Prostata-Krebsvorsorge Unzuverlässig, risikoreich und oft überflüssig

Der Test ist unzuverlässig, eine Operation kann zu Impotenz führen: Kaum eine Vorsorgeuntersuchung ist so umstritten wie die auf Prostatakrebs. Tumore wachsen meist so langsam, dass sie bei älteren Patienten gar nicht mehr zu Beschwerden führen. Zwei aktuelle Studien sorgen für neue Diskussionen.

Die Hoffnungen waren groß: Seit Jahren warteten Ärzte auf die Resultate zweier Untersuchungen, um den Dauerstreit darüber zu beenden, ob der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll ist. Die beiden Langzeitstudien - eine in den USA, die andere in Europa - sollten dazu erstmals solide Daten liefern. Von den Ergebnissen fühlen sich Befürworter wie Kritiker des Verfahrens gleichermaßen bestätigt. "Auf die Resultate haben wir jahrelang gewartet", sagt Jürgen Windeler vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. "Sie haben Substanz in die Diskussion gebracht, aber das Problem nicht gelöst."

Ein Bluttest, der die Konzentration des in der Vorsteherdrüse gebildeten Prostata-spezifischen Antigens (PSA) misst, kann zeitig auf den Tumor hindeuten. In Deutschland nehmen viele Männer die Vorsorge in Anspruch und zahlen den 25 bis 40 Euro teuren Test aus eigener Tasche.

Das Verfahren kann zwar ein Karzinom im Frühstadium aufspüren, aber sehr zuverlässig ist es nicht. Ein erhöhter PSA-Wert liefert lediglich einen Verdacht. Werden bei einer Biopsie - die zudem eine unangenehme und schmerzhafte Prozedur ist - tatsächlich bösartige Zellen entdeckt, wird der Tumor meist entweder bestrahlt oder operativ entfernt. Beide Optionen bergen Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz - die psychischen Folgen sind enorm. Und das Entscheidende: Viele Tumore wachsen so langsam, dass sie den Patienten zu seinen Lebzeiten gar nicht mehr beeinträchtigen. Mit anderen Worten: Möglicherweise wird einem Patienten ein Tumor entfernt, der ihn niemals beeinträchtigt hätte - und im schlimmsten Falle wird er dabei noch impotent.

Zwei Studien, zwei Ergebnisse

Zum Nutzen der PSA-Früherkennung liefern zwei Studien im "New England Journal of Medicine" nun konkrete Zahlen, kommen aber aber zu unterschiedlichen Ergebnissen und lassen sich verschieden interpretieren.

In der europäischen Studie  wurden 182.000 Männer zwischen 50 und 74 Jahren untersucht. Zufällig wurden die Männer einer von zwei Gruppen zugeteilt. Männer der einen Gruppe erhielten alle vier Jahre ein PSA-Screening, die Männer der Kontrollgruppe erhielten keines. Die Daten decken einen Zeitraum von neun Jahren ab.

Das Ergebnis: 82 Prozent der Männer in der Screening-Gruppe nahmen mindestens einmal an einem Screening teil. In dieser Gruppe wurde bei 8,2 Prozent der Männer ein Prostatakrebs diagnostiziert, in der Kontrollgruppe bei 4,8 Prozent. Die Autoren der Studie resümieren: "PSA-Screening reduziert die Todesrate durch Prostatakrebs um 20 Prozent - aber war begleitet von einem hohen Risiko der Überdiagnose."

Prostatakrebs

Die zweite Studie, die im "New England Journal Of Medicine" vorgestellt wird, wurde in den USA an etwa 76.000 Männern durchgeführt . Bei gleichem Studiendesign liefert sie ein anderes Ergebnis: "Nach 7 bis 10 Jahren unterschied sich die Todesrate durch Prostatakrebs zwischen beiden Gruppen nur minimal und war nicht signifikant", schreiben die Autoren.

"Kleiner Nutzen und erhebliche Nachteile"

Kritiker wie Befürworter sehen sich bestätigt: "Die [europäische] Studie zeigt eindeutig, dass das PSA-Screening Leben rettet", folgert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Manfred Wirth. Er erwartet, dass der Nutzen des Tests sich im weiteren Verlauf der Studie noch deutlicher zeigt. Dagegen warnen Kritiker vor der Gefahr der Überdiagnose und -therapie.

Denn bei älteren Männern sind bösartige Zellen in der Prostata weit verbreitet: Bei mehr als der Hälfte der über 60-Jährigen und bis zu 80 Prozent der über 80-Jährigen enthält die Vorsteherdrüse Krebszellen. Aber weil das Prostata-Karzinom gewöhnlich extrem langsam wächst, verursacht bei weitem nicht jeder Tumor zu Lebzeiten Beschwerden. "Der Test findet Karzinome, die klinisch nicht in Erscheinung treten würden", sagt Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Auch dies zeigt die europäische Studie: Statistisch gesehen musste bei einem Test mit 1410 Männern von insgesamt 48 Tumoren nur ein lebensbedrohlicher behandelt werden. Die übrigen 47 Karzinome führten - zumindest in den ersten neun Jahren - nicht zum Tod und verursachten zum Teil nicht einmal Beschwerden. "Die PSA-Früherkennung bietet allenfalls einen kleinen Nutzen, der durch erhebliche Nachteile erkauft wird", bemängelt Becker. "Es ist nicht Sinn der Früherkennung, gesunde Menschen zu Kranken zu machen." Der Epidemiologe betont, Ärzte würden den Sachverhalt verzerrt wahrnehmen. Wenn ein Urologe bei einem Mann einen erhöhten PSA-Wert messe, einen Tumor finde und entferne, erlebe der Mediziner dies als Erfolg. "Aber das ist auch kein Wunder, wenn man gesunde Menschen behandelt", sagt Becker. Und der Mediziner Michael Barry von der Universität Harvard betont: "Die Schlüsselfrage ist nicht, ob der PSA-Test effektiv ist, sondern ob er mehr nützt als schadet."

Krebsgesellschaft plädiert für abgestuftes Vorgehen

Peter Albers von der Deutschen Krebsgesellschaft plädiert für ein abgestuftes Vorgehen. "Der PSA-Test ist der beste Marker, den wir beim Prostatakarzinom haben", sagt der Düsseldorfer Urologe. "Wir müssen jene Risikogruppen finden, bei denen eine regelmäßige PSA-Bestimmung rechtzeitig aggressive Tumore entdeckt." Er rät generell, den Wert im Alter von 40 Jahren einmalig bestimmen zu lassen. Danach sollten sich jene Männer häufiger testen lassen, die entweder wegen einer hohen Konzentration des Markers oder wegen familiärer Vorbelastung besonders gefährdet seien.

Eine eindeutige Aussage lieferten beide Studien zumindest für alte Männer: Demnach ist eine Früherkennung für die meisten Senioren ab 70 Jahren nicht sinnvoll. Ist ein Karzinom bis dahin klinisch nicht in Erscheinung getreten, so ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein Mensch daran stirbt.

Walter Willems, AP
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