L'Aquila-Katastrophe von 2009 Gericht verurteilt Erdbebenforscher zu langen Haftstrafen

Überraschendes Urteil in Italien: Ein Gericht hat sieben Wissenschaftler zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Erdbebenrisiko in der Abruzzenstadt L'Aquila verharmlost haben sollen.
L'Aquila-Katastrophe von 2009: Gericht verurteilt Erdbebenforscher zu langen Haftstrafen

L'Aquila-Katastrophe von 2009: Gericht verurteilt Erdbebenforscher zu langen Haftstrafen

Foto: Marco Di Lauro/ Getty Images

L'Aquila/Hamburg - Im Strafprozess gegen sieben Experten nach dem verheerenden Erdbeben in L'Aquila hat ein italienisches Gericht langjährige Haftstrafen verhängt. Richter Marco Billi verurteilte die sechs Wissenschaftler und einen Behördenvertreter am Montag zu Gefängnisstrafen von jeweils sechs Jahren. Den Experten wird vorgeworfen, die Risiken des Bebens verharmlost zu haben, bei dem im April 2009 mehr als 300 Menschen umkamen. Das erstaunliche Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Urteil in erster Instanz fällte das Gericht von L'Aquila am Montag nach einem mehr als ein Jahr andauernden Verfahren. Es ging damit noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die jeweils vier Jahre Haft verlangt hatte. Die sieben Experten waren wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt.

Die Verurteilten waren Teilnehmer der sogenannten Risikokommission. In den Wochen vor dem Beben hatte es viele leichte Erschütterungen gegeben, weshalb die Kommission sechs Tage vor dem Beben getagt hatte. Die Mitglieder erklärten nach dem Treffen, es bestehe kein erhöhtes Beben-Risiko. Die Experten handelten damit im Einklang aller wissenschaftlichen Erkenntnisse - Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Regelmäßiges Bodenzittern sei in der Region normal, hatten die Forscher erklärt - auch das ist eine unbestreitbare Tatsache. Auf Gefahrenkarten hatten Wissenschaftler die Region als stark erdbebengefährdet eingestuft - L'Aquila leuchtet auf den Karten krebsrot .

Gleichwohl hatte die Staatsanwaltschaft Anfang Oktober ein scharfes Plädoyer gegen die Forscher gehalten. Die Analyse der angeklagten Experten kurz vor dem Beben sei "unzureichend und untauglich" gewesen. Der Anwalt der angeklagten Wissenschaftler, Marcello Melandri, widersprach der Anklage heftig: Die Risikokommission habe die Erdbebengefahr keineswegs heruntergespielt, sondern sich wissenschaftlich korrekt geäußert.

Wut über den Tod der Schwester

Die Staatsanwaltschaft aber beharrt auf der Einschätzung, die Wissenschaftler hätten die Gefahr verharmlost: Staatsanwalt Fabio Picuti verwies in seinem Plädoyer unter anderem auf den Forscher Enzo Boschi. Der ehemalige Direktor des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) soll vor dem Erdbeben gesagt haben, dass er die Gefahr eines Erdbebens "beiseiteschieben" würde. Die Analyse der Experten sei auf kriminelle Weise fehlerhaft sowie "nutzlos" und "widersprüchlich" gewesen, sagte Picuti weiter.

"Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen", sagte die Anwältin Wania dell Vigna, die elf Erdbebenopfer vertrat. Aldo Scimia, dessen Mutter bei dem Beben starb, sagte, die Angeklagten hätten bei ihrer Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten, versagt. Eine Frau sagte, ihre Schwester sei durch die Experten beruhigt worden und habe daher in der Nacht des Bebens zu Hause geschlafen.

Laut Picuti hätten sich die Einwohner in und um L'Aquila bei einer deutlicheren Warnung besser vor dem Beben schützen können. "Wegen dieses Satzes sind Menschen gestorben", sagte er. Die sechs Forscher und ein Beamter des Katastrophenschutzes hatten demnach lediglich auf die üblichen Sicherheitsvorkehrungen insbesondere beim Hausbau hingewiesen.

Weiteres irritierendes Urteil

Mehr als 5000 Wissenschaftler hatten zum Prozessauftakt vor einem Jahr in einem offenen Brief an Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano  beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei. Bei einer Verurteilung werde kein Wissenschaftler sich mehr zum Phänomen Erdbeben äußern, erklärte die Verteidigung in dem Prozess.

Erst vor einigen Tagen hat ein weiteres irritierendes Urteil aus Italien für Aufsehen gesorgt - und es kam sogar vom höchsten Gericht des Landes, dem Obersten Kassationsgericht. Dieses urteilte am vergangenen Donnerstag, dass ein gutartiger Gehirntumor bei einem italienischen Geschäftsmann durch die tägliche stundenlange Verwendung seines Handys verursacht wurde.

Damit hätten die Richter auch in diesem Fall geschafft, woran sich Forscher seit vielen Jahren die Zähne ausbeißen: einen kausalen Zusammenhang zwischen Handy-Benutzung und Gehirntumoren herzustellen, was bisher trotz Tausender Studien nicht gelungen ist.

boj/mbe/AFP/dpa
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