2000 Jahre nach Vulkanausbruch Erstmals Genom eines Menschen aus Pompeji entschlüsselt

Der Mann kam bei der verheerenden Naturkatastrophe in der antiken Stadt im Jahr 79 ums Leben. Reste von Erbgut verraten, woher er wohl ursprünglich stammte und unter welchen Krankheiten er litt.
Freigelegtes Skelett in Pompeji von Individuum A.

Freigelegtes Skelett in Pompeji von Individuum A.

Foto: Notizie degli Scavi di Antichità, 1934, P. 286, Fig. 10

Italienische Wissenschaftler haben erstmals große Teile des Erbguts eines Menschen sequenziert, der vor fast 2000 Jahren in Pompeji beim Ausbruch des Vesuv umgekommen ist.

Dabei fanden sie heraus, dass der Mann wahrscheinlich von Sardinien stammte und seine Vorfahren über das Gebiet des heutigen Irans und über Anatolien nach Europa gelangt sind. Außerdem litt er sehr wahrscheinlich an Tuberkulose der Wirbelsäule, wie die Gruppe um Gabriele Scorrano von der Universität Tor Vergata in Rom im Fachjournal »Scientific Reports«  schreibt.

Scorrano und Kollegen fanden im Felsenbein des Toten – genannt Individuum A – gut erhaltene DNA. Das Felsenbein ist ein Teil des Schädels und einer der härtesten Knochen im menschlichen Körper. Die DNA reichte aus, um 41 Prozent des Genoms des 35 bis 40 Jahre alten Mannes zu rekonstruieren. Sowohl das über die mütterliche Linie vererbte Genom der Mitochondrien, der Zellkraftwerke, als auch das väterlicherseits vererbte Y-Chromosom wiesen manche Merkmale auf, die typischerweise bei Bewohnern der Insel Sardinien zu finden sind.

Krankheit und Herkunft von Individuum A

Vergleiche des rekonstruierten Erbguts mit Genomen in verschiedenen Gen-Datenbanken ergaben, dass der Mann zu 30,5 Prozent Gene aus der iranischen Jungsteinzeit und zu 51,6 Prozent Gene aus der anatolischen Jungsteinzeit in sich trug. Außerdem stammten 4,4 Prozent von westlichen Jägern und Sammlern und 13,5 Prozent von der Jamnaja-Kultur , die sich in der Bronzezeit aus der Region nördlich des Schwarzen Meeres bis weit nach Europa verbreitete.

Opfer des Vulkanausbruchs: Abgüsse der Hohlräume im erkalteten Gestein

Opfer des Vulkanausbruchs: Abgüsse der Hohlräume im erkalteten Gestein

Foto: Sepp Spiegl / IMAGO

Das Forscherteam beschränkte sich nicht auf genetische Analysen, sondern untersuchte auch anatomische Eigenschaften des Mannes. An zwei Lendenwirbeln entdeckten die Wissenschaftler Veränderungen, die auf eine Tuberkulose der Wirbelsäule hindeuteten. Daraufhin untersuchten sie das Erbgut auf den Erreger Mycobacterium tuberculosis. Zwar fanden sie zu wenig Genmaterial, um genau diese Art nachzuweisen, doch für die Gattung Mycobacterium reichte es aus. Damit sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Mann eine Tuberkulose der Wirbelsäule hatte, folgert die Gruppe.

»Die genomweiten Analysen weisen darauf hin, dass das pompejanische Individuum A genetisch den noch vorhandenen Mittelmeervölkern, hauptsächlich Mittelitalienern und Sarden, nahesteht«, schreibt das Fachteam. Es untersuchte auch ein Individuum B, eine etwa 50 Jahre alte Frau, die neben dem Mann gefunden worden war. Bei ihr war der Ertrag an genetischem Material jedoch für weitere Analysen zu gering.

Suche nach Genmaterial unter der Asche

Im Jahr 79 kam es zu mehreren gewaltigen Ausbrüchen des südöstlich von Neapel gelegenen Vulkans Vesuv. In deren Verlauf wurden die römischen Städte Herculaneum, Stabiae, Oplontis und Pompeji von vulkanischen Materialien bedeckt. In Pompeji starben etwa 2000 Menschen, die noch nicht aus der Stadt geflohen waren, durch einen mehrere Hundert Grad Celsius heißen pyroklastischen Strom – einer Lawine aus heißer Asche, Gasen und Gesteinsstücken.

Große Hitze greift Knochenstrukturen und damit auch den Erbgutträger DNA an und zerstört sie häufig. In Pompeji entfaltete die Materialschicht langfristig aber auch eine schützende Wirkung. »Es ist möglich, dass die pyroklastischen Materialien auf den Überresten diese vor Umweltfaktoren wie Luftsauerstoff abgeschirmt haben, der die DNA abbaut«, schreiben die Forscher.

sug/dpa
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