Christian Stöcker

Virale Nord-Stream-Thesen Die Copy-Paste-Propaganda

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die prorussische Propagandamaschine läuft nach den Pipelineexplosionen wieder auf Hochtouren. Seltsame Tweets, zehntausendfach geteilte Videos, Stimmen aus AfD und Die Linke, »Fox News« und Putins Kreml im Gleichklang.
Bundeskanzler Olaf Scholz in Washington bei US-Präsident Joe Biden am 7. Februar 2022: Schnipsel auf Basis eines knapp halbstündigen Videos

Bundeskanzler Olaf Scholz in Washington bei US-Präsident Joe Biden am 7. Februar 2022: Schnipsel auf Basis eines knapp halbstündigen Videos

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The Washington Post / The Washington Post via Getty Images

Als am Montag bekannt wurde, dass in der Nacht ein Leck in der Gaspipeline Nord Stream 1 entstanden war, waren sich einige gleich sicher: Das war Sabotage. Manche wussten sogar: Das können nur die USA gewesen sein.

Seit Beginn dieser Woche hat sich, passend zu den beispiellosen Pipeline-Attacken, eine beispiellose Propagandakampagne abgespielt, primär in den sozialen Medien. Global, vielsprachig, ohne Atempause.

In dieser Kolumne ging es vor zwei Wochen schon einmal um die Methodik russischer Desinformationskampagnen. Ich selbst bin in mehrere Forschungsprojekte zu diesem Themenkomplex involviert.

In der Fallstudie zur »Biolabs«-Verschwörungserzählung, die ich damals skizzierte, kamen als Akteure unter anderem vor:

  • Deutsche Verschwörungstheorie-Unternehmerinnen und -Unternehmer wie die ehemalige Nachrichtensprecherin Eva Herman

  • obskure prorussische Telegram-Kanäle

  • in Russland ansässige deutsche Kremlpropagandisten

  • offizielle Verlautbarungen des Kremls

  • die US-Desinformationsplattform »Infowars«

  • »Fox News«-Moderator Tucker Carlson

  • ein Abgeordneter der AfD

Betrachten Sie diese Aufzählung bitte als Checkliste für künftige Desinformationswellen – auch für die aktuelle.

Dumm angestellt?

Nach aktuellem Stand wurden beide Nord-Stream-Pipelines sabotiert, ist eine Nord-Stream-2-Röhre aber noch intakt . Russland könnte also durchaus noch Gas liefern. Aber eben nur noch durch die als Sanktion von vorneherein nicht geöffnete Pipeline Nord Stream 2. Hätten die USA die Pipelines gesprengt, wie es viele russlandfreundliche Rauner – und mittlerweile wie erwartet auch der russische Geheimdienst  – verbreiten, dann hätten sie sich dabei also sehr dumm angestellt.

Das erste Leck in Nord Stream 2 war offenbar in der Nacht vom 25. auf den 26. September entstanden. Sehr schnell witterten einige Sabotage. Zum Beispiel Andreas Haas, AfD-Politiker im mittelfränkischen Fürth. Am frühen Montagabend twitterte Haas zunächst, es käme wohl nur ein »staatlicher Akteur in Frage«.

26 Minuten später schob er dann einen Videoschnipsel nach, der diese These untermauern sollte – mit den USA als dem »staatlichen Akteur«. Den Schnipsel hat Haas – ich habe deshalb länger mit ihm telefoniert – eigenen Angaben zufolge selbst zugeschnitten, auf Basis eines knapp halbstündigen Videos von einer Pressekonferenz , die Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz am 7. Februar 2022 gegeben haben. Die beiden drohten Russland darin mit Sanktionen, falls russische Panzer die Grenze zur Ukraine überqueren sollten.

Selbst etwas überrascht vom viralen Erfolg

Biden sagte, es werde »dann kein Nord Stream 2 mehr geben« und erklärte auf die Nachfrage, wie er das denn anstellen wolle, »ich verspreche, dass wir dazu in der Lage sein werden«. Scholz ergänzte, man sei sich mit den Partnern völlig einig. Am Ende wurde Nord Stream 2 schon zwei Tage vor dem eigentlichen Einmarsch auf Eis gelegt , nachdem Russland die »Teilrepubliken« Luhansk und Donezk für unabhängig erklärt hatte. Und zwar ganz ohne Sprengsätze. Es war also genau das passiert, was Biden und Scholz angekündigt hatten.

Trotz dieser Tatsache entwickelte der Schnipsel sich schnell zu einer viralen Sensation, als vermeintliche Evidenz, dass die USA die Pipelines gesprengt haben müssten. Tausende Retweets und Zitate, Tausende Klicks auf den Like-Button. Dabei hat Haas nur gut 400 Follower bei Twitter. Vom viralen Erfolg scheint er selbst etwas überrascht.

Zehntausendmal zitiert

Weitergereicht wurde der Tweet von vielen englischsprachigen, aber auch von italienischen, niederländischen, spanischen, nigerianischen und sogar arabischsprachigen Accounts.

Gemeinsam mit einem Projektkollegen  vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg habe ich diesen Donnerstag, mit ein paar technischen Hilfsmitteln, ein wenig Twitter durchstöbert, um zu sehen, wie sich die »die USA waren’s!«-These dort verbreitete. Die Resultate sind erstaunlich.

Ein zweiter Videoschnipsel, der die gleiche Szene zeigt, war noch weit erfolgreicher als der aus Fürth. Der US-Nachrichtensender ABC News hatte ihn schon am 7. Februar auf Twitter veröffentlicht. Jetzt, nach den Explosionen, wurde er weit über zehntausendmal retweetet, zehntausendmal zitiert. Das ergibt ein Millionenpublikum.

Die Verschwörungs-Freelancerin aus Australien

Eine in Australien ansässige prorussische Propagandistin namens Maram Susli, auf Twitter unterwegs unter dem Accountnamen »Syrian Girl«, gab den Startschuss. Sie kopierte am Dienstag, dem 27. September den ABC-Tweet und änderte den Text etwas ab. Nun steht da, übersetzt: »BIDEN gibt zu, dass die USA hinter der Sabotage von Nord Stream 1 und 2 stecken.« (dabei wurde Nord Stream 1 dort gar nicht erwähnt). Danach folgt der Originaltext von ABC News und das Video.

»Syrian Girl« ist eine Art Desinformations-Influencerin mit Präsenzen auch auf YouTube, Telegram und anderswo. Sie verbreitet seit Jahren antisemitische Thesen, Kulturkampf-Content und jede Menge Verschwörungsnarrative, zuletzt vor allem zum Thema Corona. »Syrian Girl« ist aber auch sehr besorgt um das russische Volk und leidet an den Ungerechtigkeiten, die dem unterdrückten Regime von Wladimir Putin dauernd angetan werden. Und sie hasst die USA. Ihr erster Tweet im Jahr 2011 feierte den Tod von fünf US-Soldaten im Irak mit dem Kommentar, dort seien »fünf Schweine« gestorben.

Susli alias »Syrian Girl« ist mittlerweile eine Art gefragte Freelancerin des internationalen Verschwörungsbusiness: Sie war schon auf »Infowars« unterwegs und wurde von »Russia Today« und dem iranischen Sender »Press TV« ins Programm gehoben .

Von Fans des Mullah-Regimes bis Fans von Fidel Castro

Nach Suslis Tweet mit dem vermeintlich so inkriminierenden Biden-Schnipsel passierte etwas Interessantes: Es hagelte nicht nur Retweets und Likes, sondern ihr Originaltweet wurde zur Vorlage. Accounts aus aller Welt gaben ihn wortgleich und mit der gleichen auffälligen Typografie weiter, als sei er ihr eigenes Werk. Copy-Paste-Propaganda.

Der englische »BIDEN gibt zu…«-Tweet mit Video erschien auf einer Vielfalt von Twitteraccounts. Auch bei solchen, die sonst auf Spanisch oder Italienisch twittern, auf Accounts mit dem Themenschwerpunkt Indien oder Südafrika, und bei einem Fan-Account für das Mullah-Regime in Iran. Manche haben Fidel Castro als Profilbild, manche ein Kampfflugzeug, manche eine Filmfigur – und manche Porträts, die die typischen Merkmale aufweisen, die auf ein von einem Machine-Learning-System generiertes Fake-Bild  hindeuten.

Tucker Carlson im russischen Fernsehen, wieder einmal

Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten: All diese Accounts interessieren sich für diverse Verschwörungszerzählungen, teilen Feindbilder wie den Multimilliardär George Soros (den auch Wladimir Putin seit Langem hasst) und das Weltwirtschaftsforum (das in gewissen Kreisen zu einer Art Chiffre für die aktuelle Variante der Geschichte von der jüdischen Weltverschwörung geworden ist). Sie halten Corona für eine Fiktion, feiern die neofaschistische italienische Wahlsiegerin Meloni, manche leugnen den Klimawandel, und alle finden Putin toll. Globaler Gleichklang.

Während im sozialen Netz diese seltsam konzertierte Woge der Begeisterung für die Theorie heranrollte, dass die USA die Pipelines sabotiert hätten, taten reichweitenstärkere Mitspieler es den seltsamen Twitteraccounts nach. Tucker Carlson – ja, wieder der – widmete den Pipelines zur Primetime bei »Fox News« ein mehr als achtminütiges Segment, den Clip von der Biden-Scholz-Pressekonferenz inklusive.

Das gefiel Russlands Propagandisten wiederum so gut, dass es prompt in Auszügen im russischen Propagandafernsehen wiederholt wurde . Das passiert mit Carlson-Content nicht zum ersten Mal.

Alle im Gleichklang

Am Mittwoch sagte Russlands Regierungssprecher Dimitrij Peskow dann persönlich, US-Präsident Biden habe doch schon im Februar erklärt, dass »es kein Nord Stream 2 mehr geben« werde, wenn Russland in der Ukraine einmarschiere. Der Kreml, komische Social-Media-Accounts, Verschwörungsszene, »Fox News«: alle im Gleichklang, wieder einmal.

Und auch die übrigen Protagonisten der Kolumne von vor zwei Wochen machten, das sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt, wieder mit: Eva Herman etwa, »Infowars« und der »Anti-Spiegel« aus Sankt Petersburg.

Man muss sich dabei den zeitlichen Ablauf vor Augen halten: Noch bevor das Leck in der zweiten Pipeline überhaupt bekannt geworden war, noch bevor die ersten offiziellen Vermutungen auf einen Sabotageakt geäußert wurden, noch vor den ersten seismologischen Auswertungen, war die These, dass das doch nur die USA gewesen sein könnten, unterfüttert mit dem Biden-Videoschnipsel, schon in der Welt.

Alle im Konzert

Die Kombination aus dieser scheinbar einfachen Erklärung und dieser scheinbaren Evidenz verbreitete sich rasant rund um den Globus. Gestützt von vielen Accounts, die bei Bedarf dann plötzlich vorübergehend konzertiert agieren.

Und wieder spielten am Ende internationale Reichweitengaranten wie Tucker Carlson und lokale politische Akteure – in diesem Fall auch wieder diverse Leute aus der AfD und der Linken, die schon am Dienstag erklärten, das sei definitiv nicht Russland gewesen – brav ihre Rollen.

Die internationale prorussische Propagandamaschinerie läuft wie geschmiert, unterhalten und gefüttert von motivierten Freiwilligen wie Andreas Haas, international agierenden, mutmaßlich zentral gesteuerten Fake-Accounts, Verschwörungscontent-Unternehmern und entsprechend eingestellten Leuten aus gewissen Medien und den Randbereichen des politischen Spektrums.

Was am Ende viral funktioniert, entscheidet sich oft erst im Prozess, und es kann durchaus auch von einem motivierten Amateur kommen. Solange der Content zur Message passt, ist alles eins.

Hauptsache, es knallt, Russland ist unschuldig, und der Westen war's.

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