Phänomen Synästhesie Blau + blau = rot

Die Ziffer 3 ist grün, die 5 gelb - für Synästhetiker gleicht Rechnen einem kunterbunten Sinnesrausch: Sie nehmen Zahlen als Farben wahr. Jetzt haben Forscher neue Hinweise dafür gefunden, dass man ihre verblüffendene Wahrnehmung zumindest teilweise erlernen kann.
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Synästhesie: Saure Töne und farbige Zahlen

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Nüchterne Ziffern können erstaunliche Empfindungen wecken. Farbige Empfindungen.

Bei Managern ist die Palette noch eingeschränkt: Sie sehen entweder schwarze, leicht rote, im schlimmsten Fall tiefrote Zahlen. Es gibt aber auch Menschen, denen Zahlenkolonnen so bunt erscheinen wie ein Regenbogen.

Vor mehr als 100 Jahren schon berichtete der britische Forscher Sir Francis Galton von mehreren Bekannten, die natürliche Zahlen als ein wellenförmiges, leuchtend blau, gelb und rot gefärbtes Band beschrieben. Synästhesie nennen Psychologen dieses Phänomen, das in verschiedenster Form bei etwa jedem 20. Menschen auftritt.

Manche schmecken Töne. Bei anderen ähnelt der Buchstabe Y dem Grüngelb einer Zitrone. Die Wissenschaft weiß inzwischen, wieso: Im Gehirn von Zahlen-Synästhetikern werden zum Beispiel beim Lesen schwarz gedruckter Ziffernkolonnen auch jene Regionen aktiviert, die für die Verarbeitung von Farben zuständig sind. Bei Testpersonen ohne Synästhesie zeigen Hirnscans derartige Aktivitäten nicht.

Ein amerikanisch-italienisches Forscherteam berichtet nun über neue Hinweise dafür, dass Lernprozesse eine wichtige Rolle bei der Synästhesie spielen. Die Fähigkeit wäre demnach nicht nur angeboren - sondern zumindest teilweise auch erworben. "Wir glauben, dass es tatsächlich diese zwei Komponenten der Synästhesie gibt", sagt der US-Psychologe Edward Hubbard im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Wieso? Die Antwort auf diese Frage fand er in einem Experiment.

Wieso ist eine 3 grün?

Hubbard, der derzeit am medizinischen Institut Inserm in Orsay bei Paris forscht, hat mit zwei Kollegen von der Universität Padua Dutzende Versuche mit einem Synästhetiker gemacht. Der Proband sieht die Ziffer 1 blau, die 2 rot, die 3 grün, die 4 braun, die 5 gelb und die 6 grau. In den Experimenten zeigte sich, dass bei ihm die verblüffenden Farbassoziationen auch unbewusst auftreten. Hubbard ist überzeugt, dass das Phänomen praktische Effekte hat: "Synästhesie kann eine nützliche Hilfe für das Gedächtnis sein." Er berichtet von Synästhetikern, denen zufolge die bunten Muster tatsächlich helfen, sich zum Beispiel eine Telefonnummer zu merken.

Allerdings können die Assoziationen auch hinderlich sein - zum Beispiel wenn eine Ziffer in einer bestimmten Farbe gedruckt ist und der Synästhetiker diese schnellstmöglich nennen soll. Sobald die Farbe nicht mit jener übereinstimmt, die er mit der Ziffer verbindet, braucht er länger. Er ist offenbar irritiert wegen der Diskrepanz. Ähnlich ergeht es praktisch allen Menschen, wenn sie das Wort "grün" in roten Buchstaben lesen und sagen sollen, welche Farbe die Schrift hat.

Eine solche Verzögerung beobachteten Hubbard und seine Kollegen auch bei ihrer Testperson. Der sogenannte Stroop-Test  lief so ab: Ein Computermonitor zeigte nicht nur Ziffern zwischen 1 und 6, sondern immer wieder auch Mengen von ein bis sechs Punkten - zum einen geordnet wie auf Spielwürfeln, zum anderen ungeordnet. Die Ziffern und Punkte wurden in wechselnden Farben präsentiert. Der Proband sollte dann schnellst möglich die gezeigte Farbe benennen.

Angeboren oder erlernt

Der Versuch brachte bei den Ziffern die erwarteten Ergebnisse. Stimmten angezeigte und assoziierte Farbe nicht überein, verlängerte sich die Reaktionszeit. Bei den ungeordneten Punktmengen allerdings erlebten die Wissenschaftler eine Überraschung. Obwohl der Proband nach eigener Aussage keine bewussten Farbassoziationen hatte, beeinflusste die Farbe der Punkte trotzdem sein Reaktionstempo.

Schon das bloße Konzept einer Zahl reiche offenbar, um synästhetisches Verhalten auszulösen, schreiben Hubbard und seine Kollegen im Fachmagazin "Cortex" . Obwohl sich der Proband einer Synästhesie gar nicht bewusst sei, könnten bei ihm sogar ungeordnete Punkte das Phänomen verursachen.

Die Folgerung: "Lebenslange synästhetische Erfahrungen können zur Entstehung gelernter Assoziationen zwischen verschiedenen Stimuliarten führen", sagt Hubbard. Und diese Assoziationen müssten gar nicht bewusst wahrgenommen werden, um das Verhalten zu beeinflussen. Im Klartext: "Es gibt bei der Synästhesie eindeutig eine Lernkomponente", sagt der Psychologe - genau wie Buchstaben und Zahlen ja auch erlernt würden.

Forscher wissen seit längerem, dass Synästhesie in verschiedenen Ausprägungen auftritt. Den jetzt untersuchten Probanden charakterisiert Hubbard als "höheren Synästhetiker": Assoziationen von Farben mit Ziffern seien ihm bewusst, jene mit Punktmengen unbewusst. In einer 2007 veröffentlichten Studie hatte eine andere Forschergruppe von einem Synästhetiker berichtet, der zwar Ziffern und Würfelmuster mit Farben verknüpfte, nicht aber ungeordnete Punktmengen. Dies hatte sich auch in Experimenten bestätigt.

Mit Training zur Synästhesie

Für ihre Beobachtungen haben Hubbard und seine Kollegen nur zwei Erklärungen: Entweder existieren für die Verarbeitung von Zahlen und Farben im Gehirn neuronale Verbindungen. Oder die unbewussten Assoziationen sind eine Folge des bewussten Farbensehens bei Ziffern.

Dass Farbassoziationen erlernt werden können, haben Wissenschaftler schon 2003 gezeigt. Lorin Elias von der University of Saskatchewan in Kanada und seine Kollegen hatten einen Synästhetiker mit Nicht-Synästhetikern verglichen . Einer aus letzterer Gruppe hatte sich durch langjährige Beschäftigung mit Stickmustern eine feste Zuordnung von Zahlen und Farben angeeignet. Er reagierte ähnlich wie der Synästhetiker - ohne allerdings tatsächlich Farben zu sehen. Bei anderen Probanden reichte ein mehrstündiges Training, um im Stroop-Test Ergebnisse zu erzielen wie ein richtiger Synästhetiker.