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04. Oktober 2007, 12:56 Uhr

Polygamie und Rassen-Intelligenz

Die kruden Thesen des Biologie-Genies

Aus Cambridge berichtet

Vor 54 Jahren schrieb er als Mitentdecker der DNA-Doppelhelix Geschichte - jetzt hat James Watson einen Ratgeber für ein erfolgreiches Leben veröffentlicht. Doch mit seinen kruden Thesen verstörte er bei der Buchpräsentation das Publikum.

Wer seine Memoiren "Meide langweilige Menschen" nennt - wie es James Watson getan hat -, nimmt natürlich in Kauf, dass ihn das Publikum beim Wort nimmt. Doch als der weltbekannte Biologe sein Werk gestern Abend an der Harvard University vorstellte, sah sich keiner der 600 Zuschauer bemüßigt, dem Saal vorzeitig zu entfliehen. Im Gegenteil: Nach drei Minuten rollte der erste Lacher durchs Publikum, später aber gab es auch hochgezogene Augenbrauen.

Der weißhaarige Watson, der vorne auf einem Stuhl sitzt und von zwei Moderatoren befragt wird, beginnt damit, ob es nicht besser wäre, wenn ein Mann mehrere Frauen auf einmal haben dürfe. Nicht von ungefähr sei der Mormonenstaat Utah so erfolgreich, findet er und zuckt mit den Schultern. "Nicht alle Sachen früher waren schlecht, nur weil wir sie aufgegeben haben."

Als nächstes nimmt sich Watson, inzwischen 79 Jahre alt, ein Thema vor, das irgendwie im Widerspruch zur Vielweiberei als männlicher Fortpflanzungsstrategie steht. "Ältere Männer haben kranke Spermien", erklärt er. Aus diesem Grund hätten 75 Jahre alte Herren im Vergleich zu 25 Jahre alten Burschen eine fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit, ein autistisches Kind zu zeugen. Männer seines Semesters sollten deshalb keine Kinder in die Welt setzen, rät Dr. Watson: "Die Moral der Geschichte ist, das Sperma im Alter von 15 Jahren zu sammeln" und bei späterem Bedarf aufzutauen. Da kichern die Zuschauer, unter ihnen viele Studenten.

Was verrät das eigene Genom?

Viele sind nur gekommen, weil sie gehört haben, dass James Watson "eine so eigenartige Persönlichkeit ist", wie es Scott, ein angehender Biochemiker, ausdrückt. In der Tat: Aufgrund seiner Erfolge hat Watson einen so hohen Status erreicht, dass ihm herzlich egal sein kann, was andere von seinen Ansichten halten. Im Alter von nur 25 Jahren entdeckte er zusammen mit seinem wissenschaftlichen Widerpart Francis Crick (1916 bis 2004) die dreidimensionale Anordnung des genetischen Materials: die DNA-Doppelhelix. Dafür erhielten Crick und Watson 1962 den Nobelpreis der Medizin.

Überdies hat Watson mit "The Molecular Biology of the Gene" einen ganz neuen Typus von Lehrbuch ins Leben gerufen und als Wissenschaftsfunktionär das Humane Genomprojekt vorangetrieben: Ein komplettes Genom, das allerdings aus Chromosomen unterschiedlicher Individuen bestand, wurde damals entschlüsselt. Anfang dieses Jahres teilte der Professor mit, nunmehr sei auch sein eigenes Genom sequenziert worden, und zwar innerhalb von nur zwei Wochen. Kürzlich hatte auch der US-Genpionier Craig Venter sein Erbgut komplett sequenzieren lassen und es im Internet veröffentlicht.

Wie es um Watsons persönliche genetische Ausstattung steht, davon war gestern Abend jedoch nicht die Rede. Lieber erging sich der Nobelpreisträger in allerlei Provokationen, vorgetragen in seinem unnachahmlichen Nuschelton.

Als etwa ein Student darauf hinweist, die Menschen seien genetisch gesehen im Grunde doch gleich, entgegnet er: "Das ist Unsinn, natürlich gibt es Rassen." Es sei doch klar, dass es zwischen den weißen Australiern und den dunkelhäutigen Aborigines erhebliche Unterschiede geben. Was die Intelligenz verschiedener Ethnien angehe, sollten "wir nicht von vornherein annehmen, dass wir alle gleich sind".

Banalitäten aus berufenem Munde

Was er damit genau sagen will, verrät Watson aber nicht. Nun kichern die Studenten nicht mehr, sondern schauen sich verwirrt an. Watson ist einer der Meister der molekularen Genetik, aber jetzt können ihm seine Schüler nicht mehr folgen.

In seinen Memoiren verzichtet Watson erfreulicherweise auf solche Anspielungen, hat aber sonst erstaunlich wenig zu sagen. "Avoid Boring People", so der englische Titel des soeben in den USA erschienenen Buches, wird als Ratgeber vermarktet, wie man Erfolg im Leben hat. Viele der jungen Harvard-Studenten im Saal haben sich das Werk am Eingang gekauft und halten es nun hoffnungsvoll in den Händen.

Doch die Lebenshilfen des Dr. Watson sind nicht wirklich neu (etwa sein Tipp, aufregende Ergebnisse so schnell wie möglich zu veröffentlichen) oder sagen nur das, was ehrgeizige Studenten ohnehin schon versuchen (in ein vielversprechendes Forschungsfeld zu gehen).

Zwar bietet das Buch jenen, die sich für die Anfänge der Molekularbiologie interessieren, etliche Anekdoten, die jedoch aufgrund der verkürzten Darstellung nur schwer einzuordnen sind. Wer die Geschichte der eigentlichen Entdeckung der DNA-Struktur erfahren will, der ist mit James Watsons 1968 erschienenem Klassiker "Die Doppelhelix" viel besser bedient. Was seine Memoiren angeht, gilt das abgewandelte Motto des Titels: meide langweilige Bücher.

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