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Porthcurno in Cornwall: Die lange Leitung

Foto: Simone Müller

Porthcurno Das Kommunikationszentrum am Ende der Welt

Porthcurno ist ein einsamer Fleck im äußersten Südwesten Englands - und zugleich einer der wichtigsten Orte der globalen Kommunikation. Vor fast 150 Jahren begann hier die Verkabelung Europas mit der Welt, die bis heute nicht abgeschlossen ist.
Von Simone Müller

Am Ende der Welt liegt einer der Knotenpunkte globaler Kommunikation. Eine schmale Bucht mit türkisblauem Wasser und feinstem Sandstrand - pittoresk eingefasst von einer felsigen Steilküste. Land's End, der westlichste Zipfel Englands, liegt nur vier Meilen entfernt.

Außer in den überlaufenen Sommermonaten hat man diesen letzten Winkel Cornwalls meist noch immer ganz für sich. Vor allem in der Vorsaison verirren sich nur selten Fremde nach Porthcurno, ein Ort mit heute nicht einmal 40 Häusern, darunter viele Sommerresidenzen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist diese Siedlung noch immer eine Tagesreise von London entfernt.

Sollte doch jemand den Weg in die Bucht finden, so ist er als Wanderer auf dem cornischen Küstenweg meist nur auf der Durchreise. Pausieren die Besucher dann im "Cable Station Inn", der einzigen Gaststätte am Ort, ist ihnen selten bewusst, dass nur wenige Meter entfernt, im Sand vergraben, mehrere Glasfaserkabel Europas Internetverbindung mit der Welt aufrecht erhalten. Die entlegene Bucht steht damit für genau die Geschäftigkeit, der viele Besucher eigentlich zu entfliehen suchen.

Die unvermutete Karriere Porthcurnos begann mit der erfolgreichen Verkabelung des Atlantiks im Sommer 1866. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen war es einer anglo-amerikanischen Gruppe um Cyrus Field, John Pender und Samuel Morse endlich gelungen, den Atlantik mit einem Telegrafenkabel zu durchspannen und somit Kommunikation in Echtzeit zwischen der Alten und der Neuen Welt herzustellen. Mit einem Telegramm von 98 Worten Länge, adressiert an US-Präsident James Buchanan, eröffnete Königin Victoria ein neues Zeitalter der globalen Kommunikation. Die Queen zitierte die Weihnachtsgeschichte nach Lukas: "Glory to God in the highest, on earth peace, goodwill toward men". Buchanan, am anderen Ende der Leitung, sah in der Telegrafenverbindung nichts weniger als ein immerwährendes Band der Freundschaft und des Friedens. Man hatte wahrlich Großes vor mit der Seetelegrafie.

Das Atlantikkabel als achtes Weltwunder

Nach dem Erfolg von 1866 setzte ein regelrechter Boom der Seetelegrafen ein. Es folgten Kabel nach Indien, Asien, Australien, Lateinamerika und Südafrika, so dass ab den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts fast jeder Ort auf dem Globus von Europa aus erreicht werden konnte. Hatte eine Postsendung nach Nordamerika zuvor zwei Wochen, nach Australien und Neuseeland sogar 70 Tage gebraucht, betrug die zeitliche Maximaldistanz jetzt nur noch fünf Tage.

Nachrichten verbreiteten sich per Telegraf rasant über den gesamten Globus. Als Buchanans Vorgänger, US-Präsident Abraham Lincoln, im Jahr 1865 - also noch vor der erfolgreichen Atlantikverbindung - einem Attentat zum Opfer fiel, dauerte es knapp zwei Wochen, bis man in Europa davon erfuhr. Als dagegen 1881 Präsident James A. Garfield ebenfalls ermordet wurde, wusste die Welt innerhalb weniger Stunden davon. Zeitgenossen sprachen über die Aufhebung von Zeit und Distanz und feierten das Atlantikkabel als achtes Weltwunder.

Auch heute noch betont die Wissenschaft den großen Wert der Seetelegrafie für die Entwicklung der weltweiten Kommunikation, eines globalen Bewusstseins und der damit einherschreitenden Anfänge der Globalisierung. Mit der ozeanischen Telegrafie setzte eine deutliche Homogenisierung und Zentralisierung der wirtschaftlichen und politischen Welt ein. Preisfluktuationen erfolgten zunehmend global, regionale Machtzentren verloren an Bedeutung.

Die größte Geschäftigkeit erlebte das Atlantikkabel stets in dem kurzen Zeitfenster, wenn die Börsen in New York und London gleichzeitig geöffnet hatten. In der Kolonialpolitik wurde der Telegraf zum Machtinstrument, das die Kolonien politisch und wirtschaftlich enger an ihr Zentrum band. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Bau und Kontrolle von Telegrafennetzen wesentlich für die Stellung eines Staates im internationalen Machtgefüge. Weltwirtschaft und Weltpolitik wurden - folgt man der Argumentation des finnischen Historikers Jorma Ahvenainen - erst durch die Telegrafie möglich.

Das Deutsche Reich betrat den transatlantischen Schauplatz erst spät, in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Und das, obwohl mit den Gebrüdern Siemens von Anfang an Deutsche an der Herstellung und Verlegung der globalen Seekabel beteiligt waren. Doch erst die verstärkte Emigration und das gestiegene Handelsvolumen mit den USA führten zu einem erhöhten Kommunikationsbedarf.

Gegen Ende des Jahrhunderts reichte dies jedoch nicht mehr aus. Zusammen mit der Reichsregierung bemühten sich deutsche Industrielle um ein nationales Atlantikkabel. Über Jahre hinweg wurden derartige Pläne von der britischen Regierung blockiert, man verweigerte die Erlaubnis für die Errichtung notwendiger Relaisstationen in Cornwall und auf den Azoren. Wirtschaftliche Zusammenarbeit war politischer Rivalität gewichen.

Pilgerort für Kommunikationshistoriker

Die Deutschen versuchten - jetzt stärker aus strategischen als aus wirtschaftlichen Erwägungen -, eine Kabelverbindung nach Nordamerika herzustellen und dabei britisches Gebiet zu umgehen. Aber erst um die Jahrhundertwende gelang es der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft und den Norddeutschen Seekabelwerken, zwei Kabel nach New York in Betrieb zu nehmen.

Paradoxerweise war Porthcurno gerade wegen seiner geografischen Lage schon früh ins Zentrum der telegrafischen Kommunikation des britischen Empire gerückt: Die Abgeschiedenheit der Bucht, unbehelligt von Strömungen und Schiffen, war ein Standortvorteil. Physisch konnten Datenströme so weit wie möglich von Meeres- und Verkehrsströmen entkoppelt werden. 1870 fand erstmals ein Seekabel seinen Ankerpunkt in Porthcurno und etablierte die Verbindung zwischen Großbritannien und Indien. Es sollte nicht das letzte sein.

Im frühen 20. Jahrhundert landeten bereits 14 Kabel in der Bucht von Porthcurno an und verbanden den kleinen Ort, in dem es außer der Telegrafenstation nur die Häuser einiger einheimischer Fischer gab, mit den wirtschaftlichen und politischen Zentren des europäischen Kontinents, Asiens, Afrikas, Nord- und Südamerikas. Eine Informationsflut ergoss sich unter dem Sandstrand: Börsenmitteilungen, Rohstoffpreise, politische Informationen, Wetter- und Schiffsberichte, damals wie heute von größter Bedeutung für Händler. Der entlegene Ort beherbergte die wichtigste Telegrafenstation des gesamten britischen Weltreichs, zumal hier auch die "Telegraph Boys" für den globalen Einsatz im Dienste von Empire und Krone ausgebildet wurden.

1902 spielte sich in Porthcurno unbemerkt vom Rest der Welt ein regelrechter Krimi ab. Es ging um Betriebsspionage. Guglielmo Marconi hatte sich mit seinen Instrumenten für einen Versuch der drahtlosen Telegrafie in Poldhu, einer Anhöhe nur eine halbe Meile westlich von Porthcurno, eingerichtet. Im Winter 1901 war es ihm erstmals gelungen, eine Funkverbindung über den Atlantik nach Neufundland herzustellen - ein technischer Durchbruch.

Aufgrund der Befürchtung, der Funk könnte die Seekabel überflüssig machen, war man in Porthcurno außerordentlich an Marconis Fortschritten interessiert. Man installierte einen Abhörapparat, der bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Betrieb blieb. Dann wurde er aus Sicherheitsgründen beschlagnahmt. Heute existiert davon nur noch ein unscheinbarer Holzpfahl auf dem Felsen oberhalb der Bucht - ein stummer Zeuge des Wettlaufs zwischen Kabel und Funk. Ironie der Geschichte: Bis heute hat man in Porthcurno keinen Handyempfang.

Nachrichtenhoheit als Machtinstrument

Porthcurno war immer auch ein Ort militärischen Interesses, denn Nachrichtenhoheit ist ein Machtinstrument. Aus Angst vor einer Invasion der Deutschen wurden 1941 innerhalb von zehn Monaten zwei Tunnel in den Felsen gehauen und die gesamte Telegrafenstation unter Tage verlegt. Am malerischen Strand bemerkt man bei genauem Hinsehen noch heute die Überreste dieser groß angelegten Aktion. Und sie hatte Erfolg: Die Telegrafenstation blieb im Krieg unbehelligt. 1970, nach genau 100 Jahren, endete Porthcurnos Geschichte als Telegrafenstation. Der Morseapparat war überholt, Glasfaserkabel ersetzten die alten Seekabel. Nur die Telegrafenschule blieb bis 1993 bestehen.

Heute beherbergen die Tunnel Teile des Telegrafenmuseums. Am Eingang hält noch immer ein britischer Soldat Wache. Für viele Besucher erweist er sich erst bei näherem Hinsehen als eine Puppe. Das Museum erinnert an die bewegte Geschichte des unscheinbaren Ortes im Westen Cornwalls. Es ist ein wahrer Pilgerort für Kommunikationshistoriker.

Die alten Geräte finden im Porthcurno Telegraph Museum zu neuem Leben, repariert und instandgehalten von den "Telegraph Boys" von damals. Direkt neben dem Lesesaal des Archivs befindet sich die Werkstatt, ein kleiner Raum, in der eine eingeschworene Gemeinschaft aus Hobbytüftlern und pensionierten Telegrafisten liebevoll die alten Geräte repariert und sie vor den Augen von Besuchern zum Leben erweckt. Innerhalb von Sekunden wird da ein Telegramm von Porthcurno an ein fiktives Kapstadt am anderen Endes des Raumes verschickt. Die Senioren - allesamt 75 Jahre und älter - beweisen ihre geistige Agilität, wenn sie ein Gewirr aus Punkten und Strichen verlesen wie andere eine Zeitungsmeldung. In unmittelbarer Nähe verlaufen die Glasfaserkabel, durchzuckt von Datenfluten, codiert als Lichtblitze, Nullen und Einsen.

Die Befürchtung, Marconi und seine Funktechnik würden den Untergang der Seetelegrafie herbeiführen, sollten sich letztendlich nicht bewahrheiten. Unternehmerisch fusionierten Anfang des 20. Jahrhunderts beide Technologien zu Cable and Wireless. Und auch heute noch, im Zeitalter von Internet und Satellitentechnik, hat sich an den Routen der Seekabel wie auch an ihrer Bedeutung für die globale Kommunikation wenig verändert. Noch immer verlaufen sie 6400 Kilometer entlang einer natürlichen Trasse über den Grund des Atlantiks, dem sogenannten Telegraph Plateau.

Die Geschichte der Verkabelung der Welt ist noch nicht abgeschlossen. Erst 2009 wurde erneut ein Kabel um die Welt verlegt, diesmal von der arabischen Halbinsel nach Ostafrika. Im Juli 2009 wurden fünf Staaten gleichzeitig angeschlossen, die bislang größtenteils auf teure Satellitenverbindungen angewiesen waren: Kenia, Tansania, Mosambik, Uganda und Südafrika. Tansanias Präsident Jakaya Kikwete verglich die Verlegung des Kabels mit dem Beginn einer neuen Ära im Telekommunikationsbereich: "Wir haben Geschichte geschrieben!" Fast 150 Jahre zuvor hatte Queen Victoria ganz ähnliche Worte gefunden.


Auszug aus dem Buch "Mekkas der Moderne - Pilgerorte der Wissensgesellschaft" 

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