Psychologie "Tetris" soll Traumaopfern helfen

Wer Schlimmes erlebt hat, wird oft noch lange von den Erinnerungen daran heimgesucht. Forscher schlagen nun eine einfache Therapie für die sogenannten Flashbacks vor: Traumaopfer sollen "Tetris" spielen, fordern sie.


Teilnahmslosigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Ängste, Depressionen - das sind nur einige der möglichen Symptome von Menschen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden. Diese Patienten haben schlimme Erlebnisse wie Krieg, Terror, Gewalt oder Naturkatastrophen hinter sich - und ihr Körper hat Probleme damit, mit der einstigen Existenzbedrohung umzugehen. Das wiederholte Nocheinmal-Erleben des Geschehenen in Form sogenannter Flashbacks ist eines der charakteristischen Merkmale einer PTBS.

"Tetris": Begrenzte Menge von Ressourcen im Gehirn

"Tetris": Begrenzte Menge von Ressourcen im Gehirn

Britische Forscher von der University of Oxford wollen nun ein Verfahren gefunden haben, mit dem sich das Auftreten solcher Flashbacks reduzieren lassen soll. Die Forscher, die ihre Ergebnisse im Fachmagazin "PLoS ONE" vorstellen, sprechen von einer "kognitiven Impfung". Die Idee ist verblüffend simpel: Die Forscher gehen von der Prämisse aus, dass es ein Sechs-Stunden-Fenster gibt, in dem über die Speicherung von Erinnerungen im Gehirn entschieden wird. Gleichzeitig gebe es nur eine begrenzte Menge von Ressourcen, die zur Verfügung stünden. Wenn also das Gehirn unmittelbar nach dem Trauma mit einer anderen Aufgabe beschäftigt wird, die das räumliche Vorstellungsvermögen der Patienten beansprucht, dann lasse sich die Bildung der traumatischen Erinnerungen stark reduzieren - weil das Gehirn für diese unerwünschte Aufgabe schlicht keine Kapazitäten im neuropsychologischen Bereich des Arbeitsgedächtnisses mehr frei habe.

Die Forscher um Emily Holmes schlagen zur Gehirnbeschäftigung einen Computerspiele-Klassiker vor - und zwar "Tetris". Das Anordnen der stets aus vier Quadraten bestehenden Spielfiguren auf dem rechteckigen Spielfeld sei fesselnd genug, um die Aufmerksamkeit der Patienten in Anspruch zu nehmen - und sie auf diese Weise vor der schmerzhaften Wiederkehr der Erinnerung an das Erlebte zu schützen. Eine halbe Stunde "Tetris", gespielt innerhalb der entscheidenden sechs Stunden, könne die Häufigkeit von Flashbacks, die innerhalb von einer Woche auftreten, reduzieren.

Die Wissenschaftler überprüften ihre Vermutung an 40 Probanden. Diese bekamen zunächst einen zwölfminütigen Film voll mit höchst unerfreulichen Szenen zu sehen: chirurgische Operationen, tödliche Verkehrsunfälle, Ertrinken. In der Traumaforschung gelten solche Filme als brauchbares Analog zu realen Erlebnissen. Nach einer halbstündigen Pause wurden die Studienteilnehmer im Anschluss an die Filmvorführung in zwei Gruppen eingeteilt: Eine bekam keine Beschäftigung und wurde mit ihren Erinnerungen an das Gesehene allein gelassen, die zweite durfte zehn Minuten lang am Computer "Tetris" spielen.

Bei den folgenden Beobachtungen konnten die Wissenschaftler feststellen, dass in der zweiten Gruppe deutlich weniger Flashbacks auftraten als in der ersten. In früheren Experimenten hatten die Forscher bereits nachweisen können, dass bestimmte Beschäftigungen während der Vorführung eines traumatisierenden Films die negativen Erinnerungen reduzieren können - jedenfalls solange die gestellten Aufgaben keine verbale Komponente enthielten. In solchen Fällen waren Flashbacks nämlich sogar noch häufiger aufgetreten. Mit den neuen Erkenntnissen hoffen sie auf Verbesserung in der Betreuung von Traumaopfern - indem ihnen die Chance auf ein Spielchen "Tetris" gegeben wird.

chs



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