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Psychologie Das Geheimnis von Glückspilzen

Nur zu gern schieben wir die Verantwortung für eigenes Scheitern und Malheure auf höhere Mächte. Das Verhalten ist sehr menschlich, hindert uns jedoch daran, Herausforderungen aktiv anzugehen und zu einem Glückspilz zu werden.
Von Paola Emilia Cicerone
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Du bist wirklich ein Glückspilz; ich dagegen fühle mich stets vom Pech verfolgt!" Manch einer hat das Gefühl, das Leben sei ungerecht und das Schicksal launenhaft. Doch kann das denn sein? Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit sollten eigentlich alle Menschen über die Jahre gemittelt ungefähr gleich viele positive wie negative Zufälle erleben. Gleichgültig ob es sich dabei um Losgewinne an der Kirmesbude handelt oder um das Pech, dass die eigene Autokolonne im Stau viel langsamer vorankommt als die Wagen auf der Nebenspur.

Trotzdem kennt wohl jeder von uns eine Person, die fast immer Glück zu haben scheint - während eine andere ihr Leben als ausgesprochener Pechvogel fristet. Da drängt sich doch der Eindruck auf, das Ganze gehe nicht mit rechten Dingen zu und höhere Mächte seien am Werk. In der Antike galt diese Ansicht als Selbstverständlichkeit. Damals akzeptierten die Menschen wesentlich unverkrampfter als heute die Existenz über-natürlicher Einflüsse. Die alten Römer etwa schoben alle Schuld einfach auf die Schicksalsgöttin Fortuna, die willkürlich und unvorhersehbar jedem sein Maß an Glück und Unglück zuteilte.

Selbst in unserer halbwegs aufgeklärten Zeit ist das Thema "Glück haben" immer noch eng mit Aberglauben und Esoterik verbunden: Viele Menschen tragen ein Amulett oder andere Glücksbringer bei sich, Sportler schwören auf ihre Maskottchen, Hellseher und Kartenleser haben Hochkonjunktur.

Auf der anderen Seite versuchen mehr und mehr Forscher, den Gesetzen von Glück und Unglück mit wissenschaftlichen Methoden auf den Pelz zu rücken. So etwa der englische Physiker und Wissenschaftsjournalist Richard A. J. Matthews, der sich Mitte der Neunzigerjahre intensiv mit Murphys berühmtem Gesetz befasste: "Alles, was irgendwie schief gehen kann, wird das mit Sicherheit auch tun." Matthews wollte herausfinden, ob diese pessimistische Weltsicht objektiv begründbar ist - oder nur Einbildung.

Als alltagsnahes Beispiel knüpfte er sich zunächst die Frage vor, ob ein zu Boden fallendes Butterbrot wirklich auf der bestrichenen Seite landet, wie es Murphys Gesetz verlangt. Eine eigens organisierte und von einem Butterhersteller gesponserte Studie bewies, dass diese immer wieder geäußerte Vermutung tatsächlich in den meisten Fällen zutrifft! Also doch eine Verschwörung des Schicksals? Keineswegs: Weitere Experimente zeigten, dass wir dieses Faktum lediglich dem Zusammenspiel von Gravitation, Reibungskräften und der gängigen Tischhöhe verdanken.

Verhexte Warteschlange

Ebenso lassen sich auch andere Alltagspannen erklären, ohne dass wir gleich Fortuna bemühen müssen. Etwa die Tatsache, dass es nur selten regnet, wenn wir extra den Regenschirm mitgenommen haben - da die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem konkreten Zeitpunkt regnet, prinzipiell recht gering ist, selbst bei schlechtester Wetterprognose. Oder die berühmt-berüchtigte Warteschlange an der eigenen Kasse im Supermarkt, die grundsätzlich am zähesten vorankommt. Begründung: Je mehr Kassierer arbeiten, desto höher ist rein statistisch die Wahrscheinlichkeit, dass einer der anderen flotter abfertigt.

Hinzu kommt aber auch ein psychologischer Effekt: Wir bewerten bestimmte Ereignisse deshalb als sonderbar, weil sie uns auffallen - beispielsweise, dass der Bus genau dann kommt, wenn wir uns gerade eine Zigarette angesteckt haben. Obwohl dieses Zusammentreffen objektiv betrachtet keineswegs ausgeschlossen ist - je nach Zigarettenkonsum und Fahrplantakt ist es vielleicht sogar recht wahrscheinlich -, will uns einfach nicht einleuchten, dass hier lediglich die Gesetze der Statistik am Werk sind.

"Der Unterschied zwischen gewöhnlichen und ungewöhnlichen Ereignissen ist subjektiv", erklärt Lorenzo Montali, Psychologe an der Universität Mailand-Bicocca. "So ist es etwa völlig normal, einmal zu spät zu kommen - aber erst wenn uns dies vor einer Katastrophe bewahrt, werden wir uns daran erinnern." Nach dem Motto: Das kann doch kein Zufall sein, dass wir uns ausgerechnet an diesem Tag verspätet hatten. Fügung? Von wegen - die vielen anderen Fälle von Unpünktlichkeit sind unserem Gedächtnis bloß längst entschwunden!

Zahlreiche Menschen halten schlicht deshalb ein Ereignis für außergewöhnlich, weil sie nicht mit ihm rechnen - ganz unabhängig von der objektiven Eintrittswahrscheinlichkeit. "Oft machen wir uns nicht bewusst, dass es sich zum Beispiel bei einem Lottogewinn um ein zwar seltenes, aber durchaus mögliches Geschehnis handelt", so Montali. Das lässt dann beispielsweise eingefleischte Zocker zur Überzeugung gelangen, sie seien beim Spielen erfolgreicher als andere, weil sie grundsätzlich besonderes Glück hätten; über die Gesetze der Statistik fühlen sie sich erhaben. Dabei messen sie lediglich ihren Gewinnen zu viel Bedeutung bei - wer viel spielt, gewinnt eben auch häufiger als jemand, der fast nie vor Automaten oder an Rouletttischen hockt.

Forscher, die sich mit diesen Fragen befassen, untersuchen jedoch meist nur einzelne Verhaltensweisen, nicht unser Verhältnis zum Glück als solchem. Der britische Psychologe Richard Wiseman von der University of Hertfordshire erklärt dies damit, dass der Begriff schwierig zu definieren sei. Außerdem würden viele Forscher nur ungern derartige Themen anpacken, die Berührungspunkte zu Aberglauben oder Magie besitzen.

Zwölf Prozent aller Menschen sind Glückspilze, neun Prozent gelten als Pechvögel

Weiter im zweiten Teil: Anders Wiseman selbst - kein Wunder, begann er doch seine berufliche Laufbahn ursprünglich als Zauberkünstler. Um das sperrige Konzept "Glück haben" zu konkretisieren, gab er 1994 eine Anzeige in einer Zeitung auf, in der er ausgesprochene Glückspilze und Pechvögel suchte. Anschließend untersuchte er das Verhalten und die Einstellungen der Personen, die sich gemeldet hatten. Der Forscher kam zu dem Schluss, dass man rund zwölf Prozent aller Menschen getrost als Sonntagskinder bezeichnen könne, während neun Prozent scheinbar ständig vom Pech verfolgt würden.

Hören Sie auf zu zählen!

Daraufhin begann Wiseman die Persönlichkeitsmerkmale dieser beiden Extremgruppen zu untersuchen und stellte fest, dass sich Glückspilze dank ihrer Denk- und Verhaltensweisen eher als andere Menschen Glück verheißende Situationen schaffen, diese erkennen und auch nutzen. Daher gewinnen sie etwa öfter bei Preisausschreiben - weil sie sich schlicht häufiger daran beteiligen.

Bei einem seiner Experimente ließ der Forscher die Testpersonen eine Zeitung durchblättern und bat sie, die darin enthaltenen Bilder zu zählen. Für die richtige Antwort versprach er einen Preis. Was er den Probanden nicht verriet - auf einer der Seiten stand in fünf Zentimeter großen Lettern: "Hören Sie auf zu zählen, es sind 43 Fotografien in dieser Zeitung!" Wer seinen Blick etwas schweifen ließ, bekam die Antwort also frei Haus geliefert und setzte sich nicht dem Risiko aus, durch einen Zählfehler ein falsches Ergebnis zu liefern. Nun das Frappierende: Selbsterklärte Pechvögel übersahen diese Information häufig, weil sie sich zu verbissen auf die übertragene Aufgabe konzentrierten - und prompt hatten sie wieder einmal das Nachsehen.

Sonnenscheinmenschen sehen die Dinge also lockerer und behalten eher den Überblick, wodurch ihnen günstige Gelegenheiten nicht so leicht entgehen. Des Weiteren knüpfen und pflegen sie gern soziale Kontakte und erhöhen damit ihre Chance, bei Bedarf die richtigen Leute zu kennen. Glückspilze folgen ihrer Intuition, sehen optimistisch in die Zukunft, kapitulieren nicht so schnell und versuchen, Rückschläge so weit wie möglich zum Besten zu wenden.

Außerdem: Selbst wenn Sonntagskinder einmal eine Niete ziehen, bewerten sie dies oft positiv. "Viele meiner Versuchspersonen betrachteten sich als Glückspilze, obwohl sie beispielsweise schwer krank waren oder vertraute Menschen verloren haben", beobachtete Wiseman. Solche Menschen sehen es als glückliche Fügung an, wenn sie einen Unfall schwer verletzt überleben. Ein Pechvogel würde darin hingegen seine tiefe Überzeugung bestätigt finden, vom Schicksal benachteiligt zu sein.

Womit wieder die unterschwellige Tendenz des Menschen, übernatürliche Ursachen zur Erklärung heranzuziehen, zum Vorschein kommt. Anscheinend beeinflusst die Suche nach Gründen massiv unsere Weltsicht. "Wir können nur dann überleben, wenn wir Ereignisse in einen Zusammenhang stellen und ihnen Bedeutung geben", sagt auch die Psychologin Paola Bressan von der Universität Padua. "So verbinden wir beispielsweise automatisch ein Donnergrollen mit einem heraufziehenden Unwetter oder aufkommende Übelkeit mit dem eben beendeten Essen." Gerade Menschen, die besonders stark zu solchem Denken neigen, schreiben Zufälle viel öfter dem Schicksal oder übernatürlichen Kräften zu. "Sie erliegen einer kognitiven Illusion, auch wenn diese es ihnen womöglich erleichtert, unbeschwerter zu leben", meint Bressan.

In Küstennähe wird Fortuna nicht gebraucht

Daneben haben Psychologen noch einen weiteren Grund für solches Verhalten ausgemacht: das Verlangen, Kontrolle über Ereignisse zu gewinnen - insbesondere solche, die uns beunruhigen. Der Anthropologe Bronislaw Malinowski beobachtete dies bereits in den Zwanzigerjahren bei melanesischen Fischern. Diese griffen immer dann auf beschwichtigende Zauberrituale zurück, wenn sie in unbekannte Gewässer vordringen mussten und sich daher auf Fortunas Unterstützung angewiesen fühlten. In Küstennähe verließen sie sich dagegen ganz auf ihr Geschick und verzichteten darauf, übernatürliche Kräfte anzurufen. "Aberglaube verschafft uns das Gefühl, wir könnten die Dinge beeinflussen. Auch wenn dies nicht stimmt, so kann es doch unsere Ängste zerstreuen", meint der Psychologe Stuart Vyse vom US-amerikanischen Connecticut College. "Deshalb zeigen wir vor allem dann solche Verhaltenstendenzen, wenn wir uns besonders verletzlich fühlen."

Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen - und zwar dann, wenn sich magisches Denken in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verwandelt. So verunsichert uns beispielsweise die Angst vor einem Unfall manchmal derart, dass das Risiko eines Unglücks tatsächlich steigt. Dies beweisen verschiedene Untersuchungen, denen zufolge sich an Freitagen, die auf den 13. eines Monats fallen, besonders viele Verkehrsunfälle ereignen.

Auch wenn sich Menschen an Magier und Hellseher wenden, schaden sie sich damit oft nur selbst. Zwar wollen sie so ihre Trefferrate im großen Glücksspiel des Lebens steigern, geben jedoch auf diese Weise die Verantwortung dafür anderen in die Hände. "Häufig erfinden solche Ratgeber für unsere Zukunft irgendwelche Probleme, um anschließend teure Abhilfe anzubieten. Wenn dann tatsächlich nichts passiert, behaupten sie, dies sei nur ihrem Eingreifen zu verdanken", so Wiseman.

Talisman allein reicht nicht

Viele Menschen vertrauen auch auf einen Glücksbringer - oft einen Gegenstand, den sie in einem entscheidenden, positiven Augenblick ihres Lebens bei sich hatten. "Ein Talisman gibt uns das Gefühl der Kontrolle und ist an und für sich nichts Schlechtes. Viele der Glückspilze, die ich untersucht habe, besaßen ein solches Objekt", meint Wiseman. "Nur muss man sich eben trotzdem angemessen auf die wichtigen Momente im Leben vorbereiten."

Wer nach einem Malheur der Fügung die Schuld gibt, tut dies auch, um nicht so streng mit sich selbst ins Gericht gehen zu müssen. Bereits 1958 formulierte der österreichisch-amerikanische Psychologe Fritz Heider (1896 - 1988) von der University of Kansas die so genannte Attributionstheorie. Ihr zufolge können wir die Ursachen eines Ereignisses entweder in uns selbst oder in äußeren Umständen suchen. Ein verpatztes Examen beispielsweise lässt sich sowohl der eigenen mangelhaften Vorbereitung zuschreiben als auch einer plötzlichen schlechten Laune des Dozenten beziehungsweise seiner grundsätzlichen Abneigung uns gegenüber. Oder eben der launischen Fortuna.

Nach dieser Sichtweise stellen Glück und Unglück äußere, neu auftretende Umstände dar, die ein sonst sinnlos erscheinendes Ereignis erklären können. "Es handelt sich um eine Täuschung, mit der wir uns selbst schützen", ergänzt Lorenzo Montali. "Dies gilt umso mehr, als wir Erfolge sehr gern unseren Fähigkeiten zuschreiben, Scheitern dagegen lieber als Pech betrachten."

"Aberglaube und magisches Denken dienen uns als Schutz gegen die Ängste, die Ungewissheit in uns weckt. Gleichzeitig entschuldigen wir eigenes Versagen, wenn wir uns selbst als Pechvögel betrachten", fasst Wiseman den Stand der Forschung zusammen. Inzwischen versucht der Psychologe auch, seine Erkenntnisse in der Praxis zu nutzen, und bietet dazu Managern und anderen Interessenten richtiggehende "Glücksseminare" an. Dort versucht er, die für Glückspilze typischen Einstellungen wie Optimismus, Hartnäckigkeit, Extrovertiertheit und Offenheit zu vermitteln - offenbar mit Erfolg: "Nachdem sie einmal die empfohlenen Regeln verinnerlicht hatten, konnten einige ausgesprochene Unglücksraben ihr Leben radikal verändern", so Wiseman. "Glück zu haben heißt vor allem zu lernen, wie man Probleme auf kreative Weise bewältigen kann."

Literaturtipps:

Steward, I.: Mathematische Unterhaltungen. In: Spektrum der Wissenschaft, September 1996, S. 10. Anschauliche Beschreibung von Robert Matthews Erkenntnissen zu Murphys Gesetz.

Vyse, S. A.: Die Psychologie des Aberglaubens. Schwarze Kater und Maskottchen. Basel: Birkhäuser 1999. Gut verständliche Erklärung der psychologischen und evolutionären Mechanismen, die uns zum Aberglauben neigen lassen.

Wiseman, R.: So machen Sie Ihr Glück. Wie Sie mit einfachen Strategien zum Glückspilz werden. München: Mosaik bei Goldmann 2003. Locker geschrieben, mit vielen Anekdoten von Glückspilzen und Pechvögeln; enthält Tests und Fragebögen zur Selbsterkundung.