Piratenlegende Ist das Störtebekers Gesicht?

Mehr als 600 Jahre nach der Hinrichtung Störtebekers wird heute in Hamburg ein Gesicht gezeigt, das dem legendären Freibeuter gleichen soll. Eine französische Künstlerin hat das Antlitz gemeinsam mit Wissenschaftlern im Auftrag von SPIEGEL TV rekonstruiert.


Störtebeker-Modell: Gezeichnet vom "wilden Leben an Bord"
ATELIER DAYNES

Störtebeker-Modell: Gezeichnet vom "wilden Leben an Bord"

Es war im Jahr 1878, als Arbeiter in Hamburg auf dem ehemaligen Hinrichtungsplatz Grasbrook bei Erdarbeiten einen bis zum Oberkiefer erhaltenen Totenschädel und ein zweites Schädelfragment fanden. Nach heutigen kriminaltechnischen und historischen Erkenntnissen spricht vieles dafür, dass es sich bei dem gut erhaltenen Schädel um die Überreste eines Anführers von Seeräubern handelt, die im Jahr 1400 vor den Toren der Hansestadt geköpft wurden.

Das Museum für Hamburgische Geschichte stellt das Haupt seit über hundert Jahren als "Störtebeker-Schädel" aus, benannt nach dem legendären Anführer der Vitalienbrüder. Die Piraten raubten anfangs als "Söldner zur See" im Dienste der Mecklenburger Herzöge dänische Schiffe aus und machten später auf eigene Rechnung Beute.

Mit neuesten Methoden der Gerichtsmedizin und mit Unterstützung von SPIEGEL TV haben deutsche Wissenschaftler nun das Gesicht von Klaus Störtebeker rekonstruiert. Die französische Künstlerin Elisabeth Daynes hat aus einer per Computertomografie erstellten Stereolithografie ein fotorealistisches Antlitz des Freibeuters geschaffen, das am heutigen Mittwoch erstmals im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt wurde. Eine SPIEGEL-TV-Dokumentation zeigt die Entstehung des Piratenkopfes und lässt Historiker, Kriminalisten und Mediziner zu Wort kommen (Sendetermin: Sonntag, 21.15 Uhr bei Vox).

Fotostrecke

3  Bilder
Kopf des Freibeuters: Das Geheimnis des Störtebeker-Schädels

Der Schädel fristete seit seiner Entdeckung einen 120-jährigen "wissenschaftlichen Dornröschenschlaf", erklärt Museumsmitarbeiter Ralf Wiechmann. Mittlerweile haben Forscher jedoch verlässliche historische und naturwissenschaftliche Untersuchungen angestellt. "Der Mann, dessen Kopf hier vorliegt, war sicherlich ein Pirat, der bei einer der großen öffentlichen Hinrichtungen auf dem Grasbrook enthauptet wurde", sagt Wiechmann. "Sein Kopf wurde zur Abschreckung an der Einfahrt zum damaligen Hafen aufgenagelt."

Schädel stammt von einem Anführer

"Störtebeker-Schädel": 1878 gefunden, ausgestellt im Museum für Hamburger Geschichte
Museum für Hamburgische Geschichte

"Störtebeker-Schädel": 1878 gefunden, ausgestellt im Museum für Hamburger Geschichte

Bei seinem Tod sei der Mann vermutlich Ende 20, vielleicht auch etwas älter gewesen und "vom wilden Leben an Bord" gezeichnet. Die Hinrichtung datiert Wiechmann auf den Zeitraum zwischen 1390 und 1450. Ähnliche Zahlen hatten auch Untersuchungen von Archäologen der Oxford University mit der Radiokarbon-Methode ergeben.

Diese Erkenntnisse passen gut zu den historisch überlieferten Daten: Klaus Störtebeker und seine Mannen wurden demnach im Jahr 1400 hingerichtet, ein Jahr später landete auch sein Piratenkollege Godeke Michels mit seiner Mannschaft auf dem Schafott. In dieser Zeit seien nur 88 Hinrichtungen von Piraten belegt, sagt Wiechmann. Indizien deuteten darauf hin, dass der Pirat vom Grasbrook eine der herausragenden Persönlichkeiten innerhalb der Gruppe der Vitalienbrüder gewesen sein müsste, wahrscheinlich sogar einer der Hauptleute.

Das machen die Wissenschaftler vor allem an der Tatsache fest, dass der ominöse Schädel besonders sorgfältig festgenagelt wurde: Das Loch für den Metallstift war nach Angaben des Museums eigens vorgebohrt, damit sich der Kopf möglichst lange auf dem Pfahl hält. Ein zweiter Schädel, der neben dem Störtebeker-Haupt gefunden wurde, sei deutlich schlampiger befestigt worden.

Zweifel an Störtebekers Führungsrolle

Störtebeker-Kupferstich: Seit Jahren zur Illustration verwendet, es ist aber erwiesen, dass es kein Abbild des Freibeuters ist
Museum für Hamburgische Geschichte

Störtebeker-Kupferstich: Seit Jahren zur Illustration verwendet, es ist aber erwiesen, dass es kein Abbild des Freibeuters ist

Kritiker äußerten allerdings Zweifel. Jörgen Bracker etwa, langjähriger Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte, bezeichnete es als unwahrscheinlich, dass der fragliche Schädel Klaus Störtebeker gehört hat. Ungewiss sei nicht nur das Alter Störtebekers bei seiner Hinrichtung, sondern auch, ob die Art der Schädel-Befestigung auf eine herausragende Persönlichkeit hinweise. Zudem sei Störtebeker damals noch gar nicht prominent gewesen - "er wurde immer erst an dritter oder vierter Stelle genannt", sagte Bracker dem "Hamburger Abendblatt".

Auch Rainer Postel, Mitautor des Buches "Klaus Störtebeker - Ein Mythos wird entschlüsselt", relativierte gegenüber "Geo" die Stellung Störtebekers. Der Freibeuter sei bestenfalls ein Hauptmann gewesen, angeführt aber habe Godeke Michels die Piraten. Erst die spätere Legende habe Störtebeker berühmt gemacht. Profitiert habe Simon von Utrecht, der den Freibeuter vor Helgoland gefangen haben soll und 1432 Bürgermeister von Hamburg wurde.

Museumsmitarbeiter Wiechmann räumt ein, dass es nicht hundertprozentig bewiesen sei, ob es sich bei dem nun vorgestellten Bild tatsächlich um Störtebekers Antlitz handle. "Immerhin können wir einem Zeitgenossen Störtebekers in die Augen blicken - vielleicht sogar ihm selbst."

Eindeutige Erkenntnisse soll eine DNS-Analyse im kommenden Jahr bringen. Mikrobiologen wollen versuchen, in dem Schädel intaktes Erbgut zu finden. Sollte dies gelingen, wollen Wiechmann und sein Team mit "etwa 40 Männern" Kontakt aufnehmen, die Störtebeker heißen. "Wenn sie sich bereit erklären, dass wir auch ihre DNS testen dürfen, haben wir mit den Methoden des genetischen Fingerabdrucks die Möglichkeit, eine genialogische Abstammungslinie zu ermitteln." So könne man mögliche verwandtschaftliche Verhältnisse ermitteln - und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der 1878 gefundene Schädel tatsächlich der von Klaus Störtebeker ist.

SPIEGEL-TV-Dokumentation: "Der Kopf des Freibeuters - Das Geheimnis des "Störtebeker-Schädels"

Sendetermin: Sonntag, 28. November, 21.15 bei Vox



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.