Psychologie Moral kommt nicht ohne Gefühl aus

Steuert der Verstand die Moral, oder hängt die Entscheidung über Richtig oder Falsch eher von den Gefühlen ab? Forscher haben jetzt Menschen mit Hirnschäden vor moralische Zwangslagen gestellt. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig Emotionen in diesen Momenten sind.


Es ist eine Situation, wie sie in Kriegen und bei ethnischen Säuberungen durchaus vorkommen könnte. Der Aufseher eines Gefangenenlagers drückt einem der Insassen eine Waffe in die Hand und stellt ihn vor eine perverse Wahl: Erschießt er ein Kind aus seinem Dorf, werden alle anderen Dorfbewohner freigelassen. Weigert er sich, werden alle erschossen.

Die Mehrzahl der realen Situationen dieser Art dürften mit dem Tod der ganzen Gruppe ausgegangen sein, da die meisten Menschen in solchen moralischen Zwickmühlen zumindest zögern - obwohl ihnen ihr Verstand sagt, welche Entscheidung rein rational die bessere wäre.

Um den Zusammenhang von Moral und Emotionen zu untersuchen, konfrontierten US-Wissenschaftler 30 Probanden mit 50 derartig kritischen Situationen. Gut die Hälfte der Testteilnehmer litt unter Hirnschäden, bei denen auch für Gefühle zuständige Areale in Mitleidenschaft gezogen waren.

Die Probanden ohne Hirnschäden hatten in den Zwickmühlen-Szenarien, bei denen es etwa um das Töten eines Kindes ging, große moralische Probleme: Einerseits hielten sie es rational für korrekt, einen Menschen umzubringen, um mehrere andere zu retten. Andererseits konnten sie aber auch das Mitgefühl für das Kind nicht ablegen.

Bei den Probanden, bei denen der für die Steuerung von Gefühlen zuständige präfrontale Cortex geschädigt war, lösten viele dieser Situationen hingegen keine derartig starken inneren moralischen Konflikte aus, beobachteten die Forscher. Die Teilnehmer betrachteten eher rational den Gesamtnutzen jeder der möglichen Entscheidungen. Waren bei den Probanden jedoch andere Hirnregionen geschädigt, verhielten sie sich durchweg ähnlich wie die Versuchsteilnehmer ohne Hirnschäden.

Der Mensch entscheide nicht nur nach persönlichen oder sozialen Normen, sondern auch nach seinen Gefühlen, schließen die Forscher um Michael Koenigs von der University of Iowa und Marc Hauser von der Harvard University im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Online-Vorabveröffentlichung). "Unsere Arbeit zeigt erstmals, welche kausale Rolle Emotionen bei moralischen Entscheidungen spielen", sagte Hauser.

hda/ddp



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