Psychologie Internet macht 75-Jährige glücklich

Macht alt sein unglücklich? Keinesfalls, sagt der Berliner Psychologe Denis Gerstorf und erklärt im Interview, warum Rentner heutzutage das Leben mehr genießen als Gleichaltrige in den Neunzigern.

Sie haben Post! Wer freut sich nicht über eine E-Mail vom Enkelkind?
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SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einer Studie herausgefunden, dass 75-Jährige sich heutzutage wohler fühlen als Gleichaltrige vor 20 Jahren. Warum ist das so?

Gerstorf: Die alten Menschen sind nicht nur geistig fitter als früher, sondern auch körperlich. Sie profitieren somit von einem Anstieg der Lebenserwartung, ohne dass sie große Einbußen in der Lebensqualität hinnehmen müssen, zumindest in diesem Altersbereich. Tatsächlich unterscheidet sich im Mittel das Maß ihrer Zufriedenheit nicht von dem der 45-Jährigen. Drei bis fünf Jahre vor dem Lebensende allerdings nimmt das Glücksgefühl rapide ab.

SPIEGEL ONLINE: War das in den Neunzigerjahren anders?

Gerstorf: Tatsächlich sehen wir auch hier einen Unterschied. Heute empfinden alte Menschen die Abbauprozesse vor dem Tod schmerzlicher als früher. Da haben sie sich so lange fit gefühlt und plötzlich gibt es einen Knick.

SPIEGEL ONLINE: Woher wollen Sie so genau wissen, wie sich die Befindlichkeiten im Laufe der Zeit verändert haben?

Gerstorf: Wir haben unter anderem auf die "Berliner Altersstudie-II" zurückgegriffen. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 708 Berliner über 60 Jahren auf ihre geistige Leistungsfähigkeit getestet und nach ihrem Wohlbefinden gefragt. Diese Daten haben wir mit denen der Vorgängerstudie aus den frühen Neunzigerjahren verglichen. Mit eingeflossen sind außerdem Informationen aus dem Sozioökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, das seit über 30 Jahren repräsentative Daten über die Bevölkerung in Deutschland erhebt. Dieser historische Vergleich war nur möglich, weil die Berliner Universitäten und das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der Alternsforschung zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch untersucht, welche Rolle Einsamkeit im Alter spielt?

Gerstorf: Erste Befunde in unserer Forschung deuten darauf hin, dass das Gefühl der Einsamkeit geringer ausgeprägt ist als früher.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das erklären?

Gerstorf: Je rüstiger die Menschen sind, desto selbstständiger können sie leben. Es ist einfacher, Freunde oder Familienmitglieder zu treffen und ein soziales Netzwerk aufrecht zu erhalten. Eine immer größere Bedeutung bekommt auch das Internet.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Gerstorf: Die Gruppe der über 70-Jährigen befasst sich zunehmend mit diesem Medium. Das Internet eröffnet ganz neue Welten und ist natürlich auch eine Möglichkeit, Kontakte zu halten - selbst wenn man gebrechlich ist. Wer freut sich nicht über eine E-Mail vom Enkelkind?

Das Gespräch führte Katrin Elger.



insgesamt 10 Beiträge
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TheBear 23.03.2015
1. Zusatzfrage
Wenn Sie schreiben: "Drei bis fünf Jahre vor dem Lebensende allerdings nimmt das Glücksgefühl rapide ab. " hätte ich da eine Zusatzfrage: Wie steht es denn mit dem Glücksgefühl drei bis fünf Jahre *nach* dem Lebensende? Man hört ja, dass es im Paradies sehr langweilig sein kann, und wie es denn da mit der Internetanschluss?
Beinlausi 23.03.2015
2. ganz einfach.
Postmortal ist das ausgeglichen. Da ist man nämlich tot und somit sensorisch und was (Selbst-)Reflexion angeht eher eingeschränkt. Selbst wenn man nicht auf Seelenheilhändler gehorcht hat gibt es keinerlei Hinweise auf eigenes Unwohlsein bei toten Mitbürgern.
mielforte 23.03.2015
3. Medien, wie z.B. das Fernsehen
sind die beste Vorbereitung auf den Tod, da sie von der ständigen Selbstreflexion ablenken und die Zeit bis zum Sensenmann nicht so lang erscheinen lassen. Zynisch? Keineswegs!
competa1 23.03.2015
4. Macht..
..das Interview noch mal in 10 Jahren.Millionen Armutsrentner haben dann noch nicht mal mehr das Geld für einen Internetanschluss.Da freut man sich dann schon mit 65 Jahren auf den Tod!
markus_wienken 23.03.2015
5.
Zitat von competa1..das Interview noch mal in 10 Jahren.Millionen Armutsrentner haben dann noch nicht mal mehr das Geld für einen Internetanschluss.Da freut man sich dann schon mit 65 Jahren auf den Tod!
Ich kenne mehrere Menschen, die von Hartz4 leben, Internet haben die alle.
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