Prioritäten Warum Aids gefährlicher ist als der Klimawandel

Der Statistiker Bjørn Lomborg hat die globalen Prioritäten mit einer nüchtern berechneten „Erledigungsliste für die Menschheit“ auf den Kopf gestellt. Aids-Bekämpfung ist demnach wichtiger als Klimaschutz. Jetzt bereitet der Däne eine verbesserte Version vor.

Von Tobias Hürter


Zurücklehnen. Besonnen Bilanz ziehen, unbeirrt von eingefahrenen Denkschemen und unreflektierten Gefühlen. Dann planen: Welche Handlungsmöglichkeiten stehen offen? Wo drängt es am stärksten, wo ist am meisten zu erreichen? Wer eine Krise - sei sie persönlich, familiär oder unternehmerisch - so angeht, erntet gemeinhin Anerkennung.Bjørn Lomborg hat es für die Menschheit versucht - und das ganze Spektrum an Reaktionen von Empörung bis zu emphatischer Zustimmung geerntet. "Die Menschheit muss lernen, rational ihre Prioritäten zu setzen", sagt Lomborg.

Bjørn Lomborg: Kosten-Nutzen-Rechnung statt freier Wettbewerb ums Mitleid
Manfred Klimek

Bjørn Lomborg: Kosten-Nutzen-Rechnung statt freier Wettbewerb ums Mitleid

Im Mai 2004 machte er den Anfang. Er versammelte eine achtköpfige Runde renommierter Ökonomen aus Europa, Asien und den USA, darunter drei Nobelpreisträger, zum "Kopenhagener Konsens" und gab ihnen eine Frage auf: "Wie könnten die Regierungen der Welt am besten den globalen Wohlstand fördern, insbesondere den Wohlstand in Entwicklungsländern, wenn ihnen zusätzliche 50 Milliarden Dollar zur Verfügung stünden?" Dazu sollten die Experten eine "Erledigungsliste für die Menschheit" (Lomborg) erstellen: Sie waren angehalten, die wichtigsten globalen Herausforderungen nach ihrer Dringlichkeit und ihrem Lösungspotential zu ordnen, und zwar mittels einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse.Das Ergebnis stellt die gängigen Vorstellungen vom Handlungsbedarf der Weltgemeinschaft auf den Kopf: Der Klimaschutz landet ganz unten auf der Liste, abgeschlagen hinter der Migrationsförderung für qualifizierte Arbeitskräfte, der Liberalisierung des Welthandels wie auch der Bekämpfung der Unterernährung von Kindern. Auf Platz eins: die Kontrolle der globalen Aids-Epidemie, in die das eminente Gremium gut die Hälfte der 50 Milliarden Dollar stecken würde.Kein Wunder, dass der Kopenhagener Konsens verbreitet auf Argwohn stieß, vor allem bei jenen, deren Anliegen auf den hinteren Plätzen rangiert. Als "puren Blödsinn" qualifizierte Tom Burke von der Umweltorganisation Friends of the Earth das Lomborg'sche Vorhaben. Dagegen lobte der "Economist" den "intellektuellen Unternehmergeist" Lomborgs - und damit auch seinen eigenen, denn das englische Wochenblatt hatte den Konsens gesponsert. Lomborg selbst gibt sich unvermindert unternehmungslustig: Der Kopenhagener Konsens 2008 ist bereits in Vorbereitung, kündigt er an, "die verbesserte Fortsetzung" der Veranstaltung von 2004.Bjørn Lomborg in der Rolle des globalen Konsensstifters, das war von Anfang an eine gewagte Besetzung. Vor fünf Jahren bereits hatte er Umweltaktivisten weltweit mit seinem Bestseller "The Skeptical Environmentalist" gegen sich aufgebracht.Die Lage der Menschheit habe sich "in fast jeder Hinsicht verbessert und wird sich in Zukunft wahrscheinlich weiter verbessern", diese These war ein Affront gegen den von jeher in den Köpfen verwurzelten Niedergangsglauben und damit gegen die Geschäftsgrundlage der Umweltorganisationen.Parvenu auf dem UmweltparkettLomborg bekam Resonanz jeden erdenklichen Niveaus, von der Torte ins Gesicht bis zur bedächtigen Replik von Jeffrey Sachs, dem Vordenker des UN-Millenniumsprojekts, im Wissenschaftsjournal "Nature". Dänische Ökologen erwirkten ein Verfahren gegen Lomborg wegen "wissenschaftlicher Unredlichkeit" bei der nationalen Forschungsbehörde. Das populärwissenschaftliche Magazin "Scientific American", sonst eher für ausgewogene Töne bekannt, räumte vier US-Umweltforschern mehrere Seiten für eine einhellig zornige Rezension ein, ohne Lomborg die Chance zur Erwiderung zu geben. Darunter Stephen Schneider, Berichterstatter für den UN-Klimaausschuss IPCC, der Lomborg vorwarf, IPCC-Daten einseitig ausgelegt zu haben - und überhaupt: "Wer ist dieser Lomborg? Warum habe ich ihn nie auf Fachkonferenzen getroffen?" Berechtigte Frage. In der Tat ist Lomborg ein Parvenu auf dem Umweltparkett. Er hat Politologie studiert und bekleidet die eher bescheidene Stellung eines außerordentlichen Professors an der Kopenhagener Handelsschule. Seine einzige begutachtete wissenschaftliche Veröffentlichung ist ein Papier über Spieltheorie von 1996. Er sei "kein Experte in Umweltfragen", räumt er im "Skeptical Environmentalist" ein. Erst ein Jahr nach Erscheinen des Buchs berief ihn die dänische Regierung zum Direktor des neugegründeten Instituts für Umweltbewertung, er verließ diesen Posten jedoch 2004, bald nach der Kopenhagener Tagung.Lomborg ist Anfang 40, wirkt zehn Jahre jünger und lebt in einer geräumigen Altbauwohnung inmitten einer der schönsten Städte Europas. Die Verwerfungen durch Globalisierung und Klimawandel kennt er nur vom Papier und von Urlaubsreisen.

Lomborgs Liste

Problem Chance Bewertung Rang
Ansteckende Krankheiten Kontrolle von Aids/HIV Sehr gut 1.
Unterernährung und Hunger Versorgung mit Nahrungsergänzungen Sehr gut 2.
Subventionen und Handel Handelsliberalisierung Sehr gut 3.
Ansteckende Krankheiten Kontrolle von Malaria Sehr gut 4.
Unterernährung und Hunger Entwicklung neuer Agrartechnologien Gut 5.
Sanitäre Einrichtungen u. Wasser Organisierte Wasserversorgung u. Abwasserentsorgung Gut 6.
Sanitäre Einrichtungen u. Wasser Einfache Wassertechnologie für Haushalte Gut 7.
Sanitäre Einrichtungen u. Wasser Bessere Wassernutzung in der Nahrungserzeugung Gut 8.
Regierung und Korruption Senkung der Kosten für Unternehmensgründungen Gut 9.
Migration Senkung der Migrationsbarrieren für Facharbeiter Ausreichend 10.
Unterernährung und Hunger Verbesserung der Ernährung von Säuglingen und Kindern Ausreichend 11.
Ansteckende Krankheiten Ausbau der medizinischen Grundversorgung Ausreichend 12.
Unterernährung und Hunger Reduzierung der Häufigkeit niedrigen Geburtsgewichts Ausreichend 13.
Migration Gastarbeiter-Programme für Ungelernte Schlecht 14.
Klimawandel Optimale Kohlendioxidsteuer Schlecht 15.
Klimawandel Das Kyoto-Protokoll Schlecht 16.
Klimawandel Value-at-Risk-Steuer auf Kohlendioxid Schlecht 17.
Wenn er darüber spricht, "Gutes zu tun", meint er damit die Steigerung statistischer Größen wie durchschnittliche Lebenserwartung, Nährstoffzufuhr oder verfügbares Einkommen pro Haushalt. Kurzum, ihm fehlen die natürlichen Verbündeten in der Umweltdebatte. Was die nächste Frage aufwirft: Wie kam Lomborg überhaupt auf dieses Gebiet?Die Genese des Buchs schildert er als Bekehrung: "Ich wollte ursprünglich die These des Umweltökonomen Julian Simon widerlegen, dass es mit der Umwelt bergauf gehe", erzählt er, damals selbst gläubiges Greenpeace-Mitglied. Also habe er sich mit seiner statistischen Kompetenz daran gemacht, die wahre Befindlichkeit der Welt aus den verfügbaren Daten zu lesen - "zu meinem Erstaunen erkannte ich, dass Simon recht hatte".Nach dem "Skeptischen Umweltschützer" war der Kopenhagener Konsens ein folgerichtiger Schritt: zuerst die Bestandsaufnahme, dann der Plan. Der Grundgedanke spukte Lomborg schon seit 2000 im Kopf herum, aber erst Ende 2002 machte er sich mit einer Arbeitsgruppe seines jungen Instituts ernstlich an die Verwirklichung: "Viele Leute sagten mir: Gute Idee, aber sie wird nie und nimmer funktionieren", erinnert er sich.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.