Pseudo-Durchbruch Experten halten Irans Atom-Drohung für Lügenpropaganda

Von wegen Durchbruch: Atomexperten zweifeln an Zahl und Leistungsfähigkeit der iranischen Uran-Zentrifugen. Ahmadinedschads Ankündigung, Brennstoff im "industriellen Maßstab" anreichern zu können, hat die Welt in Aufruhr versetzt - doch für Fachleute ist das nur Propaganda.

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Bruno Pellaud wählte einen simplen Vergleich. Dass Iran behaupte, Kernbrennstoff im "industriellen Maßstab" herstellen zu können, sei etwa so, "als würde die Schweiz ankündigen, sie lanciere eine neue Automarke, nachdem sie die erste Schraube oder das erste Rad produziert hat". Pellaud, ehemals Vizepräsident der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), fasste sein Fazit über die Sätze von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad in zwei Worte: Sie seien eine "große Lüge".

Satellitenbild der iranischen Nuklearanlage in Natans: Teheran will Atomprogramm erweitern
AP/ Space Imaging/ Inta SpaceTurk

Satellitenbild der iranischen Nuklearanlage in Natans: Teheran will Atomprogramm erweitern

Unklar blieb in Ahmadinedschads Ankündigung zum Beispiel, welche Mengen die angebliche Kernbrennstoffproduktion "im industriellen Maßstab" pro Jahr herstellen kann. Entsprechend skeptisch sind Fachleute bei der Antwort auf die Frage, ob Iran wirklich einen großen Schritt in Richtung der zivilen oder militärischen Nutzung der Atomenergie getan hat.

Der Berliner Waffenexperte Otfried Nassauer hält es "technisch für nicht möglich", dass Iran wie jetzt behauptet 3000 Zentrifugen installiert hat und 1000 durchgehend betreibt. Das folgert er aus den letzten Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). "Was Iran tut, würde ich eher als angewandte Forschung bezeichnen", sagt Nassauer zu SPIEGEL ONLINE.

Auch das russische Außenministerium sieht keinen Beweis für einen technischen Durchbruch bei Irans Uran-Anreicherung: Es teilte mit, es habe "keine Erkenntnisse" über einen technischen Fortschritt, der das Atomprogramm der Islamischen Republik bedeutend verändere.

Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Zentrifugen

Laut Ali Laridschani, Irans Chefunterhändler in den Atomverhandlungen, hat Iran mit der Uran-Anreicherung in 3000 Zentrifugen begonnen. Bis dahin war nur der Betrieb von 328 Zentrifugen bekannt. Insgesamt plant das Land die Nutzung von 54.000 solchen Geräten. Ex-IAEA-Vizepräsident Pellaud aber ist skeptisch, ob Iran überhaupt die jetzt genannten 3000 Zentrifugen besitzt. Bisher habe noch kein Journalist die Erlaubnis bekommen, die von Iran benutzten Maschinen zu zählen, sagte Pellaud auf Radio Suisse Romande.

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Er hält Ahmadinedschads Atom-Rede für einen Propaganada-Trick - und steht mit dieser Meinung nicht allein. Ähnliches vermuten auch Nassauer und der US-Atomwaffenexperte Jeffrey Lewis. 3000 Zentrifugen reichten theoretisch aus, in acht bis zehn Monaten genug spaltbares Material für eine einfache Atombombe zu produzieren, schreibt Lewis in seinem Weblog "ArmsControlWonk". Vorausgesetzt, die komplexen Geräte arbeiten rund um die Uhr. Das aber ist zweifelhaft.

Berechnungen des Institute for Science and International Security (Isis) haben Mitte März ergeben, dass Irans Zentrifugen im Durchschnitt nur fünf Stunden am Tag laufen. Das ergebe sich aus Irans Verbrauch an Natur-Uran, der aus Zahlen der IAEA hervorgehe.

Steckt hinter dem angeblichen Durchbruch Pakistans Technik?

Die Schlussfolgerung der Experten: Entweder arbeiten Irans Anlagen nicht zuverlässig, oder das in Iran hergestellte Uran-Hexafluorid ist ungeeignet. Letzteres vermutet auch Nassauer: Es sei "hochwahrscheinlich", dass Iran derzeit noch aus China importiertes Uran-Hexafluorid verwendet, weil das im eigenen Land hergestellte Material zu stark mit Schwermetallen wie etwa Molybdän belastet sei.

Experten bezweifeln zudem, dass Iran die Bauteile und Materialien für die Zentrifugen selbst herstellen kann. Vielmehr sei es wahrscheinlich, dass das Land angesichts der straffen internationalen Handelsbeschränkungen noch heute von Pakistans früheren Lieferungen zehrt. Pakistans Regierung hat im März 2005 zugegeben, dass sein damaliger oberster Atomwissenschaftler Abdul Qadir Khan auf eigene Faust Zentrifugen an Iran geliefert hat.

Doch selbst wenn Iran 3000 Zentrifugen installiert und in Betrieb genommen hat (wahrscheinlich des alten Typs P1), wirkt die Behauptung einer Produktion im "industriellen Maßstab" gewagt. Gholamresa Aghasadeh, der Chef der iranischen Atomenergiebehörde, hat den Bau eines 360-Megawatt-Reaktors angekündigt. Das wäre ein vergleichsweise kleines Kraftwerk (die Leistung der deutschen Atommeiler liegt etwa zwischen 800 und 1400 Megawatt). Doch selbst dafür bräuchte es Lewis zufolge rund 18.000 P1-Zentrifugen.

"Das kann nur funktionieren, wenn alles optimal läuft"

Das träfe freilich nur bei einer zivilen Nutzung der Atomkraft zu - anders bei einer militärischen. Sollten die 3000 Zentrifugen tatsächlich funktionieren, könnte Iran bis 2009 genug Material für eine Atombombe angesammelt haben, sagte der US-Fachmann David Albright dem Sender "ABC News".

Dies allerdings gelte unter Atomwaffenexperten als "absolutes Worst-Case-Szenario", sagte Nassauer. "Das kann nur funktionieren, wenn für die Iraner wirklich alles optimal läuft."

Außerdem sei eine ausreichende Menge an spaltbarem Material noch nicht gleichbedeutend mit einer funktionierenden Bombe. Mindestens ein bis zwei weitere Jahre würden ins Land gehen, ehe Iran eine funktionstüchtige Atomwaffe habe, sagt Nassauer.

Er selbst sieht solchen Szenarieren eher gelassen entgegen: "Der Bundesnachrichtendienst hat schon 1984 davor gewarnt, dass Iran 1986 die Atombombe haben könnte."



insgesamt 9 Beiträge
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imagine, 10.04.2007
1. Irans und die Bombe
Im Moment machen mir Nordamerikas Atomwaffen mehr Sorgen. Im Gegensatz zu Irans Atomwaffen (wenn`s denn welche gäbe) müssen wir leider ständig damit rechnen dass die (der USA) eingesetzt werden.
woscha, 10.04.2007
2. Glauben heißt nicht Wissen !
Zitat von sysopVon wegen Durchbruch: Atomexperten zweifeln an Zahl und Leistungsfähigkeit der iranischen Uran-Zentrifugen. Ahmadinedschads Ankündigung, Brennstoff im "industriellen Maßstab" anreichern zu können, hat die Welt in Aufruhr versetzt - doch für Fachleute ist das nur Propaganda. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,476428,00.html
[QUOTE=sysop;1082104]Von wegen Durchbruch: Atomexperten zweifeln an Zahl und Leistungsfähigkeit der iranischen Uran-Zentrifugen. Ahmadinedschads Ankündigung, Brennstoff im "industriellen Maßstab" anreichern zu können, hat die Welt in Aufruhr versetzt - doch für Fachleute ist das nur Propaganda. Tja, das mit Hn. A. aus T. Glauben an seine Zentrifugen ist halt wie mit den Jungfrauen im Paradies. Entweder man glaubts oder man glaubts nicht.
inci 10.04.2007
3. *
Zitat von sysopVon wegen Durchbruch: Atomexperten zweifeln an Zahl und Leistungsfähigkeit der iranischen Uran-Zentrifugen. Ahmadinedschads Ankündigung, Brennstoff im "industriellen Maßstab" anreichern zu können, hat die Welt in Aufruhr versetzt - doch für Fachleute ist das nur Propaganda. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,476428,00.html
seltsam, wenn die usa von der unmittelbar bevorstehenden fertigen atombombe der iraner warnen, ist es der weisheit letzter schluß? und wer nicht für uns ist, ist gegen uns? müßte es dann nicht ehrlicherweise heißen, die medienberichte zu ahmadinedjads äußerungen sind nur propaganda?
DaKanGoo 10.04.2007
4. hmm...
ich glaube nicht an irans atomwaffen und wenn, dann müsste die usa die kriegsmaschinerie eher vorantreiben als dass sie sich auf die wunderwaffe raketenschirm stürzen. soweit ich weiß würde eine investition in das raketenschirm die wirtschaft der usa (zu welchem teil allerdings weiß ich nicht, wahrscheinlich zu gering)ankurbeln. das mit der wirtschaft sei jetzt mal dahingestellt. viel wichtiger wäre die rolle von ahmadinedschad. doch eine marionette? warum der plötzliche durchbruch gerade wo es um den raketenschutzschild geht? warum die äußerungen nachdem europa zweifel an der investition raketnschirm hat? möchte hier keine verschwörungestheorien suggerieren, habe nur laut gedacht. vielleicht kann mir der ein oder andere auf die sprünge helfen btw. die medien übertreiben (man muss die gefahr unter das volk bringen :-))
Wolfgang Jung 11.04.2007
5. Kinderkram
Abgekapselte Hobbychemiker mit pakistanischen Bastelkästen Marke "Wie baue ich eine Atombombe?" Bevor der Iran in der Lage ist, auch nur eine "Pfeil- und BogenMissile" irgendwohin zu schießen, landen die Astronauten des Fürstentums Liechtenstein auf dem Mars.
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