"Personal Genome Project" Zehn Forscher veröffentlichen ihre Gene im Netz

Sie tun es im Dienste der Wissenschaft: Zehn US-Froscher wollen einen Großteil ihrer Gene im Internet veröffentlichen. Sie unterstützen damit das Personal Genome Project, das Gendaten für die medizinische Forschung sammelt. Das Ziel: 100.000 sequenzierte Genome.


Craig Venter hat es getan, James Watson auch. Beide waren Pioniere in der Genforschung und sie waren die ersten Menschen, die letztes Jahr ihre gesamte Erbgut-Sequenz im Internet veröffentlichten. Nun folgen ihnen zehn Wissenschaftler und gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie wollen neben der DNA-Sequenz von rund einem Fünftel ihrer Gene auch ihre gesamten medizinischen Daten im Internet veröffentlichen. Zum Wohle der Forschung.

Die Daten sollen auf der Webseite des " Personal Genome Project" (PGP) abrufbar sein. Angeführt wird die Initiative von George Church, PGP-Gründer und Genetik-Professor an der Harvard Medical School. Unter den Freiwilligen werden auch der Harvard-Psychologe Steven Pinker, John Halamka von der Harvard Medical School und Internet-Pionierin Esther Dyson sein.

Ziel des PGP-Projektes ist es, 100.000 Genome zu sammeln und zu veröffentlichen - zur medizinischen Forschung. Dazu können sich Privatpersonen anmelden und ihr Genom sequenzieren lassen, kostenlos oder zu einem freiwilligen Selbstbetrag.

Allerdings erklären sie sich damit auch bereit, ihr Genom für wissenschaftliche Zwecke zu veröffentlichen. Dabei kann der Teilnehmer den Grad der Zugänglichkeit seiner Daten selbst bestimmen - ob sie etwa nur bestimmen PGP-Wissenschaftlern, oder einem erweiterten Kreis von Wissenschaftlern oder für jedermann auf der PGP-Webseite den Zugriff erlauben.

Gen-Vokabular
Das menschliche Genom
Der Mensch hat in jeder seiner Körperzellen zweimal 23 Chromosomen. Die sind nichts anderes als lange Stränge von Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA. Sie setzt sich unter anderem zusammen aus vier Grundbausteinen, den Nukleinbasen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin (abgekürzt A, C, G und T). In der DNA-Doppelhelix sind die Basen in Paaren angeordnet. Die menschliche DNA besitzt etwa drei Milliarden Basenpaare. Bestimmte Abschnitte von Basenpaaren bilden Gene - die Blaupause für die Proteine. Nach derzeitiger Schätzung hat der Mensch etwa 25.000 Gene.
SNPs
Das Erbgut zweier Menschen ist sich zu 99,9 Prozent ähnlich, alle angeborenen Unterschiede werden von weniger als 0,1 Prozent der DNA bestimmt. Ein großer Teil dieser Variationen sind sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs oder "Snips") - Teilstücke der langen Buchstabensequenz aus A, C, G und T, die sich in genau einem Buchstaben unterscheiden, etwa wie diese beiden: GATCGA - GATGGA. Viele der häufigsten Krankheiten können mit dem Auftreten bestimmter SNPs in Verbindung gebracht werden. Jeder einzelne SNP hat aber unter Umständen nur einen schwachen Effekt.
Haplotyp
Haplotyp nennt man Gegenden auf dem DNA-Strang eines Chromosoms, in denen bestimmte SNPs gehäuft auftreten. Größere Gruppen von Menschen teilen oft den gleichen Haplotyp. Wer an einer bestimmten Stelle ein A und an einer anderen ein C hat, bei dem lässt sich dann vorhersagen, wie alle anderen SNPs in der betreffenden Sequenz aussehen - ohne, dass man jeden Buchstaben einzeln untersuchen muss.
HapMap
Im Oktober 2007 wurde die HapMap (die Haplotyp-Karte) publiziert. Mit großem Aufwand sammelte ein internationales Konsortium von Wissenschaftlern dafür DNA von Menschen aus verschiedenen Weltgegenden. Nahezu alle Haplotypen, die häufiger als bei fünf Prozent der Menschheit vorkommen, sollen auf der HapMap erfasst sein. Das spart bei Genom-Untersuchungen Arbeit: Kennt man einige entscheidende SNPs einer Person, kann man nun auf den Haplotyp in dieser Region der DNA schließen, weiß also automatisch über alle anderen SNPs der Person in diesem Bereich bescheid. Analysen werden einfacher - und billiger. Die HapMap-Daten sind frei verfügbar.

Die Kosten des Projekts dürften zumindest anfangs enorm sein. Derzeit kostet eine komplette Sequenzierung nämlich noch mehrere hundertausend Dollar. Ein Unternehmen aus Kalifornien will das ändern und ab 2009 eine vollständige Genom-Sequenzierung für 5000 Dollar anbieten.

John Halamka sagte, seine Gen-Daten zeigten erhöhte Risiken für gewisse Erkrankungen, darunter Prostata-Krebs und eine neurologische Erkrankung. Er sagte, die Kenntnis dieser Risiken könne ihm bei der nächsten Untersuchung hilfreich sein.

Seit einiger Zeit bieten Firmen wie 23andMe, Decode Genetics oder Complete Genomics kommerzielle Gen-Sequenzierung für Privatpersonen an. Allerdings werden die Daten nicht veröffentlicht. Die Firmen versprechen den Kunden, anhand der Daten Risikoabschätzungen für gewisse Erkrankungen oder Vorhersagen zu Lebensdauer und Entwicklung äußerlicher Merkmale wie Haarausfall. Bei einer 399 Dollar teuren Genanalyse von 23andMe erfährt der Kunde so bei 70 Merkmalen, wie es aufgrund seines Erbgutes um ihn bestellt ist. Der Erkenntniswert dieser kommerziell angebotenen Genanalysen ist allerdings gering - bislang zumindest.

lub

Ergänzung: 23andme hat den Preis seiner Genanalyse mittlerweile von 999 auf 399 Dollar gesenkt, im Text stand zuvor der höhere Preis. Dies ist nun korrigiert.



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