Christian Stöcker

Argumentation in der Politik Der "Menschenverstand" ist ein Schwachkopf

Verkehrsminister Scheuer findet Tempolimits nicht gut und begründet das mit dem gesunden "Menschenverstand". Wenn Politiker diese Phrase gebrauchen, stimmt in der Regel das Gegenteil.
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Archivaufnahme)

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (Archivaufnahme)

Foto: Michael Kappeler/ picture alliance/dpa

"Denn was ist der gesunde Verstand? Es ist der gemeine Verstand, so fern er richtig urtheilt."

Immanuel Kant, "Kritik der reinen Vernunft"

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) kommt aus Passau, nicht aus Schwaben, ist aber offenbar ein sparsamer Mann. Als eine von seinem Ministerium eingesetzte Kommission auf die Idee gekommen war, man könne doch den CO2-Ausstoß von Autos verringern , indem man sie nicht mehr ganz so schnell fahren lässt, erklärte Scheuer diese Woche, das sei doch "gegen jeden Menschenverstand". Das in dieser Phrase üblicherweise gebräuchliche "gesunden" sparte Scheuer ein, vielleicht im Dienste der schwarzen Null, wer weiß.

Ob gesund oder nicht, gemeint war jedenfalls das gleiche wie immer: "Das weiß doch wohl jeder." Der "gesunde Menschenverstand" ist unter Politikern als argumentative Figur sehr beliebt. Konrad Adenauer  bemühte ihn einst, aber auch die Physikerin Angela Merkel  beruft sich gelegentlich auf ihn.

Der Volksmund ist ein elender Klugscheißer

Unter den Nazis war der gesunde Menschenverstand sehr populär. Rudolf Hess zum Beispiel hat über Adolf Hitler einmal gesagt, der habe in Innen- wie Außenpolitik "den gesunden Menschenverstand ausschlaggebend zur Geltung gebracht". Der große Bruder des gesunden Menschenverstands war damals bekanntlich das gesunde Volksempfinden, und wozu das geführt hat, muss ich hier nicht ausführen.

Das Sprachrohr des gesunden Menschenverstands ist oft der Volksmund. Der hat zu sehr vielen Themen etwas zu sagen, immer total einleuchtend. Der Volksmund ist ein, pardon, elender Klugscheißer, der immer alles vorher wusste - und das Gegenteil auch.

Sei jetzt bitte still

Das lernt man zum Beispiel, wenn man sich mit Sozialpsychologie beschäftigt. Da weiß der Volksmund zu jedem Thema irgendwas. Paarbildung bei Menschen zum Beispiel: Gleich und gleich gesellt sich gern. Und: Gegensätze zieh'n sich an. Danke, Volksmund! Und jetzt sei bitte still, die Erwachsenen versuchen hier gerade eine faktenbasierte Unterhaltung zu führen.

Tatsächlich ist längst empirisch nachgewiesen, dass der gesunde Menschenverstand eine gefährliche Illusion ist. Wir Menschen fällen ständig Urteile aufgrund - falscher - Bauchgefühle. Antworten Sie mal im Kopf ganz schnell auf diese Frage: Woran sterben mehr Menschen - Diabetes oder Verkehrsunfälle?

Hören Sie nicht auf sich

Jetzt hat er "Verkehrsunfälle" geschrien, der gesunde Menschenverstand, stimmt's? Tatsächlich starben zum Beispiel 2016 hierzulande knapp sechseinhalbmal so viele Menschen an Diabetes wie im Straßenverkehr. Diabetestote kommen aber eher nicht in die Nachrichten, von Unfalltoten dagegen hört der gesunde Menschenverstand dauernd. Sie wirken dadurch wahrscheinlicher. Verfügbarkeitsheuristik nennt man das. Es ist nur eine von Dutzenden kognitiven Verzerrungen, deren Existenz zweifelsfrei nachgewiesen ist. In der englischsprachigen Wikipedia  gibt es eine sehr unterhaltsame, sehr lange Liste.

Hören Sie auf mich: Hören Sie nicht auf sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie, wenn Sie nicht über echte empirische Evidenz verfügen, falsch liegen, ist sehr hoch.

Womit der gesunde Menschenverstand sich schwertut

Im 19. Jahrhundert war der gesunde Menschenverstand bekanntlich der Überzeugung, menschliche Körper seien für die atemberaubende Geschwindigkeit von Dampfloks ganz sicher nicht gemacht. Was meinen Sie, was der gesunde Menschenverstand damals von der Idee gehalten hätte, sich in einer unter Druck stehenden Metallröhre in zehntausend Meter Höhe fliegend fortzubewegen, auf 800 km/h beschleunigt von brennendem Gas?

Bis heute fällt es dem gesunden Menschenverstand schwer, lange etablierte Fakten über die Welt um uns herum zu akzeptieren. Zum Beispiel, dass wir alle aus geladenen Teilchen bestehen, die in uns und um uns herum beständig durch ein Vakuum zischen. Oder dass Objekte schwerer werden, wenn sie sich sehr schnell bewegen. Manchen äußerlich durchaus gesunden Menschen fällt es ja bis heute sogar schwer zu akzeptieren, dass die Erde eine Kugel ist.

Rasende Metallbrocken

Weil wir Menschen mittlerweile herausgefunden haben, dass uns nicht zu trauen ist in solchen Fragen, haben wir ein System namens Wissenschaft entwickelt. Mit dessen Hilfe kann man zu objektivierbaren Erkenntnissen darüber gelangen, wie die Dinge wirklich liegen. Zum Beispiel, dass Verbrennungsmotoren, die 1,5 Tonnen schwere Metallbrocken bewegen, bei höheren Geschwindigkeiten mehr CO2 produzieren. Oder dass diese rasenden Metallbrocken umso häufiger tödlich sind, je schneller sie sich bewegen.

Der "gesunde Menschenverstand" ist ein besserwisserischer Schwachkopf, der von nichts eine Ahnung hat, aber zu allem eine Meinung. Er ist das argumentative Äquivalent zu "weil ich es sage". Der eingangs zitierte Immanuel Kant nannte ihn in durchaus beleidigender Absicht eine "Wünschelruthe". Er - der Menschenverstand, nicht Kant - ist sogar auf aggressive Weise autoritär: Hinterfrage bloß nicht, was ich da behaupte! Das weiß doch jeder! Im politischen Diskurs hat der gesunde Menschenverstand deshalb genauso viel verloren wie dieses andere Rechthaben-ohne-Begründung-System, die Religion: gar nichts.

Wenn Politiker, ob Andreas Scheuer oder wer auch immer, sich auf den gesunden Menschenverstand berufen, dann sollte man erst einmal davon ausgehen, dass das Gegenteil von dem richtig ist, was sie behaupten, denn sie haben ja offenkundig keine Argumente. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand.

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