Psychologie Eltern und Lehrer durchschauen Kinder verschieden

Lehrer sind nicht prinzipiell besser darin, das Verhalten von Kindern einzuschätzen, haben Forscher beobachtet. Während Eltern sich besser einfühlen können, haben sie oft einen blinden Fleck für die Aggressivität ihrer Sprösslinge.  


Nur eine Grimasse oder doch Ausdruck von Trübsal? Kleine Motzkuh, verzogene Intrigantin oder tatsächlich das Opfer von Streichen? - Das Verhalten junger Schulkinder ist nicht immer eindeutig. Es zu interpretieren, darin sprachen Wissenschaftler bislang eher Lehrern als Eltern die größere Kompetenz zu: Weil Lehrer mehr Erfahrung mit vielen Kindern und immer eine größere Gruppe zum Vergleichen hätten, so die weit verbreitete Ansicht.

Schüler auf Schulhof: Streit können Lehrer besser einschätzen als Eltern
DPA

Schüler auf Schulhof: Streit können Lehrer besser einschätzen als Eltern

Doch so generell stimmt das nicht. Bei einer Untersuchung mit 562 ABC-Schützen, deren Eltern und Lehrern haben Pädagogen an der University of Virginia unterschieden, was Eltern und was Lehrer besser aus dem Verhalten von Kindern herauslesen können.

Ein Forscherteam um Timothy Konold analysierte, wie Eltern und Lehrer das Verhalten ihrer Kinder beziehungsweise Schützlinge anhand eines standardisierten Fragebogens einordneten. Konold beobachtete: Kinder bekamen hier für ein und dasselbe Verhalten unterschiedliche Bewertungen von Eltern und Lehrern.

Nun untersuchten die Pädagogen, wer von den Erwachsenen richtiger lag. Heraus kam, dass beide Gruppen ihre Stärken haben, wie Konold bei der Jahreskonferenz der American Educational Research Association (ERA) in San Francisco berichtete. Sein Ergebnis ist zwar ein typisches Sowohl-als-auch, interessant ist jedoch, dass Lehrer und Eltern die Dreikäsehochs auf unterschiedlichen Gebieten durchschauen können.

Eltern einfühlsamer

"Eltern sind viel besser darin, verinnerlichendes Verhalten richtig einzuschätzen", sagte Konold. Die Eltern erkannten Emotionen wie Ängstlichkeit, Traurigkeit oder Einsamkeit besser, ebenso konnten sie Beschwerden über - echte oder erfundene - körperliche Wehwehchen besser einschätzen.

Stritten Kinder jedoch, reagierten sie ihre Gemüt ab, indem sie andere ärgerten, provozierten, bedrohten, betrogen, anlogen oder beschimpften, waren es stets die Lehrer, die die Knirpse besser einschätzten - und damit durchschauten.

Konold folgerte, dass die Kinder solches - externalisierendes - Verhalten von ihren Eltern abgeguckt haben könnten. Und dann könnten diese es auch nicht immer als abweichend erkennen.

"Das hat wichtige Implikationen dafür, wie wir Informationen über Verhaltensstörungen von Kindern sammeln, wenn es um Erziehungsrichtlinien oder psychologische Beratung geht", sagte Forscher Konold. Im Sinne des Kindes sei es, stets auf beide Seiten - Eltern und Lehrer - zu hören, und dann je nach Beurteilungskompetenz zu gewichten.

stx



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