Studie Ehrlichkeitstest mit verlorenem Portemonnaie  - gibt der Finder es zurück?

Eine Geldbörse wird gefunden und in einem Hotel abgegeben. Behält der Rezeptionist das Stück oder informiert er den Besitzer? Ein Experiment mit überraschendem Ausgang.

"Die Studie zeigt, dass wir ein zu negatives Menschenbild haben", sagen die Forscher
Simon Potter/ Cultura RF/ Getty Images

"Die Studie zeigt, dass wir ein zu negatives Menschenbild haben", sagen die Forscher


Sein Portemonnaie zu verlieren, gehört zu den ärgerlichsten Geschehnissen des Alltags. Karten sperren, möglicherweise Führerschein und Personalausweis neu beantragen - all das kostet Zeit und Geld. Wer seinen Geldbeutel vermisst, hofft deshalb auf einen ehrlichen Finder, der ihm all das erspart.

Die meisten nehmen dabei an: Wenn ein recht hoher Geldbetrag im Portemonnaie ist, schwinden die Chancen, dass der Finder es zurückgibt. Doch offenbar ist das gar nicht so.

Forscher aus der Schweiz und den USA berichten im Fachblatt "Science" von einem Test, den sie in 355 Städten in 40 Ländern mit anscheinend verlorenen Portemonnaies gemacht hatten. Das überraschende Resultat: Je mehr Geld in der Brieftasche war, desto ehrlicher waren die Menschen, schreibt das Team um Michel André Maréchal von der Universität Zürich.

Vor dem Versuch hatten die Wissenschaftler Ökonomen und Bürger nach ihrer Einschätzung gefragt, wie Menschen mit gefundenen Geldbörsen umgehen würden. Beide Gruppen erwarteten mehrheitlich, dass größere Beträge eher behalten würden. "Die Studie zeigt, dass wir ein zu negatives Menschenbild haben", sagt Mitautor Christian Lukas Zünd von der Universität Zürich. Menschen seien ehrlicher als gedacht.

Geldbörse mit Schlüssel wird eher zurückgegeben

Zu dem Versuch gehörten gut 17.000 Geldbörsen mit Visitenkarten, einige mit Schlüsseln und Geldbeträgen verschiedener Höhe. Helfer der Forscher behaupteten, sie gefunden zu haben. Und gaben sie am Empfang von unterschiedlichen Institutionen ab - etwa an Hotelrezeptionen, Banken, Kinokassen, Poststellen, Polizeiwachen oder Ämtern. Dann beobachteten die Forscher, wie oft die Brieftaschen ihren Weg zurück zum vermeintlichen Besitzer fanden.

Die Ergebnisse: Zum einen wurden Geldbörsen mit Schlüssel unabhängig vom Geldbetrag öfter zurückgegeben als solche ohne Schlüssel. Die Forscher schließen daraus, dass Finder - in diesem Fall also die Menschen am Empfang von Institutionen - oft selbstlose Motive haben. Denn der Schlüssel hat für den Besitzer Wert, nicht für den Finder.

Die große Überraschung für die Forscher war aber: Je höher die Beträge waren, desto mehr Geldbörsen wurden zurückgegeben.

  • Von den Brieftaschen, die kein Geld enthielten, kamen 40 Prozent zum Besitzer zurück.
  • Waren etwa zwölf Euro im Geldbeutel, lag der Wert bei 51 Prozent.
  • Bei weiteren Tests in Polen, den USA und Großbritannien stieg die Quote bei etwa 80 Euro im Portemonnaie sogar auf 71 Prozent.

Grundsätzlich fanden die Forscher dieses Muster in nahezu allen 40 Ländern. Die Rückgabequote war dennoch sehr unterschiedlich: Bei Geldbörsen ohne Geld waren die Schweizer am ehrlichsten, bei größeren Geldbeträgen Dänen, Schweden und Neuseeländer. Deutschland lag bei Börsen ohne Geld an neunter Stelle - von 200 Brieftaschen wurden 110 zurückgegeben (55 Prozent). Bei Börsen mit Geld (10,50 Euro) erreichten die Deutschen die elfte Position, es wurden 130 der 200 Geldbörsen ausgehändigt (65 Prozent).

Die Autoren - Verhaltensforscher und Ökonomen - erklären das Resultat damit, dass sich Menschen eher als Diebe fühlen, wenn sie größere Geldbeträge behalten. Mit diesem Selbstbild könnten viele schlecht leben. "Die psychologischen Kosten sind gewichtiger als der materielle Gewinn", folgert Mitautor Alain Cohnon von der University of Michigan. "Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe", ergänzt Maréchal.

Dollarnoten, ein Schlüssel, ein Zettel und Visitenkarten waren Teil des Versuch
Christian Zünd/ DPA

Dollarnoten, ein Schlüssel, ein Zettel und Visitenkarten waren Teil des Versuch

Insgesamt fanden mehr als 8000 der gut 17.000 Geldbörsen zu ihren vermeintlichen Besitzern zurück. Kurios: Nicht wieder aufgetaucht sind unter anderem Fundstücke, die ausgerechnet bei zwei Korruptionsbehörden abgegeben worden waren.

Einzelne Untersuchungen hätten wiederholt gezeigt, dass Menschen ehrlich sein wollten, erklärt Forscher Zünd. "Unsere Studie zeigt nun, dass dies ein globales Phänomen ist, in armen und reichen Ländern, bei Männern und Frauen, bei Jung und Alt."

Im Video: Verhaltens-Experiment - So bekommen Sie Ihre Geldbörse zurück - wahrscheinlich

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Die Wissenschaftler glauben, dass ihre Studie Behörden und Unternehmen nützliche Informationen liefert. "Man kann Menschen besser motivieren, ehrliche Antworten zu geben, wenn man sie bei ihrer Ehre packt", so Zünd. Der häufig am Ende von Formularen gedruckte Zusatz "Ich versichere, alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet zu haben" sollte besser am Anfang stehen, dann gebe es mehr wahre Antworten.

Studenten schummelten zudem weniger, wenn sie vor der Prüfung einen Ehrenkodex unterzeichnen müssten, so die Forscher. Auch Steuerbehörden könnten prüfen, wie sie mit solchen einfachen Mitteln Betrügereien verhindern können.

joe/dpa

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