Warnung von Forschern Plastikverschmutzung der Meere nimmt dramatisch zu

Eine neue Studie prophezeit dramatisch steigende Plastikmüllkonzentration in den Ozeanen. Inzwischen sind bei 90 Prozent der untersuchten Meeresarten teils dramatische Folgen festgestellt worden.
Kegelrobbe mit Plastikband um den Hals

Kegelrobbe mit Plastikband um den Hals

Foto: WWF / dpa

Nun hat das Thema sogar Papst Franziskus entdeckt: Die Entsorgung von Plastik in den Gewässern müsse aufhören, wenn die Menschheit den Planeten für künftige Generationen retten wolle, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem Fernsehinterview kürzlich. Dabei erzählte der Pontifex wie ihm italienische Fischer berichteten, dass sie viele Tonnen Plastik in der Adria gefunden hätten. »Plastik ins Meer zu werfen, ist kriminell. Es tötet die Artenvielfalt, es tötet die Erde, es tötet alles«, sagte Franziskus im Kanal drei des staatlichen Senders RAI.

Das Problem des Kunststoffabfalls ist nicht neu, dennoch mangelt es weiter an Lösungen für die Unmengen an Plastikmüll, die in den Weltmeeren schwimmen. Eine neue Studie des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven und des Umweltverbandes WWF warnt eindrücklich vor der weiteren Entwicklung. Die Plastikverschmutzung habe in den vergangenen Jahrzehnten exponentiell zugenommen. Und der Mikroplastikgehalt in den Gewässern werde sich in den nächsten 30 Jahren mehr als verdoppeln, sagte die Leiterin des Fachbereichs Meeresschutz beim WWF Deutschland, Heike Vesper. Bei knapp 90 Prozent der untersuchten Meeresarten seien Auswirkungen festgestellt worden, ergänzte die Meeresbiologin und Mitautorin der Studie, Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut.

Für die Meta-Studie im Auftrag der Umweltorganisation wertete das Institut 2592 Untersuchungen aus, die seit den Sechzigerjahren bis 2019 durchgeführt wurden. Aber noch immer sei der Weg des Mülls nicht gut erforscht. Bekannt ist, dass sich Plastikmüll im Ozean zu Mikro- und Nanoplastik zersetze. »Die dokumentierten Auswirkungen sind äußerst beunruhigend«, sagte Bergmann.

In Plastikmüll könnten sich Tiere wie Robben oder Meeresschildkröten verfangen und ersticken. Das gleiche Schicksal könne Vögel ereilen, die ihre Nester aus Plastikabfall bauten. Das sei etwa bei den Basstölpeln auf Helgoland beobachtet worden. Wenn der Müll den Meeresboden bedecke, fehle Korallen und Schwämmen Licht und Sauerstoff. Schildkröten und Raubfische oder auch Delfine und Wale verwechselten Plastikteile mit Beutetieren. Nach dem Verzehr hätten sie ein falsches Sättigungsgefühl, litten unter Verstopfung und an inneren Verletzungen. Mit dem Plastikmüll nähmen die Tiere zudem Chemikalien auf, die ihre Fortpflanzung beeinträchtigen könnten.

Müll landet häufig direkt im Meer

Besonders betroffen ist das Mittelmeer, das Gelbe und das Ostchinesische Meer. Korallenriffe und Mangrovenwälder sind in Gefahr. Vor der indonesischen Insel Java ist an einigen Stellen laut der Untersuchung die Hälfte des Meeresbodens mit Plastikmüll bedeckt. Auch in der Tiefsee, die 70 Prozent der Erdoberfläche ausmache, sammelt sich immer mehr Kunststoffabfall.

Der Müll wird häufig direkt ins Meer gekippt oder bei Hochwasser von Deponien weggespült. Einwegplastik macht 60 bis 95 Prozent der Verschmutzung aus. Laut der Studie haben sich zwischen 86 und 150 Millionen Tonnen Kunststoff im Ozean angereichert. Mikroplastik gelange auch über das Abwasser in die Meere. Zwar hielten moderne Klärwerke 97 bis 90 Prozent der Partikel zurück, aber in einer Stadt wie Berlin oder Hamburg mit großen Kläranlagen bedeute ein Prozent immer noch eine große Menge, sagte Bergmann.

Laut Schätzungen des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik sind die Hauptquellen für Mikroplastik-Eintragungen in Deutschland der Abrieb von Reifen und Bitumen im Asphalt sowie die Freisetzung bei der Abfallentsorgung. Auf Platz sieben der Rangliste des Instituts steht der Abrieb von Schuhsohlen, noch vor dem häufig genannten Faserabrieb bei der Textilwäsche (Rang zehn) und Partikeln in der Kosmetik (Rang 17).

Auch Windkraftanlagen tragen zur Verschmutzung der Meere bei, wie Bergmann bestätigte. Die Lacke würden durch Wind abgetrieben. Allerdings könne man diese Menge noch nicht beziffern, ebenso wenig wie den zunehmenden Müll durch Masken und andere Corona-Schutzeinrichtungen.

Der WWF forderte die Ende Februar in Nairobi tagende Umweltversammlung der Vereinten Nationen (Unea) auf, ein rechtsverbindliches globales Abkommen gegen den Plastikeintrag in die Meere auf den Weg zu bringen. In Deutschland gebe es schon ein Bewusstsein für das Problem. Die EU habe vor einiger Zeit bestimmte Einwegplastikverpackungen verboten. Es sei nach ihrer Erfahrung »die schnellste Umweltgesetzgebung ever« gewesen, lobte Vesper.

Manche Verbesserungen brauchen jedoch Zeit, wie der Sprecher des Versorgers Hamburg Wasser, Ole Braukmann, sagte. Hamburgs rot-grüner Koalitionsvertrag sehe vor, den Einbau einer vierten Reinigungsstufe im Klärwerk zu prüfen. Es gehe dabei aber um eine hohe Investition für 50 bis 60 Jahre, deren Vor- und Nachteile genau bedacht werden müssten. Reinigungsverfahren mit Aktivkohle seien zum Beispiel sehr energieintensiv und teuer.

Auch andere Lösungen zur Beseitigung des Problems werden benötigt. Hoffnungen hatten Umweltschützer beispielsweise auf Projekte wie »The Ocean Cleanup« gesetzt – eine schwimmende Barriere, die Plastik aus den Meeren sammeln soll. Doch zuletzt stockte das Projekt, zudem könnten solche Geräte wohl nur geringe Mengen aufsammeln.

Hunger von Bakterien auf PET weckt Hoffnung

Auch Mikroorganismen könnte irgendwann einen Beitrag zur Beseitigung des Plastikproblems leisten. Einige haben die Eigenschaft entwickelt, Kunststoffe in ihre Molekülbestandteile zu zerlegen und zu verstoffwechseln. Verschiedene Forschergruppen haben weltweit daran gearbeitet, diese Eigenschaft zu nutzen. Beispielsweise hatte ein Wissenschaftlerteam aus Japan schon im Jahr 2016 auf einer Recyclinganlage für Kunststoffflaschen ein Bakterium gefunden, das PET abbauen kann und dafür bestimmte Enzyme verwendet. Ähnliches hatten auch andere Forscherinnen und Forscher entdeckt.

Derzeit wird daran gearbeitet, solche Verfahren im industriellen Maßstab möglich zu machen. Sie könnten dann beispielsweise auf speziellen Deponien Kunststoff abbauen. In Frankreich wird derzeit sogar eine Prototypanlage aufgebaut , die PET-Recycling testen soll. Bis solche Verfahren weltweit angewendet werden können, wird es aber sicher noch dauert. Dazu können solche Anlagen ein Grundproblem nicht lösen: Der Plastikmüll müsste in eben solche Deponien wandern – und nicht ins Meer.

joe/dpa