Pest in Venedig Das große Sterben

Keine europäische Metropole des frühen 17. Jahrhunderts war besser auf die Pest vorbereitet als Venedig: strikte Hygienevorschriften, eine Gesundheitsbehörde, die ankommende Schiffe kontrolliert, die erste Quarantänestation der Welt. Und doch kam es zur Katastrophe.
Von Walter Saller

Das Venedig der Patrizier ist im frühen 17. Jahrhundert eine Stadt des Wohlstands und des grandios in Szene gesetzten Reichtums. Gleich neben den prächtigen Palästen der nobili aber liegt ein anderes Venedig.

Es ist das Venedig der Arbeiter und der Armen. Der Weber und der Wachszieher, der Färber, Flößer, Seifensieder und Kanalreiniger, der Tagelöhner und der Bettler. Ein Venedig übervölkerter Mietshäuser. Und es ist das Venedig des Hafens, der Seeleute und der Pilger. Weil die Stadt das Tor zum Orient und nach Afrika ist.

Ein buntes Gewirr von Völkern und Sprachen beherrscht Plätze und Gassen. Man sieht türkische Muslime mit Turban und Juden mit Schläfenlocken, arabische Kaufleute, schwarzafrikanische Gondolieri. Hier betreten Händler und Reisende aus aller Welt erstmals europäischen Boden. Auch Söldner aus ganz Europa. Denn in Oberitalien herrscht Krieg um Mantua. Und die Pest.

Wieder einmal.

Am 8. Juni 1630 kommt ein Diplomat des Herzogs von Mantua mit seinem Gefolge nach Venedig. Und mit ihm die Pest. Schon oft ist die Stadt von der Seuche erschüttert worden. Allein zwischen 1348 und 1575 wurde sie mehr als 20-mal heimgesucht. Meist kommt die Epidemie mit den großen Handelsschiffen nach Venedig. Eingeschleppt von Rattenflöhen, die den Erreger in sich tragen. Stirbt die Ratte an der Seuche, springen die Flöhe auf einen anderen Wirt. Auch auf Menschen.

Ratten sind in Venedig allgegenwärtig. Sie krabbeln vor der Kirche Santo Stefano, auf der Piazza San Marco und bei den Läden an der Rialtobrücke. Bei den Armeniern in der Calle degli Armeni, bei den Griechen um San Giorgio dei Greci und bei den Juden im Ghetto. Bei den Albanern am Campo San Maurizio, im Kaufhof der Deutschen und am Fondaco dei Turchi, dem Handelssitz der Türken.

Venedig ist der Schnittpunkt von Okzident und Orient. Die Handelsmetropole gewährt Fremden mehr Freiheiten als andere Städte. Und sie gestattet ihnen, eigene Kirchen zu errichten.

Eine der größten ausländischen Gemeinden ist die der Griechen. Schon vor der Jahrtausendwende lebten Hellenen in Venedig. Seit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 zählt ihre Gemeinschaft mehr als 10.000 Mitglieder. 1514 erhalten sie die Genehmigung für den Bau ihrer orthodoxen Kirche: San Giorgio dei Greci.

Auch Armenier wohnen seit langem in Venedig. Ihre Kirche Santa Croce weihen sie im Jahr 1496. Früh, seit 1228, verfügen auch deutsche Händler und Handwerker über einen Handelsstützpunkt in der Stadt, gleich neben der Rialtobrücke.

So herrscht in Venedig ein beständiges Kommen und Gehen. Und wenn es in Europa eine Pforte für die Seuchen der Welt gibt, dann ist es meist die Hafenstadt in der Lagune mit ihren Schwärmen von Schiffen und dem Heer der Händler und Reisenden.

In den Gassen der Armen, wo sich Schmutz und Unrat sammeln, werden die Ratten mitunter zur Plage. Etwa am Rio Marin im Stadtteil Santa Croce, nahe dem westlichen Ende des Canal Grande. In dem dicht bebauten Viertel drängen sich einfache Handwerker, Hilfsarbeiter, Fischer und die Angehörigen der niedrigsten Berufe. Totengräber, Abfallsammler, Huren, Kastrierer, Brunnenreiniger, Bettler. Schäbige Mietshäuser und Spelunken prägen das Bild.

Die Wohnungen sind häufig dunkel und feucht. Schimmel überzieht die Wände. Manchmal sind die Treppenhäuser so eng, dass ein in den oberen Stockwerken Verstorbener nicht auf der Bahre ins Freie gebracht werden kann, sondern nur auf dem Rücken eines Trägers.

Der Hausrat der Menschen ist bescheiden. Sie besitzen in der Regel Bett, Sitzbank und casse – Truhen aus Holz, die gelegentlich rot oder grün bemalt sind. Den billigsten der Farben. In den Truhen lagert die Kleidung. Teure Möbel wie Stühle und Schränke sind in den Häusern am westlichen Ende des Canal Grande dagegen selten.

Zu Ostern verschenken die Menschen würziges Fladenbrot aus Hefeteig. Zu Weihnachten süßen Mandelkuchen und in Senfsirup eingelegte Früchte. Zu Sankt Martin essen sie Maronen und Quittenbrot, im Karneval in Fett gebratenes Gebäck. Andere Speisen – Fasane, Pfauen und Rebhühner etwa oder Süßwasserfische – sind der Tafel des Dogen vorbehalten.

Aber solche Delikatessen sind in den Mietskasernen am Rio Marin ohnehin nicht zu finden. Dort nehmen die Venezianer Gnocchi aus Mehl zu sich sowie Brot, Sardellen, Makrelen und Brassen. Dazu trinken sie Wasser aus den öffentlichen Zisternen und einfache Weine.

Viele Handwerker arbeiten daheim. So die Schneider und Seidenspinner mit ihren Scheren, Spinnrädern, Schneidertischen, Ballen von Stoff oder Werg. Und in jedem der Häuser sammeln sich Ratten.

Sie tummeln sich am Rialto, wo man die Geldgeschäfte abwickelt und Schiffsladungen löscht und lagert. Wo ein gewaltiger Kornspeicher steht und die öffentliche Waage und es Mehl, Getreide und Wein in Tavernen gibt, Märkte mit Fisch und Fleisch sowie Tausende von Huren, die in Hauseingängen auf Kunden warten.

Auch auf dem Mittwochsmarkt am Campo San Polo und auf dem großen Samstagsmarkt auf der Piazza San Marco mit seinen Ständen für Obst, Gemüse, Kräuter und Geflügel krabbeln Ratten. Ebenso auf dem weitläufigen Gelände des Arsenal, der größten Schiffswerft Europas. Und auf Murano, der Glasbläser-Insel, wo Spezialisten das hoch begehrte venezianische Glas fertigen. Pokale, Kelche, Vasen sowie Spiegel und Fensterglas.

Meist klagen als Erste die Obdachlosen über geschwollene Drüsen in der Leiste und unter den Achseln. Über Fieber und über Schmerzen im Kopf und in den Gliedern. Dann breiten sich dunkle Flecken an ihren Hüften aus.

Der Schwarze Tod.

Der Schwarze Tod

Seit der großen Pestkatastrophe zwischen 1347 und 1353 hat die Plage Europa mehrfach in Wellen überfallen. Damals raffte die Seuche ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents dahin. "Es starben so viele Menschen", berichtet der Chronist Agnolo di Tura aus Siena, "dass sie, selbst gegen Entgelt, keiner mehr begraben wollte. Man bedeckte den Toten mit etwas Erde, damit die Hunde ihn nicht fraßen."

Einfallstore der Pest sind vor allem die großen Hafenstädte wie Genua und Venedig, die mit der ganzen Welt Handel treiben und über die schon mehrfach Seuchen eingeschleppt worden sind.

Zehntausende von Venezianern sterben 1348 an der Epidemie.

Zunächst grassiert sie unter Bettlern und Obdachlosen. Als man bemerkt, dass im Hafen immer mehr Fremde mit Pestsymptomen an Land gehen, befiehlt der Senat, "anzuschlagen, dass von den Gebieten außerhalb Venedigs kein Kranker mehr einreisen darf. Und zwar unter Androhung der Galeerenstrafe und Verbrennung des betreffenden Schiffes."

Im Jahr 1423 lässt der Magistrat von Venedig erstmals ein Pestkrankenhaus errichten. Das Lazzaretto Vecchio liegt auf einer Insel südlich der Stadt, unmittelbar vor dem Lido. Doch hier wird niemand geheilt – denn eine wirksame Arznei gegen die Seuche gibt es nicht. Die Gräber der Pestopfer säumen das Krankenhaus.

1468 wird auf einer zweiten Lazarettinsel, drei Kilometer nordöstlich von Venedig, das Lazzaretto Nuovo gegründet und in den Jahren darauf zur ersten Quarantänestation der Welt ausgebaut. Eine revolutionäre Neuerung.

Dort lässt der Senat nicht die bereits an der Seuche erkrankten Patienten unterbringen, sondern all jene, bei denen der Verdacht auf Pest besteht. Sowie die überlebenden Kranken des Lazzaretto Vecchio, die zur Sicherheit noch einmal in Quarantäne müssen. Ebenso werden Schiffe, die man für verseucht hält, auf der neuen Lazarettinsel entladen und ihre Waren dort zwischengelagert.

1490 gründet der Senat die Magistratura della Sanità, die Gesundheitsbehörde. Ihre Angestellten sind ein Notar und ein Schreiber, ein capitano mit sechs Gehilfen, ein Schiffsaufseher, ein Herold zur Verkündung der Dekrete, drei Leichenträger, ein Kaplan und ein Wächter am Lido. Der kontrolliert anhand einer täglich aktualisierten Liste der Seuchengebiete die Reisenden und die Ladung der einlaufenden Schiffe.

Erreicht eine Galeere mit Pestkranken die Stadt, bringt man die Siechen mit all ihrer Habe ins Lazzaretto Vecchio. Die scheinbar noch Gesunden werden nackt ausgezogen, mit Essig gewaschen und mit neuen Kleidern versehen. Dann schickt man sie für 40 Tage ins Lazzaretto Nuovo. In Quarantäne.

Umsetzen lassen sich die Anordnungen der Magistratura in der offenen Hafenstadt allerdings nur schwer – es gibt keine Stadttore, die sich einfach versperren ließen. Mit einem Boot ist Venedig von allen Seiten leicht zu erreichen. Ohne Kontrolle. Zudem ist die Zahl der städtischen Büttel gering, und ein Fremder kann leicht untertauchen im Labyrinth und Völkergewirr der Stadt.

Deshalb verpflichtet der Senat die Priester, stets der Gesundheitsbehörde zu melden, in welchem Haus sie die Letzte Ölung erteilt haben. Vor den Behörden lässt sich ein Todesfall verbergen – vor einem Geistlichen kaum. Dennoch sucht die Seuche die Stadt immer wieder heim. Wie im Sommer des Jahres 1630.

Dafür aber gibt es kaum einen schlechteren Zeitpunkt. Denn die Venezianer haben soeben eine schwere militärische Niederlage erlitten.

Im April 1630 hat Venedig ein Heer von 14.000 Soldaten bereitgestellt. Der Senat will im Streit um die Erbfolge im Herzogtum Mantua eingreifen. Gegen den römisch-deutschen Kaiser Ferdinand und die mit ihm verbündeten Spanier, die traditionellen Feinde der Republik.

Am 29. Mai stehen Venedigs Soldaten vor Mantua. Dort werden sie vernichtend geschlagen. Die Söldner des Kaisers reiben das Heer des Dogen fast vollständig auf. Durch das Desaster verliert Venedig den Großteil seiner Truppen. Ein schwerer Schlag. Er schwächt die Stadt in der Lagune zusätzlich, denn auch als Handelsplatz ist die Serenissima bereits im Niedergang.

Seit Jahrhunderten schlagen die Kaufleute von Venedig Eisen, Hölzer, Glas, Wolle, Schiffsvorräte und Sklaven gegen Spezereien, Seidenstoffe und Elfenbein um. Hier sind mit den Gewürzen und Luxuswaren des Orients Vermögen gemacht worden, die zu den gewaltigsten in Europa zählen. Die Stadt ist die Zentrale des Seehandels, das merkantile Herz Europas.

Doch dieses übermächtige Venedig verschwindet im Lauf des 16. Jahrhunderts – Jahr für Jahr ein wenig mehr.

Gründe dafür gibt es viele. Politische wie das Erstarken des Osmanischen Reiches. Oder technische wie die rasante Entwicklung des holländischen und britischen Schiffbaus.

Als die gefährlichste Bedrohung für Venedig aber erweisen sich die spanischen und portugiesischen Entdeckungen am Ende des 15. Jahrhunderts: die Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus und des Seewegs nach Indien durch Vasco das Gama.

Mit einem Mal ist die Welt größer geworden. In dieser Welt liegt Venedig nicht mehr im Zentrum, sondern ist buchstäblich an den Rand gerückt.

Und nun auch noch die Pest.

Und nun auch noch die Pest

Als im Juni 1630 die Seuche in die Stadt kommt, kennt man die Zeichen genau: Beulen, schwarze Haut. Dennoch scheuen sich die Verantwortlichen im Senat und im Rat der Zehn, die Krankheit gleich beim Namen zu nennen.

Weil die Pest eine Macht ist, die Venedig praktisch in den Belagerungszustand versetzt. Denn sie versperrt die Transportwege, zwingt ihre Flotte unter Quarantäne und bringt die Versorgung zum Erliegen. So stirbt durch die Seuche auch der Handel, von dem die Stadt lebt.

Deshalb zögert der Senat zunächst. Und ein wenig hofft man wohl auch, dass es sich nur um einen kleinen Ausbruch handeln möge. Denn die Folgen, würde die Pest offiziell bestätigt, wären nicht nur der Zusammenbruch von Handel und Wirtschaft, sondern auch Panik und Massenflucht.

Am 22. Juni 1630 ergeht dann doch ein Senatsdekret, das erste Fälle der Seuche erwähnt. Der Schwarze Tod lässt sich wohl nicht länger leugnen.

Schon sind einige Venezianer der Pest erlegen. Gerüchte schwirren durch die Stadt. Über den Zorn Gottes. Und manch reicher Venezianer macht sich bereits davon, um sich im Hinterland der Lagune zu verstecken. Bis zum Hochsommer fliehen mehr als 24.000 Menschen aus der Stadt.

In dem Dekret vom 22. Juni findet sich allerdings keine sanitäre Vorschrift. Es ist nur von religiösen Mitteln gegen die Pest die Rede.

Der Senat will Gott gewissermaßen einen Handel anbieten: Verminderung der Sünden gegen Befreiung von der Seuche. "Gott", so glaubt man, "ist es gewohnt, uns die Geißel seines Zorns zu zeigen. Und uns dadurch an das Gute zu gemahnen."

Die Pest als göttlicher Aufruf zur moralischen Umkehr.

Daher soll eine Art Sittenpolizei geschaffen werden. Um alle Blasphemie, allzu freizügige Lebensart, Glücksspiel, Völlerei, prahlerischen Aufwand bei Geschmeide und Zuchtlosigkeit bei der Kleidung zu unterbinden. Denn viele Frauen tragen raffinierte Gewänder, die ihre Reize hervorheben.

So will die Stadt den Zorn Gottes besänftigen. Bevor es zur großen Epidemie kommt. Außerdem sollen besondere Orte von Bettlern "gereinigt" werden. Der Bezirk um San Marco, wo der Doge residiert. Der um die Kirche des Pestheiligen San Rocco, dessen Gebeine in Venedig ruhen. Und um die Kathedrale San Pietro di Castello, die Kirche des Patriarchen, des höchsten venezianischen Geistlichen.

Es sei "skandalös", verkündet der Senat, dass es an diesen Orten so viele Notleidende gebe. Eine Beleidigung Gottes. Die Bettler sollen deshalb auf Magistratskosten versorgt werden. Auch durch diese Geste der Mildtätigkeit will man Gott besänftigen.

Doch dessen Zorn lässt sich offenbar nicht besänftigen. Täglich klagen mehr Venezianer über Entzündungen der Lymphknoten, über Fieber. Die Reichen rufen Ärzte, um sich von ihnen zur Ader zu lassen. Auf diese Weise soll ein vermeintlicher Überschuss von "Hitze und Feuchtigkeit" im Körper reduziert und damit das Infektionsrisiko verringert werden.

Im September legen die provveditori di sanità, die Beamten der Gesundheitsbehörde, eine Seuchenstatistik an. Für die Monate Juli, August und September 1630 listet das Verzeichnis 1216 Tote auf.

Unter ihnen sind auch 13 ebrei – Juden. Etwa 5000 Anhänger des mosaischen Glaubens zählt Venedig: Menschen aus Spanien, aus Deutschland, aus Polen, vom östlichen Mittelmeer. Und seit einem Dekret von 1516 leben sie alle in einem winzigen Bezirk.

"Die Juden", hat der Senat damals angeordnet, "müssen alle gemeinsam in dem Komplex von Häusern wohnen, die sich im Ghetto bei San Girolamo befinden. Damit sie nicht die ganze Nacht umhergehen, seien an jeder Seite des Ghetto Vecchio, wo es eine kleine Brücke gibt, und gleichermaßen an der anderen Seite der Brücke zwei Tore errichtet. Das heißt je eines für die beiden genannten Orte. Jenes Tor muss morgens beim Klang der Marangona-Glocke geöffnet und abends um 24 Uhr durch vier christliche Wachen zugesperrt werden, die dafür von den Juden angestellt und bezahlt werden zu dem Preis, der unserem Kollegium angemessen erscheint."

Ringsum ist der Ort von Mauern und Kanälen umgeben. "Ghetto" heißt er wahrscheinlich, weil es dort ein getto gab: eine Gießerei. Jeder Jude, der nach Mitternacht außerhalb des Ghettos angetroffen wird, muss eine Geldstrafe zahlen. Und kommt im Wiederholungsfall für zwei Monate ins Gefängnis.

Ausgenommen von der Regel sind die jüdischen Ärzte, von denen viele großes Ansehen genießen. Das Verbot für Christen, sich von Juden kurieren zu lassen, ignorieren die wohlhabenden Venezianer.

Das Judenviertel ist übervölkert. Rund um den Campo im Ghetto steigen die Häuser aus Platzmangel bis auf neun Stockwerke an. Einzigartig in Venedig. Die Decken hängen in den jüdischen Häusern niedriger als anderswo in der Stadt. Im Erdgeschoss der Häuser sind oft Textilläden untergebracht, Bäckereien, Buchdruckereien und Pfandleihen, die sich durch die Farbe ihrer Schuldscheine unterscheiden.

Mehr als 1000 Menschen drängeln sich im Ghetto auf jedem Hektar Fläche – viermal so viele wie im Rest Venedigs. So ist es beinahe ein Wunder, dass die Pest hier bis Ende September 1630 nur 13 Opfer fordert.

Im Oktober erkranken immer mehr Menschen. Bis zum Ende des Monats sterben 2121 Venezianer.

Rasant steigen auf den Märkten die Preise für Brot, Öl, Fisch und Fleisch, für Kerzen und für Wein. Denn viele Venezianer legen Vorräte an. Um sich in ihren Häusern einzuschließen und dort wie Gefangene auf das Ende der Seuche zu warten.

Die Kirchen Venedigs sind angefüllt mit Betenden. Unaufhörlich werden Messen gelesen, finden Bittgottesdienste statt. In Trauben sammeln sich die Menschen um die Statuen und Bilder des Pestheiligen San Rocco. Oft wird er als Kranker dargestellt, dem ein Hund Nahrung bringt.

Lange Prozessionen ziehen um die Kirche San Rocco. Damit der Heilige bei Gott Fürbitte einlege für die Menschen von Venedig. Dichtes Gedränge herrscht aber auch vor den Buden der Scharlatane. Ihre Zaubertinkturen, Heilwässer, Gegengifte und magischen Glücksbringer finden reißenden Absatz.

Doktoren treiben einen regen Handel mit wundersamen Pulvern, die angeblich die Kranken heilen und die Gesunden schützen. Zwölf soldi kostet die Dosis für Erwachsene – etwa so viel wie die tägliche Versorgung eines Pestkranken im Lazzaretto Nuovo –, acht Soldi für Zehn- bis 17-Jährige, sechs für Kinder.

Am 22. Oktober 1630 erlässt der Senat ein zweites Pestdekret. In ihm wird die Seuche nicht mehr nur als göttliche Heimsuchung gesehen wie noch im Juni, sondern auch als medizinisches Phänomen. Als übertragbare Krankheit. Die Regierung ordnet weitere Vorschriften zur Bekämpfung der Epidemie an.

Es trifft die Bettler und die Obdachlosen. Weil sie als Brutherde der Pest gelten. Die Arbeitsfähigen unter ihnen werden zum Zwangsdienst auf die Galeeren geschickt, die anderen auf die Lazarettinseln verbannt. Alle Bettler, die nicht aus Venedig stammen, weist der Senat aus.

Ein Versprechen an die Muttergottes

Außerdem beschließt die Stadt, sauberes Trinkwasser und Öl für die Armen bereitzustellen. Vorräte an Feuerholz anzulegen, Depots für Nahrungsmittel.

Und noch ein zweiter Beschluss des Senats ergeht am 22. Oktober: ein Versprechen an die Muttergottes. Als Dank für die Erlösung von der Pest gelobt der Senat feierlich, der Jungfrau Maria ein Gotteshaus zu errichten. 50.000 Dukaten aus den öffentlichen Kassen werden für die Kirche zur Verfügung gestellt, die "Santa Maria della Salute" heißen soll.

Nach der Theorie der meisten Ärzte verursachen sogenannte Miasmen die Pest. Übler Dunst, der – so die Vorstellung – vor allem bei Wärme aus feuchtem Boden steigt (die wahre Ursache der Krankheit werden Forscher erst Ende des 19. Jahrhunderts entdecken). Und deshalb, glauben die doctores, drohe besonders von Armen und Bettlern eine stete Gefahr. Weil in ihren feuchten und schmutzigen Quartieren der "Pesthauch" wehe.

Die Doctores gehen überdies davon aus, dass auch Verstorbene und jene, die im Sterben liegen, Miasmen in die Luft abgeben und so ihre unmittelbare Umgebung verpesten. Auch dreckiges Wasser, schlechtes Brot, verdorbener Fisch, fauliges Fleisch und Giftkräuter führen vermeintlich zur Pest. Sogar gewisse Konstellationen der Gestirne könnten Ausbruch und Verlauf der Seuche beeinflussen, vermuten einige Mediziner.

Ist die Pest erst einmal in einer Stadt, da sind sich viele Ärzte einig, wird sie auch durch die Gier oder die Dummheit jener ausgesät, die mit Kleidern und Bettzeug von Pesttoten Handel treiben. Oder durch Menschen, die im Bund mit dem Teufel oder als Agenten feindlicher Mächte die Krankheit gezielt verbreiten. Durch "Pestsalben" zum Beispiel, mit denen sie Türklopfer, Klinken, Wände, Kirchenportale bestreichen.

Im November 1630, fünf Monate nach Ausbruch der Seuche, beginnt in Venedig eine neue Zeit. Die Zeit des Massensterbens und der Massengräber.

Fast 500 Leichen, das ist nun der tägliche Pesttribut. Die Seuche hat die ganze Stadt erfasst. Und sie wütet in den Palazzi von San Marco und San Polo beinahe ebenso wie in den Mietshäusern am Rio Marin. Oder in den Sozialwohnungen von Castello und Cannaregio, die von den mehr als 100 scuole für Bedürftige unterhalten werden. Die Scuole (wörtlich "Schulen") sind karitative Bruderschaften. Entfernt mit den Gilden und Zünften des Mittelalters verwandt, gehört es zu ihren Aufgaben, den Mitgliedern in Zeiten der Not beizustehen, etwa wenn sie verarmt sind, krank oder altersschwach.

Die Stadt ist nun weitgehend abgeriegelt vom Festland. Viele Spelunken und Bordelle sowie Werkstätten, Lagerhäuser und Webereien sind geschlossen.

Tausende Venezianer haben keine Arbeit mehr, keinen Verdienst. Das öffentliche Leben, der Handel und die Wirtschaft sind erstarrt. Und sogar die im Volk so beliebten Faustkämpfe, bei denen oft Dutzende von Boxern mit Barett, Gürtel und Schärpe auf den Brücken gegeneinander antreten, sind abgesagt.

Weshalb hat sich Gott in seinem Zorn ausgerechnet auf uns gestürzt, wird sich manch frommer Venezianer fragen. Sind wir schlechtere Christen als andere? Und wo bleibt die Gerechtigkeit Gottes, wenn die Guten an der Pest ebenso sterben wie die Bösen?

Andere Venezianer suchen nach Sündenböcken. Wer hat die Krankheit in Venedig verbreitet? Waren es allein die Bettler? Oder doch Juden? Haben Spanier sie in Venedig ausgestreut? Oder Türken?

Vermutlich überrollt eine Flut von Beschuldigungen und Verleumdungen den Magistrat.

14.465 Tote verzeichnet die Statistik der Gesundheitsbehörde allein für den November. So stirbt in diesem Monat jeder zehnte Venezianer an der Pest. Längst schon reicht die Kapazität der Lazarette nicht mehr aus.

Jeden Tag werden die Toten von ihren Söhnen, Vätern oder Müttern vor die Haustüren getragen. Dort, in aller Öffentlichkeit, entkleidet man sie, und ein Medikus untersucht die nackten Körper auf Beulen und Flecken.

Erkennt der Doktor die Pest, wird oft das ganze Haus des Verstorbenen unter Quarantäne gestellt. Zuvor nebeln die amtlichen "Ausräucherer" das Haus mit dem beißenden Rauch von Pech und Schwefel aus ihren Räucherpfannen ein (und vertreiben so wahrscheinlich einen großen Teil der Flöhe). Zum Schluss verbarrikadiert man die Türen mit gekreuzten Balken. Als Zeichen der Pest.

Die Behörden lassen weiterhin viele Gesunde, die von allen Zeichen der Krankheit frei sind, aber in Kontakt mit den Erkrankten oder Toten gekommen sind, ins Lazzaretto Nuovo schaffen.

Die Toten dagegen und die bereits Erkrankten werden von Trägern zu Booten gebracht, die sie ins Lazzaretto Vecchio transportieren. Zusammen mit all ihrer Habe.

Das Lazzaretto Vecchio muss die Hölle auf Erden sein. Ein Ort des Todes. Zu allen Stunden hüllt der Rauch brennender Leichen die Insel ein. Und im Lazarett selbst ist die Luft angefüllt mit dem Gestank schwärender Wunden, mit dem Geschrei der Kranken und dem Stöhnen der Sterbenden. In manchen Betten liegen die Kranken zu dritt. Es gibt nur wenige Pfleger, und so müssen die Siechen häufig selbst durch das Hospital kriechen, um Wasser und Nahrung zu finden.

Tag für Tag ziehen Helfer die Toten aus den Betten und verbrennen sie. Oder werfen sie in Gruben mit Löschkalk. Manchmal finden sich auch noch Lebende auf dem Berg der Leichen.

Wer diese Hölle überlebt, wird in das Lazzaretto Nuovo verlegt.

Im November 1630 sind bis zu 10.000 Menschen auf der Insel mit dem neuen Lazarett, das in seiner Anlage an ein römisches Lager erinnert. Ein befestigtes Viereck mit zahlreichen Bauten und Straßen. 100 Säle und Zimmer umfasst das Krankenhaus.

Um die Luft von den Miasmen zu säubern, verbrennen die Menschen Wacholder und Rosmarin. Und um die Waren mutmaßlich infizierter Schiffe zu reinigen, tauchen sie etwa Wachs in Salzwasser, besprengen Federn mit Essig und lüften Stoffe aus Seide und Wolle mehrmals täglich.

Hunderte von Booten liegen vor der Insel, die wie eine Meeresfestung unter Belagerung wirkt. Eine Fahne markiert die Stelle, bis zu der sich die Insassen des Lazzaretto Nuovo dem Ufer nähern dürfen. Dahinter ragt ein Galgen auf. Zur Abschreckung aller und zur Hinrichtung derjenigen, die sich den Anweisungen der Wärter widersetzen.

Im Gegensatz zum Lazzaretto Vecchio sind die Menschen in der Quarantänestation des Lazzaretto Nuovo ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Mit Fleisch, Fisch, Brot und Wein.

Jene aber, die in Venedig allein zurückbleiben in einem mit gekreuzten Balken gekennzeichneten Haus, trifft oft ein besonders schweres Los. Denn eingesperrt in dem Pesthaus, gibt es niemanden mehr, der ihnen beistehen könnte, falls auch sie an der Seuche erkranken. Geben sie zwei oder drei Tage kein Lebenszeichen von sich, durch Rufen oder Winken, nimmt man an, dass sie tot sind. Dann brechen die Träger der Toten die Türen auf, um sie zu holen.

Es muss ein gespenstischer Anblick sein in den Gassen Venedigs: Schwärme von Doktoren in Hüten und Mänteln und mit grotesken Schnabelmasken, die Kräuter enthalten, welche die Luft reinigen sollen. Scharen schwankender Kranker, angeführt von Männern mit weißen Stäben, auf dem Weg zu den Booten zum Lazzaretto Vecchio. Totenträger mit schwarzen oder roten Kreuzen an ihrer Kleidung. Und auf den Kanälen Gondeln voller Toter.

Die ganze Stadt liegt im Fieber

Die Leichenfeuer rauchen, und oft hängt eine stinkende Wolke über Venedig. Die ganze Stadt liegt im Fieber.

Einer solchen Anzahl von Toten und Kranken ist selbst die in Europa vorbildliche venezianische Gesundheitsbehörde nicht gewachsen. Auch weil die Verluste unter den Totengräbern und Leichenträgern, die sich nun anstecken, sehr hoch sind. Zunehmend muss sich die Behörde mit Kriminellen aus den Gefängnissen und mit Sklaven von den Galeeren behelfen.

Viele unter den Totenträgern stehlen und plündern. Sie, die Knechte der Pest, sind die Herrscher der Totenhäuser. Und gelegentlich zerren sie wohl auch einen Kranken, der gegen seine Beraubung protestiert, aus dem Bett und werfen ihn auf den Totenkarren. Die Preise für Lebensmittel erreichen schwindelerregende Höhen. Und die für Wein.

Denn es wird viel getrunken im Venedig der Leichen. Gegen die Angst. Und gegen den Ekel in einer Stadt, in der man immerfort von Tod und Verwesung umgeben ist.

Wer in diesen Zeiten weder Golddukaten noch wertvollen Schmuck besitzt, der hungert. Einfache Arbeiter verdienen 16 bis 20 Dukaten im Jahr, versierte Handwerker um die 50. Allein für Brot müssen jährlich sechs, sieben Dukaten aufgewendet werden. Doch nun sind viele ohne Beschäftigung, ohne Lohn. Nur Patrizier und reiche Kaufleute verfügen über genügend Rücklagen.

Andere verdienen dagegen an der Seuche. Apotheker und Leichenträger verkaufen Bahren, Decken, Laken und Kissen an die Meistbietenden. Auch Ausräucherer, Wunderheiler, Quarantänewächter, Priester profitieren vom Schwarzen Tod.

Gefangen in der Pest, fühlen sich viele Venezianer verlassen von Gott und tragen Amulette mit heidnischen Symbolen, fügen Zauberformeln in ihre Gebete ein. Und sie rebellieren, wenn Priester versuchen, ihre Rituale zu unterbinden.

Im Senat geht die Angst um, dass alle Ordnung aus den Fugen geraten könne, dass Scharen Hungernder die Nahrungsdepots stürmen und Verzweifelte Brände legen könnten. Oder dass die Armen jene Häuser, deren Besitzer geflohen oder gestorben sind, einfach plündern.

Dann endlich, gegen Ende des Jahres, halbiert sich die Zahl der Toten.

Am 14. Dezember 1630 erlässt der Senat ein Dekret über die Arbeiter im Arsenal. Alle dort Erkrankten müssen umgehend ins Lazzaretto Vecchio verbracht werden. Ein Teil der Gesunden aber soll im Arsenal verbleiben, der Großwerft, isoliert vom Rest der Bevölkerung: Der Senat will auf diese Weise seine hoch spezialisierten Handwerker schützen – "die geliebtesten Menschen in unserem Dienste", von denen bereits Hunderte erkrankt sind.

Im Januar 1631 sinkt die Zahl der Pesttoten weiter: nur noch 2048 Opfer. Der Höhepunkt der Pest ist überschritten. Am 7. Mai 1631 trägt man Giovanni Tiepolo zu Grabe, den Patriarchen von Venedig. Auch er ist der Seuche zum Opfer gefallen.

Im Oktober 1631 endet die Todesliste der Gesundheitsbehörde. Nach 18 qualvollen Monaten ist der Zorn Gottes verraucht. Die Bilanz der Seuche ist katastrophal. 46.536 der rund 140.000 Einwohner sind der Epidemie erlegen.

Auch die Armut ist größer geworden in den Mietskasernen am Rio Marin im Stadtteil Santa Croce. Viele, die zuvor ein bescheidenes Auskommen hatten, bleiben für lange Zeit erwerbslos.

Denn die Pest hat die Wirtschaft schwer geschädigt. Und die einst stolze Handelsmacht wird nie wieder zu alter Größe zurückfinden.

Dennoch: Gleich nach dem Ende der Pest beginnen die Planungen für Santa Maria della Salute. Für die große Votivkirche, die der Senat der Gottesmutter versprochen hat.

Er schreibt einen Wettbewerb aus, und schließlich wird der Architekt Baldassare Longhena mit dem Bau beauftragt. Eine Kommission aus drei Patriziern wählt das Grundstück aus. Es liegt ganz im Westen des Stadtteils Dorsoduro. Unmittelbar am Eingang des Canal Grande.

Mehr als eine Million Baumstämme müssen zur Stabilisierung des Baugrunds in den Boden der Lagune gerammt werden. Und schon dafür sind die 50.000 Dukaten, die der Senat für die Errichtung der Kirche versprochen hat, ausgegeben.

Über Jahrzehnte schleppt sich der Bau des Gotteshauses. Wieder und wieder stockt jede Tätigkeit. Weil das Geld fehlt. Und als die Arbeiten im Juni 1686 abgeschlossen sind, ist für Santa Maria della Salute die gewaltige Summe von 420.136 Dukaten ausgegeben worden.

Bekrönt wird das Hauptportal der Barockkirche von einem Dreiecksgiebel. Auf seiner Spitze steht die Skulptur der Jungfrau Maria. Es ist eine triumphierende Madonna.

Mit seiner monumentalen Kirche will Baldassare Longhena noch einmal die ungebrochene Macht Venedigs beweisen. Doch als Santa Maria della Salute am 9. November 1687 geweiht wird, ist Longhena bereits fünf Jahre tot. Und die Serenissima schon lange keine Großmacht mehr.

Ohnehin liegt die Wurzel dieser grandiosen Kirche ja in der Furcht vor dem Tod. Und in dem Wunsch der Venezianer, der Pest und dem Tod etwas Gewaltiges entgegenzustellen. Etwas, das von längerer Dauer ist als das zerbrechliche menschliche Leben.

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