Piloten-Umfrage Entrüstung über kryptische Nasa-Daten

Auf massiven Druck hat die Nasa eine heiß diskutierte Flugsicherheitsstudie veröffentlicht. Doch statt einer erhellenden Analyse gibt es nur Rohdaten. Kritiker monieren, das Dokument sei absichtlich unklar formuliert.


Für die von Pannen und Sicherheitsdebatten geplagte Nasa war die Untersuchung purer Sprengstoff: Mehr als 24.000 Piloten kommerzieller Fluglinien hatte die US-Raumfahrtbehörde im Auftrag des Weißen Hauses nach ihren Erfahrungen mit der Flugsicherheit befragen lassen. 2005 wurde die Studie nach fast vier Jahren abgeschlossen, doch die Ergebnisse blieben geheim. Der Grund wurde im vergangenen Oktober ruchbar: Die Piloten hätten doppelt so viele Beinahe-Unfälle wie bei bisherigen Studien zu Protokoll gegeben, berichtete die Nachrichtenagentur AP. Die Nasa habe geschwiegen, um das Vertrauen in die zivile Luftfahrt und die Profite der Fluglinien nicht zu gefährden. Das Ergebnis war ein öffentlicher Sturm der Entrüstung.

Nasa-Chef Michael Griffin wurde vors Parlament zitiert, wo er zähneknirschend versprechen musste, die Details der Untersuchung schnellstmöglich zu veröffentlichen. Das ist nun geschehen - trägt zur Aufklärung aber vorerst wenig bei: Die Nasa hat ihren Kritikern einen Stapel von 16.208 Seiten Papier vor die Füße geworfen, ohne jede Zusammenfassung oder Erläuterung - und das ausgerechnet am späten Silvesterabend.

Die Daten sind laut Kritikern derart verfremdet, dass eine Bewertung schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. So könne man nicht herausfinden, ob mehrere Piloten dieselben Zwischenfälle gemeldet hätten. Zudem seien die Berichte der Piloten nun nicht mehr mit ihrer Flugerfahrung oder den von ihnen geflogenen Flugzeugtypen in Verbindung zu bringen.

Kritik an undurchschaubaren Daten

Die Nasa behauptet, dies sei zum Zweck der Anonymisierung geschehen. Unabhängige Fachleute sehen das anders. Die Zahlen seien "absichtlich so konstruiert", dass man nicht herauslesen könne, wie viele Zwischenfälle es in einem bestimmten Zeitraum gegeben habe, sagte Jon Krosnick. Der Umfragen-Spezialist der Elite-Universität Stanford hatte der Nasa geholfen, die Studie zu erstellen. Er forderte die Raumfahrtbehörde auf, mehr Daten zu veröffentlichen, um eine genauere Analyse zu ermöglichen.

Peter Goetz, ehemaliger geschäftsführender Direktor des National Transportation Safety Board der USA, bezeichnete die Informationspolitik der Nasa als "typisch arrogant". Es mache keinen Sinn, Rohdaten ohne Richtlinien für deren Benutzung bereitzustellen. Die Veröffentlichung am Silvesterabend nannte Goetz eine "strategische Entscheidung", um das Medienecho so klein wie möglich zu halten. Griffin wies diesen Vorwurf zurück: Man habe die Daten "nicht absichtlich am langsamsten Nachrichtentag des Jahres herausgegeben".

Auch Jim Hall, früher Vorsitzender des National Transportation Safety Board, übte scharfe Kritik an der Nasa. "Wenn eine Regierungsbehörde nicht transparent gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit ist, insbesondere bei einem Thema wie der Sicherheit, erfüllt sie weder ihre Aufgaben, noch verdient sie ihre Bezahlung."

Verheerendes Medienecho

Das Medienecho auf die Daten-Veröffentlichung war kaum erfreulicher für die Nasa. Die "New York Times" eröffnete ihren Bericht mit den Worten, die Raumfahrtbehörde habe eine "absichtlich verstümmelte, mit Streichungen versehene Version der Sicherheitsdaten" veröffentlicht. Laut "Washington Post" hat ein Pilot von schlafenden Kollegen im Cockpit berichtet. Ein anderer habe vorgeschlagen, unter Piloten eine Umfrage darüber durchzuführen, wie oft sie am Steuerknüppel ein Nickerchen halten. "Aber die Nasa hat die Informationen in einer Form veröffentlicht, die es unmöglich macht, Details über die Berichte der Piloten herauszufinden", so die "Washington Post".

Auch die US-Politik macht weiter Druck: Der demokratische Abgeordnete Brad Miller bemängelte, dass die jetzt veröffentlichten Daten den Anforderungen des Kongresses nicht genügten. Zudem widerspreche Griffins Zurückweisung der Daten den Aussagen von Experten vor dem Kongress. Bart Gordon, Vorsitzender des Wissenschafts- und Technik-Ausschusses des US-Repräsentantenhauses, forderte die Nasa zur abschließenden Bewertung der Daten auf. Die Erkenntnisse solle die Raumfahrtbehörde dann so schnell wie möglich nachreichen.

Nasa-Chef: Umfrage "schlecht durchgeführt"

Nasa-Chef Griffin spielte die Bedeutung der Studie bei ihrer Veröffentlichung herunter: "Es ist schwierig für mich, hier irgendwelche Daten zu erkennen, über die sich Reisende Gedanken machen müssten oder sollten." Auch habe die Nasa nie vorgehabt, die Rohdaten selbst zu analysieren. Das wolle man lieber Luftfahrtexperten überlassen.

So viel immerhin ist dem Konvolut namens "National Aviation Operations Monitoring System" laut AP zu entnehmen: Die Stellungnahmen der Linienpiloten geben mindestens 1266 Vorfälle wieder, bei denen Flugzeuge sich näher als 150 Meter gekommen sind, was gemeinhin als Beinahe-Crash gilt. In 1312 weiteren Fällen ist von plötzlichen Sink- oder Steigflügen die Rede, 166-mal seien Piloten ohne Freigabe des Towers gelandet. Außerdem zählt der Report 513 harte Landungen und 4267 Kollisionen mit Vögeln auf.

Griffin aber bezeichnete die Untersuchung, die die Nasa vom Batelle Memorial Institute hatte durchführen lassen, als methodisch zweifelhaft. Zudem sei kein Teil der Studie, auch nicht die Methodik, von unabhängigen Experten begutachtet worden. Deshalb dürften auch die Ergebnisse der Untersuchung derzeit nicht als validiert erachtet werden. Die Planer der Umfrage betonten dagegen, ihre Arbeit entspreche höchsten wissenschaftlichen Standards. Die Umfrage sei sogar einzigartig, weil es sich bei den Befragten um zufällig ausgesuchte Piloten gehandelt habe und nicht um solche, die Sicherheitsprobleme freiwillig gemeldet hätten. Zudem hätten 80 Prozent der Befragten geantwortet - eine äußerst hohe Rücklaufquote.

Das letzte Wort über die Studie ist noch nicht gesprochen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA kündigte eine Überprüfung der Daten an - freilich ohne die eigenen Erkenntnisse entwerten zu wollen, die von weit geringeren Zahlen an Beinahe-Unfällen ausgehen. Bei den Stellungnahmen der Piloten handele es sich "um subjektive Ansichten über einen Zeitraum von 30 bis 90 Tagen", sagte eine FAA-Sprecherin - schon bevor die Behörde, wie angekündigt, die Nasa-Daten eingehend studiert hat.

Bart Gordon will die Nasa mit der jetzigen Veröffentlichung der Daten nicht davonkommen lassen. "Das war nur der Versuch, etwas loszuwerden, statt ernsthaft Transparenz zu schaffen", so der demokratische Abgeordnete. Der Bericht sei "stark editiert" worden. "Diese Daten sind wenig nützlich, wenn wir nicht mehr Informationen erhalten." Es werde, versprach Gordon, weitere Anhörungen vor dem Kongress geben.

mbe/AP



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