Psychologie des Aufschiebens Morgen. Versprochen!

Von Sigrid Neudecker

2. Teil


In Münster werden gerade drei Module getestet, die prokrastinierenden Studenten helfen sollen: "Pünktlich anfangen", "Realistisch planen" und die Methode der "Lernrestriktion". "In zwei von fünf Sitzungen wird nur daran gearbeitet, wie man sich einen ganz konkreten Zeitpunkt setzt und ob man es tatsächlich geschafft hat, genau zu diesem Zeitpunkt zu beginnen", erklärt Engberding. "›Realistisch planen‹ zielt auf die Selbstüberschätzung ab. Viele glauben, man könnte Dinge in viel kürzerer Zeit schaffen." (Wenige Minuten zuvor hatte ich im Brustton der Überzeugung versichert, ich könne ein komplettes Steuerjahr locker in drei oder vier Stunden abarbeiten.)

Bei der Lernrestriktion wird den Studenten ein bestimmtes, zunächst eher kurzes Lernfenster zugestanden. Zu Beginn liegt es bei mindestens 20 Minuten pro Tag. Davor und danach gilt ein striktes Lernverbot. Nur wenn sie dieses Fenster eingehalten haben, dürfen sie am nächsten Tag etwas länger arbeiten. "Man denkt beim Aufschieben ja immer, dass man es auch später noch machen kann", sagt Engberding, "und verdirbt sich damit eigentlich auch die Zeit. Wir wollten schauen, wie weit sich dadurch die motivationale Dynamik etwas mehr verstärkt."

Karotte vor der Nase statt Peitsche am Hintern. Hatte nicht auch ein Kollege mit Hang zu technischen Spielereien erzählt, er versüße sich die Buchhaltungsarbeit, indem er sie mit der neuesten Software erledige?

Vielleicht verschafft mir ja ein Gang in die Höhle des Löwen endlich den nötigen Druck, um die Steuersache zu erledigen. Dieter Hantzsch, der Vorsteher meines Finanzamts, zeigt sich verständnisvoll: "Wenn man seine Steuer macht, wird einem ja auch vor Augen geführt: Wie viel ist meine Tätigkeit wert? Vielleicht kommen dann ja auch Wertschätzungsfragen dazu." Es stellt sich heraus, dass ich in guter Gesellschaft bin: Bis zum ersten Abgabetermin (für alle, die keinen Steuerberater haben) am 31. Mai hatten im vergangenen Jahr gerade mal 22 Prozent der Hamburger Gewerbetreibenden und Selbstständigen ihre Einkommensteuererklärung abgegeben. Zum zweiten Abgabetermin am 30. September (für alle "steuerlich Beratenen") waren es 2005 immer noch erst 44 Prozent. In den anderen Bundesländern liegen diese Zahlen höchstens 5 bis 10 Prozent darüber. Anreize, pünktlich abzugeben, gibt es wieder nur in Peitschenform. "Es gilt der wilhelminische Grundsatz", erklärt Hantzsch, "wer die Fristen einhält, wird nicht bestraft. Das ist vielleicht heutzutage, wo der Kunde üblicherweise für Wohlverhalten belohnt wird, überprüfungsbedürftig, aber so ist es." Dabei sind die Fristen tatsächlich durchaus gnädig. Fünf volle Monate, um ein paar Belege zusammenzusuchen? Was ist daran so schwierig? "Es kann ja geradezu ein lustvolles Sammeln werden", lockt der Vorsteher, "wenn Sie daran denken, dass Sie mit diesen Ausgaben Ihre Steuerlast mindern können. Sie sollten mal ausprobieren, wie Sie sich fühlen, wenn Sie mal alles abgeschlossen haben! Steuererklärung als Wellness-Programm!"

"Gerade bei der Steuer kommen ein paar Faktoren zusammen, die das Aufschieben massiv vorantreiben", sagt Hans-Werner Rückert. "Intelligente Menschen neigen dazu, renitent zu werden, wenn man ihnen mit Forderungen und Strafandrohungen kommt. Das heißt in der Psychologie Reaktanz und bedeutet, dass man sich gegen die Einschränkung der subjektiven Freiheiten wehrt. Aber ich kenne auch viele Leute, die vom Fiskus was zurückkriegen und ihre Erklärung trotzdem vor sich herschieben."

Sollte die Finanzbehörde also strenger mit Leuten wie mir umgehen? Keine Nachfristen gewähren, uns Deadline-Junkies die Knarre vor die Nase halten? Wenn es nach Joe Ferrari ginge, dann ja. "Meine italienische Großmutter pflegte zu sagen: Manche Menschen verlassen den Strand erst, wenn ihnen das Wasser bereits an den Hintern klatscht. Und was tun wir? Wir helfen ihnen und verrücken das Handtuch für sie. Das bedeutet, dass wir es vielen erst ermöglichen zu prokrastinieren. Wir lassen sie davonkommen." In vielen Ländern sei Aufschieben geradezu ein Kavaliersdelikt, sogar seine Studenten fragten immer wieder nach dem "wirklichen Abgabetermin. Nein, dem wirklich echten." Das System der Belohnung, in der Psychologie ein wichtiges Element zur positiven Verstärkung, würde viel besser funktionieren. "Wir bestrafen die, die zu spät sind. Wir geben dem frühen Vogel zu selten seinen Wurm." Fred Rist stimmt Ferrari zu: "Erinnern Sie sich, welche Erleichterung Sie verspürt haben, als Sie erfuhren, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, die Steuer nachzureichen? Man wird dafür belohnt, dass man versucht aufzuschieben!"

Den genialen Aufschieber, der im letzten Moment ja dann doch noch alles schafft, umgeben auch immer noch bewundernde Legenden: "Diese Kriegsberichte von der Front intellektueller Arbeit, dass man nach drei durchgearbeiteten Nächten schweißüberströmt das Manuskript in den Briefkasten geschmissen hat, hören die Studierenden ja auch heute noch von Hochschullehrern", sagt Hans-Werner Rückert. "Vor allem in den Geistes- und Naturwissenschaften war man doch gar kein richtiger Mensch, wenn man nicht einen Berg hatte, den man vor sich herschob."

Studenten fragen oft nach der "wirklich echten" Deadline.

Ab einem gewissen Stadium darf Prokrastination nicht unterschätzt werden. "Unsere Untersuchung hat ergeben: Mit hohem Prokrastinationskurs geht depressive Verstimmung einher", sagt Fred Rist. "Wer die Regelstudienzeit hinter sich hat und auch noch prokrastiniert, ist in aller Regel depressiv. Ich denke schon, dass man das als eigenständige Störung ernst nehmen muss."

So weit soll es nicht kommen. Zu all meinen guten Vorsätzen kommen hiermit einige neue, konkrete dazu:

  • Große Projekte in kleine, überschaubare Happen unterteilen. Nicht "die Steuer" machen, sondern "Einnahmen 2005".
  • Eine To-do-Liste zu erstellen ist noch nicht die wirkliche Arbeit und bedeutet nicht, dass man für den Rest des Tages keinen Finger mehr rühren muss. Gleiches gilt für den leer geräumten Schreibtisch.
  • Alles dauert immer länger, als du glaubst!
  • Es gibt ein Leben ohne E-Mail!
  • Lege einen fixen Anfangszeitpunkt fest!
  • Suche dir einen Raum, in dem du ungestört arbeiten kannst.
  • Fang einfach in der Mitte an, wenn es mit dem Anfang nicht klappt.

Und da in allem Schlechten auch etwas Gutes steckt, hat mir Fred Rist vor wenigen Tagen noch eine aktuelle Studie geschickt: Rethinking Procrastination: Positive Effects of "Active" Procrastination Behavior on Attitudes and Performance ("Prokrastination neu betrachten: Positive Effekte 'aktiven' Prokrastinationsverhaltens auf Einstellungen und Leistung"). Wenige Wochen zuvor war ich gemäß seiner Analyse noch eine "strenge Prokrastinatorin", die sich nicht erlaubt, statt der Steuer lieber eine DVD zu gucken, sondern lieber putzt und schrubbt. "Das bringt Ihnen Ihr inneres Gleichgewicht", kommentierte Margarita Engberding damals, und ich meinte, einen ironischen Unterton in ihrer Stimme gehört zu haben. Laut der neuen Studie, die 2005 im Journal of Social Psychology erschien, gibt es sehr wohl auch gute Seiten an uns. "Aktive Prokrastinatoren schieben genauso stark auf wie passive Prokrastinatoren", schreiben Angela Hsin Chun Chu von der Columbia University in New York und Jin Nam Choi von der McGill University in Montreal. Aber: "Wenn etwas Unerwartetes auftaucht, wechseln sie die Gangart und kümmern sich um die neuen Aufgaben, die ihnen dringender erscheinen. Aktive Prokrastination könnte sogar von Vorteil, wenn nicht gar notwendig sein, wenn jemand in einer nicht vorausplanbaren, sich schnell verändernden Umgebung arbeitet. Hier könnten aktive Prokrastinatoren sogar effizienter als andere arbeiten, weil sie nicht stur ihren vorher festgelegten Plan weiterverfolgen, sondern spontan auf unerwartete Ereignisse reagieren können."

Epilog: Ich wollte hier auch noch das Gefühl beschreiben, wie es ist, endlich alle Unterlagen beim Steuerberater abgegeben zu haben. Es hat leider nicht mehr ganz funktioniert. Ich wollte wirklich, aber man kommt ja zu nichts. Doch sobald ich hier den letzten Punkt getippt habe, setze ich mich dran! Versprochen!



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Seite 1
A.M.HB, 13.04.2006
1.
Laut Sprichwort soll es ja ein Zeichen von Faulheit sein, alles auf morgen zu verschieben. Ich gehöre leider auch zu denen, die am besten unter Termindruck arbeiten können. Tipps, wie ich das ändern könnte, hab ich nur theoretische: Das Unangenehmste sofort erledigen, dann geht der Rest - angeblich - leicht von der Hand. Bin mal gespannt, ob ich hier verwertbare Tipps und Tricks nachlesen kann.
nonopin, 13.04.2006
2.
Ich bin definitiv auch jemand, der Druck braucht... Ein bisschen verbessern konnte ich das. Wenn unangenehmes ansteht, sag ich mir: "das sind jetzt xy Minuten deines Lebens, die bringst du hinter dich und dafür wirst du xy Stunden sehr zufrieden sein mit dir!" Hilft ganz gut (je nach Tagesform und Wetter...). Oder aber ich erinnere mich an Unangenehmes, das zurückzuführen war darauf, dass ich Dinge zu lange habe liegen lassen... Hilft auch ganz gut:))
sojiti, 13.04.2006
3.
ich halte es mit scarlett o'hara: morgen auf tara will ich über das nachdenken. dann werde ich es ertragen. morgen wird es mir schon einfallen. schließlich, MORGEN ist auch ein tag.
dericon, 13.04.2006
4.
Hängt vielleicht damit zusammen, daß die Dinge, die ich (wir?) verschiebe, für mich nicht wichtig sind. Die für MICH wichtigen Dinge erledige ich sofort. Alles andere sind Forderungen anderer, für die ich teilweise nicht mal Verständnis habe. Warum auch? Ich fühle mich einfach nur belästigt ...
Rainer Helmbrecht 13.04.2006
5.
Ja, ich gehöre auch zu den Menschen, die (fast) alles auf Morgen verschieben. Diese Macke habe ich schon seit Jahrzehnten. Von den vielen Problemen, die ich verschiebe, gehört auch mein Wahlverhalten. Alle vier Jahre nehme ich mir vor mich zu informieren und nur noch eine Partei zu wählen, die meinem Willen entspricht. Jedesmal denke ich, na ja, so kurz nach der Wahl musst du alles erstmal zur Ruhe kommen lassen. Nichts über das Knie brechen, diesmal mit Augenmaß. Dann vergehen so ein-zwei Jahre und man versucht die Bestätigung für die alte Wahl zu finden. Dann bemerkt man.... Menschenskind, jetzt hast du wieder die gleichen Schaumschläger gewählt..... aber zum letzten Mal. Nun fange ich an die Parteien "wissenschaftlich" zu untersuchen. Ich wäge ab, suche alle Fallen, weiss immer noch nicht, ob Moral oder Cleverness der Politiker das rechte Kriterium ist. Inzwischen nähert sich der neue Termin. Ich werde hippelich, berate mich mit Freunden, Nachbarn, Parteigängern, frage alte Leute, junge Leute. Rede mir den Kopf heiss, fange an meine Freunde zu belehren, meine Feinde zu beleidigen und dann ist Wahltag! Jetzt mache ich den üblichen Fehler..... ich gehe erst wal wählen...... und nehme mir vor: Das nächst Mal werde ich mich informieren und nur noch die Partei wählen, hinter der ich zu 100 Prozent stehe;o).
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