Proteste in Frankreich 200 Laborchefs schmeißen ihre Jobs

Der Streit zwischen Regierung und Wissenschaftlern in Frankreich gipfelt in einer beispiellosen Protestaktion: Aus Verärgerung über finanzielle Einschnitte haben 200 Leiter öffentlicher Forschungsinstitute ihren Rücktritt eingereicht.


Demonstrierende Forscher vor dem Pariser Rathaus: Spektakuläre Rücktrittswelle
AFP

Demonstrierende Forscher vor dem Pariser Rathaus: Spektakuläre Rücktrittswelle

Die Organisation "Rettet die Forschung" berichtete, 200 Leiter von öffentlichen Forschungseinrichtungen und Laboratorien wollten demissionieren. Anderen Berichten zufolge drohten sogar 800 bis 900 der 3500 Leiter staatlicher Forschungslabors mit ihrem Rücktritt. Die Aktion soll die konservative Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin zwei Wochen vor den Regionalwahlen zu milliardenschweren Zugeständnissen zwingen. Außerdem soll der Staat die Streichung von 550 festen Stellen zurücknehmen.

Etwa zwei Drittel der gut 100.000 Mitarbeiter in den staatlichen Forschungseinrichtungen unterzeichneten in den letzten Wochen eine Petition. Darin heißt es, die Kürzungen und das Einfrieren von Mitteln hätten große und prestigeträchtige Institute wie CNRS, INRA oder INSERM an den Rand der Pleite geführt. Zudem streiche die Regierung Stellen für junge Forscher, was zu einem Exodus ins Ausland führe.

Regierungschef Raffarin: Schlichtungsversuch gescheitert
AFP

Regierungschef Raffarin: Schlichtungsversuch gescheitert

Der Neurobiologe Herve Chneiweiss sagte der Zeitung "Liberation", allein zwischen September 2002 und Oktober 2003 seien die Mittel um 468 Millionen Euro gekürzt worden. 550 Stellen für junge Forscher wurden in befristete Arbeitsplätze umgewandelt.

Der rechtsliberale Regierungschef Jean-Pierre Raffarin hatte vergeblich versucht, den Konflikt mit der Zusage von zusätzlich drei Milliarden Euro bis 2007 zu schlichten. Bis 2010 sollen drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Forschung fließen. Die Ausgaben der Laboratorien seien heute um ein Drittel höher als zu Zeiten der sozialistischen Vorgängerregierung, sagte Raffarin gegenüber "Liberation". Die Regierung habe signifikante Zugeständnisse gemacht. So wurden Ende Februar knapp 300 Millionen Euro gesperrte Mittel freigegeben.

Forschungsministerin Claudie Haigneré schlug vor, die Förderung der Wissenschaft umfassend zu reformieren und nach dem Vorbild der amerikanischen National Science Foundation umzugestalten. Die geplante Nationale Forschungsagentur solle nach unabhängiger Prüfung der Projekte die Mittel vergeben.

Forschungsministerin Haigneré: Reform der Förderung geplant
AFP

Forschungsministerin Haigneré: Reform der Förderung geplant

Die Zeitung "Le Figaro" schrieb unterdessen, im Premierministerium habe man "kalt analysiert", dass ein Rücktritt von Laborleitern "eine gute Gelegenheit bietet, diejenigen los zu werden, die immer blockieren". Die Regierung verwies darauf, dass ein Rücktritt einen Laborleiter nichts koste, weil er für seine Verwaltungsfunktion in der Regel kein zusätzliches Gehalt bekomme.

Zuletzt hatte Staatssekretär Patrick Devedjian mit einer polemischen Bemerkung den Streit angeheizt: "Bei uns unterzeichnen die Intellektuellen Petitionen, in den USA gewinnen sie Nobelpreise." Über den Streit mit den Forschern hinaus haben tausende Künstler, Philosophen und Wissenschaftler der Regierung Raffarin vorgeworfen, einen "Krieg gegen die Intelligenz" zu führen.



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