Interview mit Edgar Grande Kann der Kampf gegen den Klimawandel doch noch die Welt einen?

Die Klimakrise galt in den Neunzigern auch als Chance - für eine weltweite politische Bewegung. Heute wettern Rechtspopulisten gegen Klimaschutz, Demokratien erodieren. War's das schon?

DPA/ Benno Schwinghammer

Ein Interview von Janne Kieselbach


"Die Zeit für Zweifel ist vorbei", mit diesen Worten präsentierte der Weltklimarat im Jahr 2007 seinen vierten Bericht über den menschengemachten Klimawandel. Die Experten waren sich sicher: Mit dem Ausstoß von Treibhausgasen sind wir selbst dafür verantwortlich, dass sich die Erde erwärmt - und wir können etwas dagegen tun.

In den Sozialwissenschaften herrschte zu dieser Zeit Aufbruchstimmung: Meinungsführer wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck oder sein britischer Kollege David Held sahen die Zeit für weltweite politische Bewegungen gekommen. Angesichts der Klimakrise müsse es eine entgrenzte Antwort geben. Die ambitioniertesten Zielsetzungen reichten von einem Weltparlament bis zu einer Weltverfassung.

Nur gut zehn Jahre später ist davon wenig zu sehen: US-Präsident Trump hält den Klimawandel für eine Erfindung, Rechtspopulisten wettern gegen den Klimaschutz und in vielen Staaten erodieren die Demokratien. Statt flächendeckender sozialer Proteste geht nur eine Gruppe von Schülern auf die Straße. Was ist aus der Idee neuer transnationaler Bewegungen geworden? Bleibt die Weltdemokratie ein naives Gedankenspiel? Fragen an Edgar Grande.

Zur Person
  • David Ausserhofer
    Edgar Grande ist Professor für Politikwissenschaft am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB). Er gilt neben dem 2015 verstorbenen Soziologen Ulrich Beck als einer der wichtigsten Vertreter kosmopolitischer Ideen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Grande, seit Monaten protestieren Schüler jeden Freitag für den Klimaschutz und setzen die Politik in Deutschland inzwischen erkennbar unter Druck. Entsteht hier gerade eine neue Apo?

Grande: Die für solche Bewegungen entscheidende Bedingung, mediale Sichtbarkeit, erfüllen die Schüler jedenfalls sehr erfolgreich. Auf der Straße sehen wir Jugendliche, die ihre berechtigte Angst zum Ausdruck bringen. Sie legen überzeugend die Glaubwürdigkeitslücke der Politik offen, das macht ihre Stärke aus. Dennoch denke ich nicht, dass daraus eine dauerhafte außerparlamentarische Bewegung wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Grande: Erstens sind gerade Schüler politisch besonders schwach, weil ihnen etwas fehlt, das Sozialwissenschaftler als "Entziehungs- oder Verhinderungsmacht" bezeichnen. Wir reden zwar von Klimastreiks, aber eigentlich können Schüler niemanden bestreiken. Wenn Schüler nicht am Unterricht teilnehmen, dann schaden sie nicht ihren Lehrern, sondern letztlich sich selbst. Zudem ist der Klimawandel eine schleichende Katastrophe. Wir in Deutschland können seine Folgen noch kaum spüren, er juckt nicht, er schmerzt nicht. Deshalb ist die individuelle Betroffenheit derzeit noch etwas sehr Abstraktes.

SPIEGEL ONLINE: Überrascht es Sie denn, dass es gerade jetzt und so schnell zu den Protesten kommt?

Grande: Es überrascht mich, dass es erst jetzt dazu kommt und dass es vergleichsweise schwache Proteste sind. Die Potenziale sind ja seit Langem da. In den Neunziger- und Nullerjahren hatten wir eine lebhafte wissenschaftliche Debatte über globale Risiken. Es ging nicht nur um Umweltgefahren, sondern auch um terroristische Bedrohungen und neue ökonomische Risiken. Damals sind wir davon ausgegangen, dass durch diese neuen Risiken neue Formen des globalen Regierens entstehen. Und wir waren überzeugt, dass gerade soziale Bewegungen, die globale Zivilgesellschaft, die wichtigste Triebkraft dafür sein würden.

Kinder im Klimastreik: "Schüler sind politisch besonders schwach"
Carsten Koall/ Getty Images

Kinder im Klimastreik: "Schüler sind politisch besonders schwach"

SPIEGEL ONLINE: Sie und andere Politikwissenschaftler wie Ulrich Beck oder David Held haben um die Jahrtausendwende argumentiert: Wenn neue politische Herausforderungen über nationale Grenzen hinausgehen, dann muss es zu neuen transnationalen Bewegungen und Institutionen kommen. Stattdessen leben wir heute in Zeiten von Brexit, Trump und Katalonien-Krise. Haben Sie sich getäuscht?

Grande: Ja, natürlich. Aber lehrreich ist doch, worin die damaligen Denkfehler bestanden. Die Feststellung, dass mit globalen Risiken neue politische Handlungszwänge entstanden sind und dass die Nationalstaaten mit diesen Problemen überfordert sind, die gilt nach wie vor. Nicht dieser Befund ist falsch, sondern die Annahmen darüber, unter welchen Bedingungen unsere Gesellschaften in der Lage sind, mit solchen globalen Risiken umzugehen und grenzüberschreitende Lösungen für diese Probleme zu finden. Da waren wir teilweise zu optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Denkfehler haben Sie konkret begangen?

Grande: Die Klimapolitik ist das Paradebeispiel, an dem man etwas über die Bedingungen und Grenzen von Multilateralismus lernen kann. Wir mussten erkennen, dass die Autorität internationaler Organisationen zu schwach ist, dass auf Regierungen allein kein Verlass ist, dass Zusagen und Verpflichtungen nationaler Regierungen nicht eingehalten werden und dass die Mobilisierungskraft transnationaler Bewegungen begrenzt ist. Kurz gesagt: Die politischen Voraussetzungen für effektive globale Problemlösungen sind anspruchsvoller, als viele angenommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Statt grenzüberschreitenden Klimaschutz zu fordern, applaudieren heute viele Menschen Rechtspopulisten, die niedrigere Spritpreise versprechen und den Klimawandel anzweifeln. Wie erklären Sie sich das?

Grande: Wir sind lange davon ausgegangen, dass die Ängste vor Risiken wie dem Klimawandel eine mobilisierende Wirkung haben, und zwar in Richtung neuer grenzüberschreitender Problemlösungen. Das war aber nur teilweise richtig. Es hat zwar eine Mobilisierung gegeben, aber in eine ganz andere Richtung: Die Globalisierung erzeugt auch eine nationalistische Gegenbewegung, die zum Aufstieg neuer radikaler Rechter und Populisten führt. Wir sind in eine Ära eingetreten, die geprägt ist von nationaler Interessenpolitik und der Skepsis über die politische Notwendigkeit, zu handeln und grenzüberschreitend zu kooperieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ängste der einzige Grund dafür, warum viele Menschen die Risiken leugnen und Transnationalisierung ablehnen?

Grande: Nein. Ein weiterer Grund sind die konkreten Folgekosten des Klimaschutzes. Maßnahmen wie die Energiewende oder die Verkehrswende in Deutschland betreffen ja nicht jeden in gleicher Weise. Denken Sie an das Dieselfahrverbot. Die ökologische Transformation verursacht für manche auch Nachteile. Sie erzeugt Opfer, die sich politisch gegen den Klimaschutz mobilisieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihre Kollegen haben in den Neunzigerjahren sogar Ideen für eine Weltdemokratie entworfen. Manche forderten ein Weltparlament.

Grande: Die wissenschaftliche Debatte zu den Möglichkeiten und Bedingungen von Demokratie jenseits des Nationalstaates war eine der wichtigsten Debatten der letzten 50 Jahre. Aber wir müssen erkennen, dass es seither zu einer bemerkenswerten Schwächung der Demokratien in den Nationalstaaten gekommen ist. Wenn Sie so wollen, ist das Fundament für eine kosmopolitische Demokratie fragil geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus?

Grande: Wir müssen den Blick heute viel stärker nach unten richten, wir müssen mehr investieren in die Stärkung von Demokratie in den Nationalstaaten und auf der lokalen Ebene. Erst dann kann auch die Demokratisierung von neuen politischen Institutionen jenseits des Nationalstaates gelingen.

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tailspin 04.05.2019
1. Macht doch Sinn
Immer schoen fuers Klima einzahlen damit meine Rente sicher ist. Von mir kriegt das Klima nichts mehr. Ich muss nicht mehr zur Arbeit fahren. Mir reicht es hier zu sitzen und abzukassieren.
gammoncrack 04.05.2019
2. Die Frage der Headline ist doch leicht zu beantworten.
Solange Trump noch Präsident ist: Garantiert nicht
richey_edwards 04.05.2019
3. Ncht die Demokratie
schwächelt sondern die alten Autoritäten. Sei es in der Wissenschaft oder in den Medien. Der Demokratie geht's gut.
marthaimschnee 04.05.2019
4. man muß ja nichtmal den Klimawandel anzweifeln
sich einfach mal umschauen reicht ja schon. Wir werden regiert, um nicht zu sagen tyrannisiert, von einer Politik ungezügelter Gier. Das einzige was die am Klimawandel und dem Kampf dagegen interessiert ist, wie sie Gewinn daraus ziehen können. Da sie allerdings niemals genug bekommen, sind sie selber das größte Problem, denn wirksamer Klimaschutz ist mit grenzenlosem Wachstum (das es eh nicht gibt) und der verschwenderischen "wir bauen auf, um nieder zu reißen"-Doktrin nicht vereinbar. So, und von dieser Erkenntnis aus, was glaubt ihr wohl, was passieren wird? IHR sollt zahlen und DIE wollen kassieren. Das werden viele ganz einfach nicht unterstützen.
Europa! 04.05.2019
5. Wir brauchen wieder eine Klima- und Ökologiepartei
Das Problem besteht darin, dass es in Deutschland und Europa keine politischen Parteien (mehr) gibt, die Umweltfragen eindeutig und klar in den Vordergrund stellen. Und es wird leider noch eine Weile dauern, bis Greta und ihre Mitkämpfer eine Partei gründen (können), die Klimaschutz wieder wählbar macht. Mit Al Gore ist in den USA schon im Jahr 2000 ein Klimaschutz-Präsident gewählt worden - und wurde dann vom Establishment und dem Bruder seines Rivalen in Florida um den Wahlsieg betrogen. Dass Trump, AfD et. al. die Position der Klima-Skepsis und des Klima-Agnostizismus einnehmen, ist kein Verbrechen; es wird immer Nachzügler geben und die dürfen sich auch politisch vertreten lassen. Deswegen eine "Weltregierung" zu fordern oder - noch naiver - darauf zu warten, ist unsäglich naiv. Die Chinesen, Kanadier, Australier und viele andere Regierungen haben die Gefahr längst erkannt und arbeiten daran, sie zu bekämpfen. Die Amerikaner werden bald folgen. Und wir sollten weiter an der Energie-, der Verkehrs- und der Agrarwende arbeiten.
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