Porträt Franck Goddio Statistiker auf Schatzsuche

Er hat nie Archäologie studiert und zählt doch zu den bekanntesten Entdeckern von Altertümern. Franck Goddio präsentiert sich als Mittler zwischen Forscherdrang, Expertise und Sponsorengeldern - in der wissenschaftlichen Marktnische Unterwasser-Archäologie.
Von Stefan Schmitt

"Wir sind alle ein Bisschen auf den Strich gegangen, um an das Geld zu kommen, das wir brauchen." Das mag eine ungewöhnliche Aussage für einen respektierten Oxford-Archäologen sein. Doch er sei einfach neidisch, fügte Barry Cunliffe ungeniert hinzu, wenn er Goddios üppige Finanzausstattung betrachte.

Wenn es in der Fachwelt um Franck Goddio geht, ist der Ton oft schrill. Und Cunliffe gehört noch zu jenen, die dem glamourösen Autodidakten der Unterwasserarchäologie wohlgesonnen sind.

Goddio hob Fundstücke aus der Tiefe, stellte sie aus, veröffentlichte großformatige Fotobände, tauchte europaweit im Fernsehen auf und schickte poppige Ausstellungen auf Tour. Die jüngste - "Ägyptens versunkene Schätze" - ist nun im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Der Franzose Goddio steht für spektakuläre Funde und Bergungen:

  • 1991 die spanische Galeone "San Diego", die im Jahr 1600 voller Porzellan vor den Philippinen gesunken war,
  • 1996 das Königsviertel des antiken Alexandria im Hafenbecken der heutigen ägyptischen Stadt,
  • 1997 eine chinesische Dschunke voller Keramik aus der Ming-Dynastie auf den Philippinen,
  • 1997 den Frachtsegler "Royal Captain" der englischen Ostindien-Kompanie, der 1773 vor den Phillipinen gesunken war,
  • 1998 und 1999 Napoleons Flotte, die 1798 in der Seeschlacht von Abukir vom britischen Admiral Nelson auf den Meeresgrund geschickt wurde,
  • 2000 und 2001 die ägyptische Hafenstadt Herakleion, außerdem die Städte Menouthis und Teile von Kanopos, ebenfalls in der Bucht von Abukir,
  • 2002 vor den Philippinen eine chinesische Dschunke voller originalverpacktem Porzellan aus dem 15. Jahrhundert,
  • 2003 das 1714 vor Kuba gesunkene französische Sklavenschiff "Adelaide".

"Indiana Jones der Meere" ist das gängige Klischee von Goddio, das ebenso gern als Titelzeile wie als Leitmotiv verwendet wird. Auch jene heroisierende Berichterstattung ist es, die studierte Archäologen neidisch werden lässt.

Nicht, dass irgendein akademisch gebildeter Ausgräber gerne mit Indiana Jones in Verbindung gebracht würde. Im Gegenteil, sie hassen diese Figur. Wegen der schmierigen Abenteuerprosa, in der dort das Zerrbild eines Berufsstandes gezeichnet wird: keine Gelehrigkeit, keine Mühen der Ebene, kein jahrelanges Einüben handwerklicher Methoden, kulturhistorischer Hintergründe, alter Sprachen und Schriften. Das alles verschwindet bei der Kinofigur mit Hut und Peitsche hinter Action, Abenteuer und Schatzsuche. Und so sehen große Teile der Zunft auch Franck Goddio.

Viele Bücher für den Kaffeetisch, wenig wissenschaftliche Publikationen, mokierte sich Robert Grenier, Unterwasserarchäologe aus Ottawa, über Goddio. Im selben Beitrag des Wissenschaftsmagazins "Science" motzte sein Kollege George Bass von der Texas A&M University: Archäologie solle von ausgebildeten und bewährten Archäologen ausgeübt werden, nicht von Laien.

Kühler Statistiker mit Liebe zum Meer

Franck Goddio suche Schiffe und Städte, um spektakuläre Fundstücke an die Oberfläche zu bringen. An wissenschaftlicher Substanz, der akribischen Dokumentation der kompletten Fundstelle und der formal korrekten Beschreibung aller Artefakte mangele es bei seinen Expeditionen. Diese Vorwürfe gehören zu Goddios mittlerweile über 20-jähriger Karriere. Mögen, nein, mögen tun ihn die Archäologen nicht.

Doch Unterwasserarchäologie ist teuer. Ein professionell betriebenes Suchprojekt verschlingt leicht eine Million Euro im Monat. Das können sich nicht viele Universitäten leisten - eine teure Nische im Betrieb der Erkenntnisgewinnung. Es war diese Nische, die Goddio entdeckte - aufgrund einer Marktstudie: Tauchen, wo Staaten oder Hochschulen zu klamm sind, und mögliche Funde geschickt vermarkten, um so die Expeditionskosten zu decken. 1983 hatte er diese Analyse des Unterwassergeschäfts vorgenommen. Sicher war ihm damals schon klar, dass die akademischen Archäologen ihm jeden Erfolg mit Abneigung und Misstrauen vergelten würden.

Denn Franck Goddio ist fachfremd, archäologisch ein Autodidakt. Der 58-Jährige ist studierter Statistiker, und überhaupt sprach zunächst nicht viel dafür, dass er 1998 die napoleonische Flotte im Mittelmeer vor Abukir finden würde.

Expeditionsfreude steckt Goddio im Blut

Gar nicht so sehr, weil es an der familiären Veranlagung gefehlt hätte. Francks Großvater, Eric de Bisschop, gilt als Erfinder des modernen Katamarans - eine Transferleistung auf Basis der Beobachtung von Ureinwohnern. Denn Bisschop hat die pazifische Inselwelt Polynesiens erforscht. Persönlich haben sich Großvater und Enkel nie kennengelernt, doch der Pazifikreisende hinterließ Bücher und Filme über seine Expeditionen. "Daher stammt wohl meine Liebe zur See und zu historischen Recherchen", sagte Goddio zum SPIEGEL.

Auf seine Berufswahl hatte das keinen Einfluss. Goddio studierte Statistik an der École Nationale de la Statistique et de l'Administration Économique, einer Elitehochschule. Er wurde Finanzberater und wohlhabend. Nach Engagements für die Vereinten Nationen in Asien und die Regierung Saudi-Arabiens folgte 1983 ein Angebot der Weltbank - der Wendepunkt in Goddios Karriere.

Er beendete seine Tätigkeit als Finanzberater, ohne mit der analytischen Methodik zu brechen. Seiner Marktforschung in Sachen Unterwasser-Archäologie folgte die Gründung eines privaten Europäischen Instituts für die noch junge Disziplin. Sponsoren wie die Commerzbank und der französische Ölkonzern Elf Aquitaine schmückten sich mit seinen spektakulären Funden. Seit 1996 unterstützt ihn die Liechtensteiner Stiftung des Werkzeugherstellers Hilti - und öffnete ihm auch eine Tür ins wissenschaftliche Establishment.

Ein Autodidakt sucht akademischen Anschluss

Goddio, der in Paris und Madrid lebt, sich aber nach eigenen Angaben höchstens zwei Monate jährlich dort aufhält, kooperiert seit 2003 mit dem Center for Maritime Archaeology der Oxford University. Die Stiftung steuerte zu dem Institut wenigstens 300.000 US-Dollar bei. Die "Franck Goddio Society" verantwortet alle populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen aus der gemeinsamen Arbeit wie Bücher, CDs, Filme, Ausstellungen, Präsentationen und Weiterbildungen.

Einer Konferenz in Oxford im Dezember 2004, als nachträglicher Startschuss für das Institut gedacht, blieben einige Geladene fern. Andere diskutierten heftig: Wird hier ein Kernstück des wissenschaftlichen Arbeitens an einen Fachfremden ausgelagert? Barry Cunliffe hingegen lobte Goddio für die "Qualität seiner Unterwasser-Feldarbeit".

Goddio selbst veröffentlicht weiterhin Bildbände statt Fachaufsätze, sucht aber - wenigstens rhetorisch - akademischen Anschluss. "Ich bin vielleicht kein Uni-Archäologe, aber ich habe mitgeholfen, das neue Fach Unterwasser-Archäologie zu etablieren. Ich bringe Systeme, neue Technologien, Wissenschaftler und die Finanzierung zusammen." Dass sein Name eine Marke geworden sei, könne er nicht verkehrt finden. "Ich bin wirklich nicht eitel", meint Goddio, "aber es dient einer Sache, die ich für wichtig halte."

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