Lebewesen in der unmittelbaren Umgebung töten und dabei weniger radioaktiven Niederschlag auslösen als eine herkömmliche, auf Kernspaltung beruhende Atomwaffe.

Chance für Militärs, Gefahr für den Frieden

Schon sieht das Pentagon die Chance, kompakte Waffen von großer Vernichtungskraft zu entwickeln. Nukleare Isomere besitzen eine Eigenschaft, die sie für Militärs interessant, für die globale Friedensarchitektur aber brandgefährlich macht: Im Gegensatz zu Uran ist keine kritische Masse für eine Explosion notwendig. Isomer-Waffen können damit auch in weniger vernichtenden Größenordnungen eingesetzt werden - und würden die bisher eindeutige Grenze zwischen konventioneller und nuklearer Kriegführung verschwimmen lassen.

Pentagon-Chef Rumsfeld: Spiel mit dem nuklearen Feuer
REUTERS

Pentagon-Chef Rumsfeld: Spiel mit dem nuklearen Feuer

Die US-Regierung verstärkte diese Grenze erst 1994: Mit dem Spratt-Furse-Gesetz wurde dem US-Militär untersagt, Atomwaffen mit einer Sprengkraft von weniger als fünf Kilotonnen TNT herzustellen. Seit aber George W. Bush Präsident und Donald Rumsfeld Verteidigungsminister ist, hat sich die Nuklearpolitik der Supermacht radikal gewandelt: Der Einsatz so genannter "Mini-Nukes" gehört mittlerweile zur offiziellen Sicherheitsdoktrin der USA. Für deren Motto, überall in der Welt in kürzester Zeit militärisch zuschlagen zu können, wirken kleinformatige Isomer-Bomben wir geschaffen.

Hafnium aus dem Teilchenbeschleuniger

Experten warnen für den Fall, dass das Pentagon solche Waffen entwickelt, vor einem neuen weltweiten Rüstungswettlauf. André Gsponer vom Independent Scientific Research Institute in Genf glaubt, dass ein Staat ohne Isomer-Waffen im Krieg gegen ein Land, das die Hightech-Bomben besitzt, nicht bestehen könnte. "Viele Länder würden sich dann zur Abschreckung Atombomben zulegen."

Allerdings ist die Produktion von Isomer-Waffen noch mit enormen technischen Schwierigkeiten verbunden. Derzeit gewinnen die Militärs Hafnium-178m2, indem sie Tantal mit Protonen bombardieren. Für dieses Verfahren aber, schreibt der "New Scientist", ist entweder einen Atomreaktor oder ein Teilchenbeschleuniger notwendig.

In sechs Jahren von der Theorie zu Hiroshima

Die US-Luftwaffe bezieht das Hafnium dem Bericht zufolge von einer Firma namens SRS Technologies mit Sitz in Huntsville (Alabama). Bisher werde Hafnium-178m2 dort nur in Mengen von Zehntausendstel Gramm produziert, doch halte SRS-Chefwissenschaftler Hill Roberts die Produktion von Gramm-Größenordnungen innerhalb der nächsten fünf Jahre für machbar.

Der Preis des brisanten Stoffes würde etwa dem von angereichertem Uran entsprechen: Die US-Regierung müsste mehrere tausend Dollar pro Kilogramm auf den Tisch legen. Da Hafnium aber auch in kleinsten Mengen als Waffe eingesetzt werden kann, könnte mit ähnlichem Finanzaufwand eine größere Zahl von Sprengsätzen gebaut werden wie etwa mit Uran.

Das Pentagon räumt in der "Liste der militärisch kritischen Technologien" ein, dass der praktische Einsatz von Isomer-Waffen noch Jahre oder gar Jahrzehnte in der Zukunft liegt. Allerdings enthält das Dokument auch eine Warnung an alle Skeptiker: "Wir sollen uns erinnern, dass zwischen der ersten wissenschaftlichen Publikation über das Phänomen der Kernspaltung und dem ersten operativen Einsatz weniger als sechs Jahre vergingen." Im Januar 1939 veröffentlichte das Magazin "British Nature" einen Artikel über die Kernspaltung, im August 1945 fiel Hiroshima der Atombombe zum Opfer.

Markus Becker



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