Synchrotronstrahlung Wie Forscher diese verkohlten Schriftrollen nach 2000 Jahren entziffern wollen

Auch Pompejis Nachbarstadt Herculaneum wurde beim Ausbruch des Vesuv zerstört. Dort fand man die einzig erhaltene Bibliothek der Antike. Was in den Schriftstücken steht, wollen Forscher nun entziffern, ohne sie auszurollen.

Brent Seales/ Lexington Herald-Leader/ Tribune News Service/ Getty Images

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Im Jahre 79 nach Christus war die Zeit von Pompeji abgelaufen. Der Ausbruch des nahen Vesuvs hatte alles Leben in der Römerstadt am Golf von Neapel erstickt und verbrannt. Zusammen mit der nahe gelegenen Stadt Herculaneum wurde der Ort unter Aschebergen begraben.

Für die damaligen Bewohner war der Vulkanausbruch eine Tragödie mit hohen Opferzahlen. Für die Archäologen von heute ist Pompeji dagegen ein Glücksfall. Die Vulkanasche hat die Stadt im Moment des Ausbruchs perfekt konserviert.

Unzählige Details aus dem Leben der Antike haben die Altertumsforscher schon gefunden. Dazu zählen auch die Reste einer Bibliothek, die in einer Villa in Herculaneum gefunden wurde, das Haus soll einst dem Schwiegervater von Julius Cäsar gehört haben. Die meisten der 1800 mal mehr, mal weniger gut erhaltenen Schriftrollen liegen heute in einem Archiv in Neapel, sie gelten als die einzig komplett erhaltene Bibliothek der Antike.

Etwa 2000 Jahre später rätseln Forscher noch immer, was genau auf den Rollen steht. Einfach ausrollen kann man sie nicht, das würde sie zerstören, fürchten Experten. Viele sind verkohlt und brüchig.

Brent Seales, ein Experte für alte Schriftstücke von der University of Kentucky, gibt Forschern nun neue Hoffnung. Mit einem physikalischen Verfahren und spezieller Software will er mögliche Texte wieder sichtbar machen. Dazu nutzen die Forscher den Teilchenbeschleuniger Diamond Light Source in Großbritannien, schreiben sie in einer Mitteilung.

Sie haben es auf die Synchrotronstrahlung abgesehen, die das Gerät erzeugt, wenn Teilchen beschleunigt werden. Diese elektromagnetischen Wellen können ähnlich wie Röntgenstrahlung genutzt werden, sie sind eine Art Supermikroskop. Synchrotronstrahlung ermöglicht Einblicke auf kleinster molekularer Ebene. Damit erforschen Wissenschaftler beispielsweise, wie sich der Malaria-Erreger in menschlichen Zellen einnistet und hoffen, so einmal neue Therapien entwickeln zu können.

Für ihr Verfahren haben die Forscher Ende September bereits vier beschriftete Fragmente und zwei komplett erhaltene Schriftrollen viele Male gescannt. Die Synchrotronstrahlung des Diamond soll Unterschiede zwischen Tinte und unbeschriebenen Stellen der Dokumente sichtbar machen.

Die Forscher glauben, dass ihr Verfahren grundsätzlich funktionieren könnte. Schon 2015 haben sie Text auf verkohlten hebräischen Schriftrollen entziffern können und die Papyrus-Stücke gewissermaßen digital entrollt. Dabei nutzen sie Röntgenstrahlen und erkannten, dass es sich bei den En Gedi-Rollen um einen 1500 Jahre alten biblischen Text handelte. Allerdings hatten sie es hier einfacher, denn die alte Tinte enthielt Metallpartikel, die einen leicht messbaren Kontrast verursachten.

Der wird bei den Herculaneum-Rollen nicht erwartet, die Tinte wurde auf Kohlenstoffbasis hergestellt und hat eine ähnliche Dichte, wie das verkohlte Papyrus, auf das sie aufgetragen wurde. Hier würde das Röntgenverfahren nicht funktionieren.

Die Forscher hoffen aber, dass sie durch die Analyse mit der Synchrotronstrahlung der beschrifteten Fragmente zunächst eine Art Signatur der Tinte erstellen können.

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Pompeji: Mit dem Supermikroskop in die Bibliothek

Derzeit speisen sie ihre Messdaten in eine KI-Software ein, die sich selbst trainiert. Ob der Algorithmus aber wirklich in der Lage ist, die Unterschiede zwischen beschriebenen und unbeschriebenen Stellen der Schriftrollen zu erkennen, ist noch völlig offen. Erste Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet.

Seals und sein Team wollen ihre Methode langfristig so verbessern, dass alle Rollen der alten Bibliothek wieder lesbar gemacht werden können. Dabei handelt es sich vermutlich um philosophische Schriften. Aber bisher ist nicht einmal sicher, welche Sprache die Forscher genau vorfinden werden: Offenbar ist ein Teil der Texte auf Latein und ein anderer auf Griechisch.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Dr.T 07.10.2019
1. Wäre super, wenn das klappt!
Wenn das klappt, hab ich endlich wieder was zu lesen!
Olaf 07.10.2019
2.
Zumindest dürfte das Copyright erloschen sein. Nicht das noch jemand die Forscher verklagt, weil sie einfach gegen das Urheberrecht verstoßen und die Texte veröffentlichen.
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