Psychogramm eines Attentäters Tötungsprogramm im Kopf

Was geht in einem Menschen vor, der 90 Minuten lang tötet? Einmal zum Äußersten entschlossen, vollstrecken Killer wie Anders Breivik ihre Morde kalt und unerbittlich. Für Emotionen sind sie unempfänglich, weil ihr Körper auf Jagdmodus umgeschaltet hat, erklärt ein Psychologe.
Von Cinthia Briseño
Anders Behring Breivik: Kalte Wut

Anders Behring Breivik: Kalte Wut

Foto: REUTERS/ Scanpix Sweden

Als Anders Breivik auf Utøya ankommt, ist er nicht rasend vor Wut, sondern entspannt. Dem Wachmann, der den Zugang zur Insel kontrolliert, hat er eine plausible Geschichte erzählt. Er müsse nach den Terroranschlägen in Oslo die Sicherheit überprüfen. Breivik, als Polizist getarnt, mit schusssicherer Weste und einer schweren Tasche, ist ruhig, bewegt sich langsam. Als er auf die versammelten Jugendlichen im Camp trifft, strahlt er Vertrauenswürdigkeit aus.

Dann beginnt er zu töten. 90 Minuten lang. "Es schien, als kümmerte es ihn gar nicht richtig", sagt später einer der Überlebenden. 90 Minuten lang macht Breivik Jagd auf seine Opfer und schießt auf sie. 90 Minuten lang ist Breivik eiskalt, vollkommen emotionslos, auf seine Mission konzentriert. Selbst von den ersten Polizeihubschraubern, die über Utøya fliegen, lässt er sich nicht irritieren. Gnadenlos verfolgt er weiter sein Ziel und richtet viele Jungendliche regelrecht hin, nach jüngsten Polizeiangaben 68 von ihnen.

Wie schafft es ein Mensch, über eine so lange Zeitspanne so kaltblütig zu bleiben? Amokforscher kennen das Phänomen. Es ist ein biologisches Programm, Experten nennen es kalte Aggression. "Der Täter befindet sich in einem Jagdmodus", erklärt Jens Hoffmann, Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Aschaffenburg, der in Breivik nichts anderes als einen Amokläufer sieht. "Er handelt kalkulierend und planend, die Emotionen sind komplett ausgeschaltet." Breivik jubelte lediglich, er habe Siegesrufe von sich gegeben, schilderte eine Überlebende. Andere hörten, wie er "ich töte Euch alle" schrie.

Im Gegensatz zur kalten Wut stünde die heiße Aggression, so der Psychologe: Fühlt sich ein Mensch akut bedroht, reagiert er impulsiv, kann nicht klar denken, die Herzfrequenz steigt, die Muskeln spannen sich an. Nach dem Wut- oder Gewaltausbruch, sobald die Bedrohung vorüber ist, klingt dieser Zustand aber sehr rasch ab.

Täter empfinden keinerlei Bedrohung...

Nicht so bei der kalten Aggression. "Während des Jagdmodus empfindet der Täter keinerlei Bedrohung. Deshalb kann er klar denken und fokussiert handeln", sagt Hoffmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Diesen Zustand kann er beliebig lang aufrechterhalten." Prinzipiell sei dieser Jagdmodus in jedem Menschen biologisch verankert, erklärt der Psychologe. Einst benötigten ihn die Menschen für die Jagd nach Fleisch. Breivik aktivierte ihn, um Menschen zu jagen.

In seiner 1516 Seiten umfassenden Schrift beschreibt Breivik in einigen Passagen, wie er sich mental auf seine Tat vorbereitet hat. Es ist nur ein kleiner Teil seines grotesken, von wahnhaften Ideologien geprägten Werks. Aber auch dieser zeigt, wie besessen Breivik von seiner Idee war. Darin erklärt der Massenmörder, wie man seine Motivation für eine solche Operation "über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten kann."

"Man muss anfängliche schwierige psychologische Herausforderungen meistern und anschließend seine Psyche jeden Tag überprüfen - bis die Operation abgeschlossen ist", schreibt der Attentäter. Märtyrertum sei kein plötzlicher Entschluss, sondern ein Prozess, der viel Zeit und einen großen Kraftaufwand benötige, und in dem man viel über sich selbst nachsinnen müsse.

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Jeden Tag sei er 40 Minuten spazieren gewesen, schreibt Breivik. Glaubt man seinen Aufzeichnungen, so hat er während dieser Zeit philosophiert und sich selbst mit seinen ideologischen Absichten indoktriniert. Immer wieder spielte er die Operation in seinem Kopf durch, simulierte verschiedene Szenarien: seinen Widerstand, die Konfrontation mit der Polizei, die späteren Befragungen, sein mögliches Erscheinen vor Gericht. Sogar Interviews mit der Presse malte er sich aus. Während seines Mentaltrainings hörte er "motivierende und inspirierende Musik".

"Dieses tägliche mentale Übungsritual erhält meine Motivation aufrecht und lädt meine Batterien auf", schreibt Breivik.

"Er nutzte gewöhnliche Mentalisierungsstrategien", sagt Hoffmann. Die jahrelange Vorbereitung, sich den Triumph und die historische Mission vor Augen zu halten, sei ein typisches Verhaltensmuster. Mit seiner Ideologie begründe er seine Tat. Diese sei zwar grausam, aber notwendig gewesen, sagte Breivik nachdem er seine Operation abgeschlossen hatte und verhaftet wurde.

...und denken schablonenhaft

Auch Breiviks Rigidität gehöre zum typischen Muster, so Hoffmann. "Solche Täter haben sehr gewissenhafte Züge und denken schablonenhaft. Entweder schwarz oder weiß." Einem australischen Kollegen Hoffmanns erklärte einmal ein Amokläufer nach seiner Tat, dass er eigentlich nicht mehr gewollt habe. Aber weil er sich schon lange für ein festes Datum entschieden gehabt habe, hätte er nicht anders gekonnt, als die Tat doch Realität werden zu lassen. Er musste seinem Schema folgen.

Eher ungewöhnlich ist ein anderer Auszug aus Breiviks Manifest. Darin beschreibt der Massenmörder detailliert, welche Aufputschmittel man nehmen müsse, um während der Operation gut zu funktionieren. Er erklärt, welche Kombination dafür am besten sei, woher man die Substanzen leicht bekomme, in welcher Dosierung man sie nehmen müsse, und erläutert den geeignetsten Zeitpunkt für die Einnahme der Mittel.

Die physische Stärke, die Agilität, den eigenen Fokus - all das würde durch die Aufputschmittel verbessert - um etwa 30 bis 50 Prozent, ein bis zwei Stunden lang, heißt es in Breiviks Schrift. Ob er die Substanzen für seine Operation tatsächlich einnahm, ist unklar. Ebenfalls lässt sich nur schwer sagen, in welchem Ausmaß sie die gewünschte Wirkung erbringen würden. Es ist bekannt, dass manche Täter vor ihren Taten geringe Alkoholmengen zu sich nehmen, um sich zu beruhigen. Ansonsten spielen Drogen und Alkohol bei kaltblütigen Killern aber kaum eine Rolle.

Was im Gehirn von derartigen Gewaltverbrechern vorgehen mag, ist nur schwer zu erfassen. Nicht nur Psychologen gehen dieser Frage nach, auch Neurobiologen suchen nach Antworten. Vor einem Jahr entdeckten US-Forscher um Joshua Buckholtz von der Vanderbilt University einen besonders ausgeprägten Mechanismus im Gehirn krankhaft antisozialer Menschen: Es dürstet nach Belohnung - in unnatürlich gesteigerten Ausmaßen und um jeden Preis.

Ob Breiviks Hirn in ähnlicher Weise gestört sein könnte, lässt sich nicht sagen. Und es scheint auch geradezu abstrus, für ein solches Verbrechen nach einer passenden Diagnose zu suchen.

Breivik ist nicht der einzige Massenmörder in der Geschichte, der seine Verbrechen im Vorfeld akribisch vorbereitet und organisiert hat. Dennoch ist seine Tat anders: "Der größte Unterschied ist, dass es auch geklappt hat", sagt Hoffmann. Denn so viele Menschen töten zu wollen, brauche eine besonders ausgefeilte Planung.

Typisch für einen kaltblütigen Mörder wie Breivik sei dessen Selbsterhöhung, so der Psychologe. "Er genießt es, Herr über Leben und Tod zu sein."

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