Placebo-Einsatz Die Heilkraft des schönen Scheins

Die Anwendung von Placebos ist unter Medizinern ein Tabuthema: Patienten ohne deren Wissen Scheinmedikamente zu geben gilt vielen Ärzten als anrüchig. Doch aktuelle Studien legen nahe, dass Arzneien ohne Wirkstoff auf breiter Front eingesetzt werden - und bestens wirken.

Von Jochen Kubitschek


Mediziner: Placebos sind offenbar ebenso beliebt wie tabuisiert
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Mediziner: Placebos sind offenbar ebenso beliebt wie tabuisiert

Sonja Wolters (Namen von der Red. geändert) litt seit vielen Jahren unter chronischen Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die immer wieder angefertigten Röntgenbilder konnten die Beschwerden nicht erklären, Krankengymnastik brachte nur kurzfristig Linderung. Die normalerweise bei diesen diffusen Schmerzzuständen eingesetzten Medikamente aus der Wirkstofffamilie des Aspirins verursachten Magenbeschwerden.

Der behandelnde Arzt griff schließlich zu einer List, die den Heilern vieler Kulturen seit Urzeiten erfolgreich aus der Bredouille geholfen hatte. Er verabreichte der Patientin ein Scheinmedikament. Mit dramatischem Wortgeklingel erklärte er ihr, dass er ein Mittel aus Amerika einsetzen würde, das hervorragend wirke. Mit einer dünnen Nadel injizierte er der Patientin eine kleine Menge Kochsalzlösung in die Rückenhaut - etwa dort, wo die Patientin den Schmerz fühlte, und so, dass sie ein leichtes Brennen verspürte.

Der Arzt beendete die Prozedur mit der Bemerkung, dass dieses Mittel erfahrungsgemäß bei all jenen Patienten schnell und lang anhaltend wirke, die wirklich krank seien. Bei Simulanten, so der Doktor, wirke das Mittel dagegen kaum. Es dauerte nur wenige Minuten, ehe die Therapie Erfolg zeigte: Zum ersten Mal seit Monaten, so die Patientin, sei der Schmerz völlig verschwunden. Selbst Monate später schwärmte sie gegenüber ihrem Arzt, dass der Rückenschmerz nicht wieder aufgetreten sei.

Bauchgrimmen bei Medizintheoretikern

Das Ergebnis ist typisch für den Alltagseinsatz von Placebos: Eine an sich unwirksame Substanz, gemischt mit einer Prise Hokuspokus, verwandelt sich wundersam in ein wirksames Medikament. Viele Ärzte haben ähnlich beeindruckende Sofortheilungen bei akuten Asthmaanfällen, Migräne oder psychischen Symptomen wie akuten Angstzuständen beobachtet.

Nadelstich: Auch Kochsalzlösung kann heilen
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Nadelstich: Auch Kochsalzlösung kann heilen

Trotz des oft vorhandenen Therapieerfolges bereitet der Einsatz von Placebos zumindest vielen Medizintheoretikern Bauchgrimmen, da er die Grenze zwischen Scharlatanerie und ärztlicher Kunst naturgemäß verschwimmen lässt. Auf der einen Seite ist es weltweit gängige Praxis, dass insbesondere die Wirkung neuer Medikamente in klinischen Studien im direkten Vergleich mit einem Scheinmedikament geprüft wird. In seriösen Studien wissen dann weder Arzt noch Patient, wer den Wirkstoff und wer das Scheinmedikament erhält - man spricht daher von Doppelblind-Studien.

Einsatz auf breiter Front

Der Patient weiß aber zumindest, dass er eine 50-prozentige Chance hat, mit Milchpulver oder Traubenzucker abgespeist zu werden. Der von einer Ethikkommission abgesegneten Studie stimmt er dann zu - oder auch nicht. Es handelt sich hier also eher um ein Art Glücksspiel und nicht um eine ethisch bedenkliche Täuschung ahnungsloser Patienten. Stellt der Studienleiter im Verlauf der Doppelblind-Studie fest, dass das zu prüfende Arzneimittel statistisch signifikant besser wirkt als das Scheinmedikament, wird die Studie abgebrochen, um die Gesundheit der zufällig in die Placebogruppe geratenen Patienten nicht zu gefährden.

Doch Placebos werden, wie im Fall von Sonja Wolters, auf breiter Front auch gegen die Empfehlungen der Standesorganisationen und ohne den Segen von Ethikkommissionen eingesetzt - und das oft mit erstaunlichem Erfolg. Jetzt stützt eine in Israel durchgeführte wissenschaftliche Studie die Vermutung, dass offenbar viele der in Klinik und Praxis tätigen Ärzte sowie leitenden Krankenschwestern auch heute noch Scheinmedikamente anwenden - ohne Wissen der Patienten.



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