Psychologie Früher waren Wessis selbstverliebt. Jetzt sind es die Ossis auch

Ostdeutsche jammern, Westdeutsche sind eitel? Früher war da etwas dran, sagt eine aktuelle Studie. Doch nun herrscht beim Narzissmus Gleichstand.

Als der Ostblock kollabierte, fielen sich Deutsche aus Ost und West erst freudig in die Arme - und entdeckten dann schnell den Fremden im Gegenüber. Kaum etwas etablierte sich nach dem Mauerfall so schnell wie die bis heute unausrottbar scheinenden Vorurteile über Wessis und Ossis. Eitle, eingebildete Fatzken seien die einen, hieß es damals, sture, sich stets ungerecht behandelt fühlende Jammerer die anderen.

Dass es sich dabei um mehr als nur Klischees handelt, zeigt nun eine Studie von Psychologen der Berliner Charité, die im Fachblatt PLOS One veröffentlicht wurde . Die Autoren der Studie befragten rund 1000 Deutsche aus Ost und West und fanden signifikante Unterschiede im Selbstbild der Befragten.

"Wir haben auf verschiedenen Plattformen und Foren gezielt Kontakt zu Leuten gesucht, die wir dazu eingeladen haben, sich befragen zu lassen", erklärt Stefan Röpke, einer der zwei Co-Autoren der von Aline Vater geleiteten Studie.

Den Befragten sei klar gewesen, dass sie zu ihrem Selbstbild befragt wurden. "Dass es dabei darum gehen sollte, mögliche Unterschiede zwischen Deutschen zu finden, die in Ost und West sozialisiert wurden, haben wir im Vorfeld natürlich nicht öffentlich gemacht", sagt Röpke. Den Selbstwert der befragten Personen ermittelten die Forscher anhand einer etablierten Selbstwertskala.

Die Psychologen fanden dabei tatsächlich Unterschiede zwischen Ost und West - und diese fielen überraschend deutlich aus. Offenbar war so einiges dran am negativen Bild vom anderen: Westler, behauptet die Studie, waren deutlich selbstverliebter als im Osten sozialisierte Deutsche. Die hatten dafür ein stärker ausgeprägtes Selbstvertrauen - ein nur im ersten Moment überraschender Befund.

Richtig: Das Bild vom eitleren Westler

Denn Selbstverliebtheit und Selbstbewusstsein, meint Röpke, seien tatsächlich grundverschiedene Dinge: Narzissten sähen sich selbst nicht realistisch und überschätzten sich selbst, in pathologischen Fällen über das gesunde Maß hinaus. Eine derartige Selbstüberschätzung gründe oft sogar auf einem verminderten Selbstwertgefühl: Der Narzisst kompensiert seine Komplexe quasi dadurch, dass er sich selbst überhöht.

Das so gewonnene Selbstwertgefühl ist dann allerdings abhängig von der Anerkennung durch andere, erklärt Röpke. Bleibt die aus, kommt es zur Krise, bis hin zu "aggressiven Reaktionen".

Selbstbewusste schöpften ihr Selbstwertgefühl dagegen nicht aus überhöhten Erwartungen an sich selbst: "Ostdeutsche", sagt Röpke, "wuchsen in einem System auf, in dem die Gruppe wichtiger war als der Einzelne. Und der musste auch nicht immer bei allem der Beste sein, um zu glänzen." Kurzum: In der DDR wurde der Wert eines Menschen weniger stark an dessen wie auch immer definierten, vermeintlichen Erfolg gemessen als im Westen.

Mauer: Trennte nicht nur räumlich, sondern auch mental

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Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa

Aline Vater und ihre Co-Autoren sehen im Vergleich deutlich erhöhte Narzissmus-Werte vor allem bei Westdeutschen, die vor dem Mauerfall volljährig wurden, also als Resultat einer charakterlichen Formung in Gesellschafts- und Erziehungssystemen, die den Wert des Einzelnen anders definierten. "Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus", sagt Röpke.

Die Charité-Studie dokumentiert statistisch messbare, signifikante Unterschiede zwischen den Befragten aus den einst getrennten Teilen Deutschlands. Theoretisch könnten dazu natürlich auch regionale Mentalitäten oder tradierte kulturelle Unterschiede beitragen.

Dagegen spricht aber, dass die Befragung nicht nur einen signifikanten Unterschied zwischen Ost- und West-Sozialisierten zeigt, sondern auch einen abrupten Bruch, nachdem diese Unterschiede verschwinden. Röpke: "Keinen Unterschied sehen wir in der jungen Generation, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren oder noch nicht in der Schule war und somit unter gleichen westlichen Bedingungen aufgewachsen ist. Hier sind Narzissmus und Selbstwert in Ost und West gleich ausgeprägt."

Die Studie stellt darum die These zur Diskussion, ob die westlich-individualistische Lebensart zu einer "narzisstischen Epidemie" beitrage, die ein Übermaß von Personen hervorbringe, die sich permanent selbst überschätzten. Wohlstand und die übersteigerte Wertschätzung, die Kindern in Kleinfamilien zukomme, könnten Selbstbezogenheit und Selbstüberschätzung verstärken. "Darüber hinaus", heißt es im Fazit der Studie, "könnte die Vermittlung individualistischer Werte zu einem verminderten Selbstwertgefühl beitragen."

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