Fusion, Pleite, Übernahme Forscher berechnen Halbwertzeit von Firmen

Wie lange überlebt ein Unternehmen? Laut einer Statistik, die Tausende börsennotierte Firmen in den USA enthält, liegt die Halbwertzeit bei zehn Jahren. Doch es gibt Zweifel an der Berechnung.

Schlussverkauf (Archivbild): Die Lebenszeit von Unternehmen ist begrenzt
TMN

Schlussverkauf (Archivbild): Die Lebenszeit von Unternehmen ist begrenzt

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Wie gründet man ein Unternehmen? Was sind Erfolgsfaktoren? Warum verschwindet die eine Firma nach fünf Jahren, während die andere an der Börse gefeiert wird? Wirtschaftswissenschaftler haben viele Theorien dazu entwickelt und dicke Bücher darüber geschrieben. Doch gäbe es wirklich so etwas wie das ultimative Erfolgsgeheimnis für Firmen, könnte es jeder anwenden - und niemand müsste mehr pleitegehen.

Wissenschaftler aus Kanada und den USA haben die Frage nach dem Erfolg von Unternehmen nun rein statistisch untersucht. Marcus Hamilton von der Arizona State University in Tempe und seine Kollegen wollten wissen, die lange Firmen existieren. Dabei stellten sie fest: Die Hälfte der Unternehmen gibt es nach zehn Jahren nicht mehr. Und erstaunlicherweise hängt diese zehnjährige Halbwertzeit nicht von der Branche ab.

"Es ist egal, ob Sie Bananen verkaufen, Flugzeuge oder was auch immer", sagt Autor Hamilton, die Sterberate sei überall gleich. Dies widerspreche gängigen Theorien aus der Betriebswirtschaft, berichten die Forscher im frei zugänglichen Fachblatt "Interface" der britischen Royal Society.

Nur 3,5 Prozent gehen pleite

Die Analyse fußt auf der Datenbank Compustat der Ratingagentur Standard & Poor's und umfasst Informationen über 25.000 börsennotierte Unternehmen in den USA aus dem Zeitraum 1950 bis 2009. Die mit 45 Prozent häufigste Ursache für das Aus von Firmen sind demnach Fusionen und Übernahmen. Eine Pleite gab es nur in 3,5 Prozent der Fälle. Immerhin 15 Prozent der Firmen wurden auch von der Börse genommen und verschwanden somit aus der Datenbank. In knapp einem Drittel der Fälle konnten die Forscher keine Gründe für das Ende einer Firma finden - siehe folgendes Diagramm. Sie werteten ein Unternehmen dann als nicht mehr existent, sobald es nicht mehr öffentlich gelistet war.

Über das Sterben von Firmen existieren mehrere Theorien. Laut der "Liability of Newness" (Bürde des Neuen) verschwinden junge Unternehmen häufiger vom Markt, weil sie noch nicht über genug Kontakte zu Kunden, Lieferanten und Investoren verfügen. Die "Liability of Senescence" (Bürde der Vergreisung) beschreibt das Phänomen, dass ältere Firmen dazu tendieren, unflexibel und bürokratisch zu werden und deshalb zugrunde gehen.

Josef Brüderl von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat bereits 1990 gemeinsam mit Rudolf Schüssler die Theorie der "Liability of Adolescence" entwickelt. Ihre Untersuchung hatte gezeigt, dass deutsche Unternehmen, wenn die Finanzierung erst einmal steht, eine längere, stabile Phase durchlaufen. Erst wenn das Kapital zur Neige geht, geraten sie in Schwierigkeiten.

Wann ist eine Firma tot?

Brüderl hält die neue Studie für "interessant" und ihre Ergebnisse für "plausibel". Weil die Arbeit nur börsennotierte Gesellschaften umfasse, handle es sich eher um größere Unternehmen, denn nur diese könnten den Sprung an die Börse schaffen. "Bei denen war auch schon in unserer Studie das Sterberisiko nach einiger Zeit praktisch konstant." Die neue Analyse bestätige dies.

Kollegen von Brüderl sehen die Arbeit kritischer. Sie stören sich unter anderem an der vergleichsweise schematischen Definition des Todes von Unternehmen. Weder eine Fusion noch eine Pleite noch eine Übernahme bedeuteten das Ende einer Firma, sagt Malte Brettel von der RWTH Aachen. Oft würden Teile weiterbestehen.

Michael Fritsch von der Universität Jena hält die Fokussierung auf börsennotierte Firmen für schwierig. "Die sind in der Regel deutlich größer als der Durchschnitt und leben deshalb auch länger." Ein Standard-Ergebnis diverser internationaler Studien sei, dass rund die Hälfte aller Firmen schon nach fünf bis sechs Jahren wieder aus dem Markt ausscheide.

Geburtsphase fehlt

Der Aachener Forscher Brettel weist darauf hin, dass der Gang an die Börse nicht identisch ist mit der Firmengründung. "Würde man die Geburtsphase eines Unternehmens mit berücksichtigen, ergäbe sich sicher ein anderes Bild." Es dauere Jahre, bis eine Firma an die Börse gehe. "Bei einer Internetfirma können es fünf Jahre sein, bei einem Unternehmen aus der Medizintechnik sind es eher zehn Jahre." Insofern seien die nun vorgelegten Ergebnisse verzerrt. "Aber bei einer Analyse von 25.000 Unternehmen muss man eben vereinfachen."

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