SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Oktober 2005, 13:11 Uhr

Potenter Herrscher

Asiat hat 1,5 Millionen Nachfahren

Vor rund 500 Jahren lebte ein äußerst potenter Asiat. Gentests haben jetzt ergeben, dass er heute rund 1,5 Millionen Nachfahren haben dürfte. Möglicherweise handelt es sich bei dem Mann um einen chinesischen Adligen, dessen Enkel die Qing-Dynastie begründete.

Wenn es stimmt, was die Forscher vom Wellcome Trust Sanger Institute in britischen Hinxton vermuten, dann hat der chinesische Adlige Giocangga Mitte des 16. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet. Auf sagenhafte 1,5 Millionen Nachkommen in Nordchina und der Mongolei könnte er es bis heute gebracht haben, die alle seine Gene tragen, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "American Journal of Human Genetics". Chris Tyler-Smith und seine Kollegen hatten die Gene von 1000 Männern aus der Region untersucht und dabei erstaunliche Übereinstimmungen gefunden.

Trommlerin im Kostüm der Qing-Dynastie: Fruchtbarer Urahn
REUTERS

Trommlerin im Kostüm der Qing-Dynastie: Fruchtbarer Urahn

Bereits vor einiger Zeit fanden Wissenschaftler in einer ähnlichen Studie heraus, dass 16 Millionen heute lebende Menschen sich auf Dschingis Khan als Urahn berufen könnten. Die entdeckten genetischen Abstammungen sind jedoch nicht zu verwechseln mit jenen in einem Stammbaum, bei denen nicht in jedem Fall Gene vererbt werden. In beiden Studien hatten die Forscher das männliche Y-Chromosom unter die Lupe genommen, das sich im Vergleich zum X-Chromosom mit der Zeit nur wenig verändert.

Das Y-Chromosom ist ein Geschlechtschromosom, das nur bei Männern zu finden ist. Es ist deutlich kleiner als das X-Chromosom und kann lediglich auf fünf Prozent seiner Länge mit dem X-Chromosom kommunizieren. Aufgrund der mangelnden Kommunikationsfähigkeit verändert es sich über die Zeit nur gering, während X-Chromosomen eifrig genetische Informationen austauschen. Das Y-Chromosom wird also fast unverändert vom Vater zum Sohn weitergegeben und ist deshalb ideal, um Verwandtschaftsgrade zu bestimmen.

In der neuen Studie fand das Team von Tyler-Smith bei 3,3 Prozent der untersuchten Männer große Übereinstimmungen in den DNA-Sequenzen des Y-Chromosoms, was auf einen gemeinsamen Vorfahren vor rund 500 Jahren hinweist. Dabei könnte es sich um Giocangga handeln, dessen Enkel die Eroberung von China durch die Mandschu vorantrieb und 1644 die Qing-Dynastie gründete, vermuten die Wissenschaftler. Eine große Klasse von Adligen, abstammend von Giocangga, regierte das Land bis 1912 und genoss ein luxuriöses Leben mit Konkubinen und zahlreichen Ehefrauen.

Die Forscher gehen davon aus, dass es ihnen unter diesen Umständen gelungen sein sollte, ihr Erbgut weit zu verbreiten. "Diese Art von Reproduktionsvorteil ist beim Menschen möglicherweise wichtiger, als wir bislang dachten", sagte Tyler-Smith dem Online-Nachrichtendienst des Magazins "Nature".

Um die Vermutung zu erhärten, dass es sich bei dem gemeinsamen Urahn tatsächlich um Giocangga handelt, müssten die Wissenschaftler heute bekannte Nachfahren des Ahnen untersuchen. Die Adelsschicht zählte 1912 an die 80.000 Mitglieder, und viele Chinesen können sich auch heute noch auf ihre adligen Vorfahren berufen. Doch seit der Kulturrevolution in China verstecken die Menschen ihre adlige Abstammung. Selbst Männer, die sich auf eine direkte Abstammung von Giocangga berufen könnten, wollen den Angaben nach ihre DNA nicht testen lassen.

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung