Ausgrabungen in Peru Die Großwildjägerin aus der Steinzeit

Männer gingen auf die Jagd, Frauen sammelten Essbares in der Natur? Von wegen. Die Gesellschaft der Steinzeit war in Amerika wohl moderner als angenommen, zeigt ein Fund aus Peru.
Illustration einer Jägerin aus den Hochanden

Illustration einer Jägerin aus den Hochanden

Foto: Matthew Verdolivo / UC Davis IET Academic Technology Services

In der Steinzeit schien es nicht weit her mit der Gleichberechtigung. Der Mann zog mit der Keule los und schaffte den Braten ran. Die Frau wartete derweil am Feuer, bereit, das Erlegte in eine proteinreiche Mahlzeit zu verwandeln. Allenfalls zogen Frauen in die Natur, um Essbares aufzulesen.

Mann gleich Jäger, Frau gleich Sammlerin – so schlicht schien die Formel der paläolithischen Arbeitsteilung in der Forschung lange Zeit.

Doch es könnte auch ganz anders gewesen sein. Das legt jedenfalls ein Fund aus dem heutigen Peru nahe. Vor 9000 Jahren gingen Frauen dort offensichtlich auf die Großwildjagd, berichten Randall Haas von der University of California in Davis und seine Kollegen in der Zeitschrift "Science Advances" .

20.000 Fundstücke freigelegt

Die Archäologen hatten im Andenhochland nahe einer Ortschaft namens Wilamaya Patjxa im Süden des Landes im Jahr 2018 Ausgrabungen durchgeführt, nachdem ihnen Einheimische von Steinwerkzeugen berichteten, die sie dort gefunden hatten. Bei der Grabung in fast 4000 Meter Höhe legten die Forscher mehr als 20.000 Fundstücke frei – das meiste davon sogenannte Abschläge, die bei der Herstellung von Steinwerkzeugen entstehen.

Auch einige Totenstätten wurden gefunden, in zwei der Gräber lagen neben den Knochen der Toten Beigaben wie Speerspitzen und Tierverarbeitungswerkzeugen – typische Jagdutensilien der damaligen Zeit. Die Forscher gingen deshalb davon aus, dass hier Jäger beerdigt worden waren. Die Objekte, die Menschen im Tod begleiten, haben in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt, schreiben die Forscher.

Der Blick der Anthropologen James Watson von der University of Arizona auf die Überreste offenbarte Überraschendes: Eine der Toten war eine Frau. Experten können das Geschlecht anhand der Knochen eines Menschen erkennen, da Skelette von Männern und Frauen jeweils typische geschlechtliche Merkmale aufweisen. Die Jägerin starb jung und war nicht älter als 19 Jahre, schätzen die Forscher aufgrund ihrer Zähne.

Nun hebt ein einziger Fund noch nicht die lang gehegte Hypothese vom Mann als Jäger auf – das wussten auch Haas und sein Team. Denn die Grabbeigaben sind kein zwingender Beleg für die Profession der Frau. Und vielleicht war die Jägerin von Wilamaya Patjxa ja eine Ausnahmeerscheinung der damaligen Zeit.

Um das zu prüfen, warfen die Forscher einen Blick auf frühere Funde. Dabei half ihnen, dass die Anzahl der entsprechenden Gräber in Nord- und Südamerika überschaubar ist. Sie fanden die Daten von 429 Ruhestätten an 107 Standorten. Von diesen waren nur 27 Menschen mit vergleichbaren Jägerwerkzeugen bestattet worden. Elf waren weiblich und 15 waren männlich. Die Stichprobe lieferte einen weiteren Beleg dafür, dass Frauen damals einen wichtigen Beitrag zur Jagd geleistet haben könnten. Nach Schätzungen der Forscher lag der Frauenanteil unter Jägern damals bei 30 bis 50 Prozent.

Diese Steinwerkzeuge wurden bei der Grabung gefunden. Neben Pfeilspitzen sind auch Mesesr und Schaber dabei, mit denen den Beutetieren das Fell abgezogen werden konnte.

Diese Steinwerkzeuge wurden bei der Grabung gefunden. Neben Pfeilspitzen sind auch Mesesr und Schaber dabei, mit denen den Beutetieren das Fell abgezogen werden konnte.

Foto: Randy Haas / UC Davis

"Das steht in krassem Gegensatz zu rezenten Jäger und Sammler-Gesellschaften und sogar zu landwirtschaftlichen und kapitalistischen Gesellschaften, in denen die Jagd eine ausgesprochen männliche Domäne mit einer geringen Beteiligung von Frauen ist", sagt Haas. "Wir glauben, dass diese Ergebnisse angesichts der aktuellen Diskussionen über geschlechtsspezifische Arbeitspraktiken und Ungleichheit besonders aktuell sind", fügte er hinzu. Für die Wissenschaftler wirft die Studie auch neue Fragen auf. Sie wollen nun klären, wie sich die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau in Amerika im Laufe der Zeit verändert hat.

Die Jägerin von Wilamaya Patjxa war wohl eine Pionierin ihrer Zunft. Jedenfalls ist ihr Grab das älteste einer Jägerin, berichten die Forscher. Was die Frau damals erbeutete, ist unklar. Bei der Grabung fanden die Archäologen jedenfalls zahlreiche Tierknochen. Darunter waren Reste von Nordandenhirschen (Hippocamelus antisensis) und von Vicuñas (Vicugna vicugna). Diese Säuger ähneln Lamas und sind mit Alpakas verwandt. Sie leben noch heute in großer Höhe an den Hängen der Anden.

joe
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