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Mitgefühl: Der kleine Unterschied im Kopf

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Psychologie Männer und Frauen fühlen anders mit

Empathie ist weiblich, Härte männlich. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht, wie eine neue Studie aus Mexiko zeigt. Auch Männer zeigen Mitgefühl, sie setzen dabei jedoch ganz andere Hirnregionen ein. Eine wichtige Rolle spielt offenbar auch die kulturelle Prägung.  
Von Nora Schultz

Ticken Frauen wirklich anders als Männer? Viele Studien gibt es zur Geschlechterfrage, viele Bücher wurden geschrieben. Als einer der markantesten Unterschiede gilt das Mitgefühl. Diese sogenannte "moralische Emotion" ist zugleich für Hirnforscher besonders interessant, da hier im Gegensatz zu primitiveren Gefühlen wie etwa der Angst eine soziale Komponente mitspielt. Beim Mitgefühl sind ganz andere Denkleistungen notwendig, etwa die Bewertung des Umgangs verschiedener Menschen miteinander.

Um die beteiligten Denkprozesse besser zu verstehen, haben Forscher von der Universidad Nacional Autonoma de Mexico in Queretaro daher Hirnscanner eingesetzt. So konnte das Team von Fernando Barrios die Aktivität verschiedener Gehirnregionen messen, während die Probanden Fotos betrachteten und ein Fingerzeichen gaben, wenn ein Bild Mitgefühl auslöste, zum Beispiel beim Anblick der Aufnahme eines schwer kranken Kindes.

Zur großen Überraschung der Forscher äußerten Männer und Frauen beim Betrachten der Bilder zwar etwa gleich häufig Mitgefühl, doch die korrespondierenden Scanbilder waren sehr unterschiedlich. "Die Aufnahmen der Frauenhirne sahen auf den ersten Blick reicher und komplexer aus, während in den Männergehirnen nur an wenigen, fokussierten Stellen Aktivität zu sehen war", sagt Barrios.

Eine genauere Analyse zeigte, dass Frauen, die gerade Mitgefühl empfinden, den Gyrus cinguli aktivieren, ein für die Empathie wichtiges Integrationszentrum, das emotional relevante Beiträge aus vielen anderen Hirnregionen für Handlungsentscheidungen zusammenführt. Bei Männern hingegen tat sich nichts in dieser Region. Stattdessen war eine Region im Scheitellappen aktiv, die eher für die Analyse verschiedener Umweltbeobachtungen zuständig ist.

Eindrücke unterschiedlich verarbeitet

"Bei Männern scheint das Mitgefühl vornehmlich als das Ergebnis einer rationalen Analyse zu entstehen und nicht als wirklich emotional geprägtes Gefühl", lautet Barrios Interpretation.

Für Mike Koenigs von der Wisconsin Universität in Madison, USA, passen die beobachteten Unterschiede in der Hirnaktivität bei Mitgefühl zu einem wachsenden Verständnis von unterschiedlichem männlichen und weiblichen moralischen Verhaltens. "Wenn man berücksichtigt, wie groß die Unterschiede auf manchen Gebieten sind - zum Beispiel bei der Gewalt - erscheint es schlüssig, dass das Gehirn moralisch relevante Eindrücke bei Männern und Frauen auch unterschiedlich verarbeitet."

Linda Rueckert von der Northeastern Illinois University warnt allerdings davor, zuviel in die Scanbilder hineinzuinterpretieren. "Die Unterschiede sind beeindruckend, aber ihre Bedeutung ist nicht eindeutig." Um die Aktivierungsmuster besser deuten zu können, müsse man prüfen, ob sich in ähnlichen Situation, wie etwa bei der Regulierung von Emotionen oder der Bildung moralischer Urteile, vergleichbare Unterschiede zeigen, ergänzt Koenigs.

Eine andere Frage, die sich den Forschern stellt, ist, ob die beobachteten Unterschiede biologisch grundsätzlich verschiedene kognitive Mechanismen bei Mann und Frau offenlegen, oder ob die Denkmuster eher erlernt sind.

Die kulturelle Prägung

Jorge Moll vom brasilianischen Neurowissenschaftenzentrum Labs D'Or in Rio de Janeiro vermutet hinter der fehlenden Aktivierung der männlichen Emotionsregionen jedenfalls eher eine kulturelle Prägung. "Wir wissen, dass die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, eine wichtige Rolle bei der Ausbildung unserer moralischen und sozial-emotionalen Überzeugungen und Reaktionen spielt. Könnte es sein, dass die stereotypen Werte mexikanischer Männer die Hirnscans erklären?"

Dies hält auch Barrios für möglich: "Gerade in konservativen Gesellschaften gibt es bis heute oft eine klare Rollenverteilung, in der Männer als Familienernährer unterwegs sind, während Frauen sich häufiger als Pflegerinnen von Kindern, Kranken und Schwachen engagieren." Es könne sein, dass sich dies in den Hirnscans widerspiegle und dass Frauen für das Mitgefühl einfach komplexere kognitive Mechanismen entwickelt hätten.

Mit einem neuen Forschungsprojekt ist er der Frage des kulturellen Einflusses genauer nachgegangen. In einer ganz ähnlich aufgebauten Studie waren Polizisten und Polizistinnen aus Mexico City die Probanden, die bei der Bekämpfung von Drogenbanden häufig mit extremer Brutalität konfrontiert werden. "Diese Polizeioffiziere haben eine besondere Ausbildung, Sozialisation und Erfahrung gemeinsam, die weitgehend unabhängig vom Geschlecht ist und die einen eher rational geprägten Umgang mit emotional belastenden Situationen fördert", erklärt Barrios.

Dazu passen die Studienergebnisse, die das Team im Juni auf dem Kongress der Organization for Human Brain Mapping in Quebec präsentieren wird: Die Aktivitätsmuster in den Gehirnen der Polizistinnen gleichen denen ihrer bei ihren männlichen Kollegen. In den Empathiezentren ist die Aktivität deutlich verringert. Ein Indiz dafür, dass Geschlechterunterschiede auch viel mit kultureller Prägung zu tun haben.

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