Wenn Menschen morden "Das tut man kein zweites Mal. Denken wir"

Mit 18 Jahren erschießt Karsten B. einen Nebenbuhler. Als er aus dem Gefängnis freikommt, scheint alles gut - bis er erneut mordet. Der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber hat untersucht, was "Mehrfachtöter" antreibt.
Können einige Menschen nicht anders, als zu töten?

Können einige Menschen nicht anders, als zu töten?

Foto: Thamrongpat Theerathammakorn/ EyeEm/ Getty Images

Als Frau D. die Tür öffnet, schwant ihr Übles. Vor ihr steht Karsten B. - betrunken. Er war mal ihr Nachbar, sie hatten sich manchmal getroffen, weil sich beide für Orgelmusik interessierten. Die 35-Jährige ist Kirchenmusikerin und lebt zurückgezogen, eine ernsthafte Liebesbeziehung hatte sie noch nie. Allenfalls einen freundschaftlichen Kuss hatte sie mit Karsten B. ausgetauscht. Sie bittet ihn zu gehen. Es sei schon spät, sie trägt bereits ihr Nachthemd. Doch B. will nicht gehen und überredet Frau D., ihn in die Wohnung zu lassen, nur kurz.

B. geht direkt ins Schlafzimmer, setzt sich aufs Bett, raucht eine Zigarette und will "fummeln" - wie er es später beschreibt. Frau D. wehrt sich, doch B. reißt ihr die Kleider vom Körper, missbraucht sie. Frau D. gelingt es noch davonzulaufen, doch B. holt sie ein, schlägt sie zu Boden und würgt sie. Als sie bewusstlos ist, sticht er mit einem Küchenmesser auf sie ein. Frau D. stirbt innerhalb weniger Minuten - und der 28-jährige B. ist erneut zum Mörder geworden.

"Erschreckende Gefühlskälte"

Bereits zehn Jahre zuvor hatte er einem Freund in den Kopf geschossen, um sich ungestört an eine gemeinsame Freundin heranzumachen, wie er sagt. Damals war er gerade erst 18 Jahre alt. Vor Gericht bescheinigt eine Psychologin B. eine "erschreckende Gefühlskälte" und beschreibt ihn als hoffnungslosen Fall. Trotzdem kommt er nach gut fünf Jahren Jugendstrafe frei - und mordet erneut.

"Mehrfachtöter" nennt der bekannte Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber Täter wie Karsten B. Gemeint sind Menschen, die wegen eines Tötungsdelikts im Gefängnis saßen und trotzdem nach der Entlassung erneut töten. "Das schlimmste Verbrechen, darauf die Höchststrafe, und verbüßt: Das tut man kein zweites Mal. Denken wir", schreibt Kröber in seinem vor Kurzem erschienenen Buch "Mord im Rückfall". Darin schildert er die Geschichten von 45 Mehrfachtötern, die er über Jahre hinweg gesammelt hat. (Im Interview spricht Kröber  darüber, welche Rolle der Zufall bei Morden spielt und was der Strafvollzug überhaupt bringt, wenn verurteilte Mörder danach wieder töten).

Das Phänomen ist laut Kröber bisher kaum wissenschaftlich untersucht. Im Gegensatz zu Serientätern, die erst nach mehreren Taten gefasst werden, haben sogenannte Mehrfachtöter trotz der Bestrafung durch ein Gericht erneut einen Menschen umgebracht oder es zumindest versucht. Kröber will herausfinden, warum. Denn solche Fälle bedeuten auch ein Versagen der Justiz, die eigentlich für die Resozialisierung des Täters sorgen soll.

Der Weg zum Mehrfachtöter scheint nicht gerade zu sein, sondern gleicht eher einer Buckelpiste mit mehreren Abfahrten. Karsten B. ist ein gutes Beispiel dafür. Mehrfach in seinem Leben hatte es so ausgesehen, als könnte doch noch alles gut werden.

Als er aus dem Jugendgefängnis kommt, heiratet er, arbeitet als Fuhrparkleiter bei einer Lebensmittelfabrik. B. ist beliebt, gilt als sehr gewissenhaft. Doch dann gerät die Firma in finanzielle Nöte und B. verliert seinen Job. Er beginnt zu trinken, nimmt Drogen. Nach einem Jahr findet er zwar eine neue Stelle, doch es läuft nicht gut. B. bekommt Ärger, weil er zu oft betrunken zur Arbeit kommt.

Seine Mutter brachte Freier mit nach Hause

Dass B. zunächst die festen Strukturen seines ersten Jobs verliert und wegen seiner Alkoholprobleme in seinem zweiten Job nicht dieselbe Anerkennung erfährt wie bisher, könnte entscheidend gewesen sein für seine weiteren Taten. Laut Kröber beeinflusst der soziale Rahmen, in dem sich ein Mensch bewegt, erheblich, ob jemand rückfällig wird oder nicht. "Wer vorsätzlich mit eigenen Händen tötet, weiß, dass er eine unverrückbare Grenze überschreitet", meint Kröber. Jeder Mord sei gleichbedeutend mit einem sozialen Selbstmord.

Viele der von Kröber analysierten Mehrfachtöter litten in der Kindheit unter miserablen Bedingungen. Das trifft auch auf Karsten B. zu. Seine Mutter arbeitete nachts in einer Bar, brachte manchmal Freier mit nach Hause, war oft tagelang unterwegs. B. war seinem Stiefvater ausgeliefert, der den Jungen drillte und schlug.

Als Jugendlicher riss er immer wieder aus, landete in der Frankfurter Stricherszene, mit 13 Jahren prostituierte er sich. Erst als er in ein Heim in Norddeutschland kam, fing er sich, hatte gute Noten, begann eine Ausbildung. Doch dort konnte er nicht ewig bleiben. Mit 18 Jahren zog er aus und beging kurze Zeit später den ersten Mord.

Wer wie B. in jungen Jahren einen Menschen tötet, hat laut Kröber ein höheres Risiko, erneut zum Mörder zu werden. Das Jugendstrafrecht sieht für Mord maximal zehn Jahre Gefängnis vor. Wenn die Verurteilten entlassen werden, sind sie noch immer in einem Alter, in dem Sex, Frauen und Status eine große Rolle spielen, argumentiert Kröber. Alles Faktoren, die zu einem Tötungsdelikt führen können. Im Schnitt waren die von Kröber beschriebenen Mehrfachtöter bei der ersten Tat 22 Jahre alt.

Was auch auffällt: Kröber fand bei seiner Suche nach Mehrfachtötern nicht eine einzige Frau. Theoretisch könnten zwar auch Frauen zu Mehrfachtötern werden, meint Kröber, doch unter verurteilten Mördern sind generell nur wenige Prozent Frauen. Bei Beihilfetaten sieht das anders aus: "Viele Frauen pflegen eine unheimlich große Loyalität zu nahen Verwandten und zu ihrem jeweiligen Geliebten", schreibt Kröber, "selbst wenn diese schwer kriminell sind."

Der böse Zufall

Doch nicht jeder, der eine schreckliche Kindheit erlebt oder schon in jungen Jahren einen Menschen umbringt, tötet erneut. Eine wichtige Rolle spielt laut Kröber der Zufall. Vielleicht hätte auch B. nach seinem ersten Mord ein straffreies Leben führen können, hätte es nicht diesen einen Sommertag gegeben.

Schon morgens betrinkt er sich mit einem Freund, raucht Haschisch und nimmt wohl auch LSD, sicher nachweisen ließ sich das im Nachhinein jedoch nicht mehr. Es ist derselbe Tag, an dem er Frau D. ermordet. Obwohl B. an der Wohnungstür einen Daumenabdruck hinterlässt, bleibt die Tat unaufgeklärt. B. scheint davonzukommen.

In den darauffolgenden Monaten malträtiert er seine Frau, schlägt und tritt sie. Eine Bekannte würgt er bis zur Bewusstlosigkeit. Danach will er sie vergewaltigen, bekommt aber keine Erektion. Für die Tat wird er zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, obwohl er die Frau in die "Nähe des Todes gebracht hat", wie es im Urteil heißt.

B. will nicht aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden

Als seine Ehe endgültig zerbricht, begeht er seinen dritten Mord - an Heiligabend. B. hatte sich für die Feiertage schon mit Bier und Drogen eingedeckt, als er auf die Idee kam, die Oma seiner Frau zu besuchen. "Was sich dann im Einzelnen ereignete, konnte das Gericht später nicht mehr aufklären", schreibt Kröber. Fest stehe aber, dass B. der damals 76-Jährigen Verletzungen im Kopf-, Brust- und Vaginalbereich zugefügt hatte und sie zu Tode würgte. Und wieder kommt er davon, weil er aufgrund einer falsch zugeordneten Blutgruppe als Täter ausgeschlossen wird.

Gut zwei Jahre nach dem dritten Mord hat B. sein Leben wieder im Griff - wieder scheint es, als könne er doch noch ein straffreies Leben führen. Der 32-Jährige hat wieder eine Freundin, will einen Alkoholentzug machen. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Anzeige
Kröber, Hans-Ludwig

Mord im Rückfall: 45 Fallgeschichten über das Töten

Verlag: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Seitenzahl: 247
Für 14,95 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Der Fingerabdruck aus der Wohnung der ermordeten Kirchenmusikerin hatte die Polizei doch noch zu Karsten B. geführt - elf Jahre nach der Tat. Er wird zu 14 Jahren Haft verurteilt. Als B. bereits mehr als die Hälfte der Strafe abgesessen hat und hoffen kann, vorzeitig freizukommen, wird ihm auch der Mord an der Großmutter seiner Ex-Frau nachgewiesen, 17 Jahre nach der Tat. B. wird erneut wegen Mordes verurteilt, diesmal mit anschließender Sicherungsverwahrung.

"Dass ihn die Strafe für die Taten in Abständen ereilt hat, hat ihn endgültig gebrochen", schreibt Kröber. "Er erklärt bei jedem Anhörungstermin, er wolle nicht aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden."

Zusammengefasst: Der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber beschreibt in seinem aktuellen Buch 45 Fälle von Mehrfachtötern. Gemeint sind Totschläger und Mörder, die nach einer verbüßten Haftstrafe erneut einen Menschen umbrachten oder es versuchten. Die Täter sind ausschließlich Männer. Viele von ihnen erlebten eine schreckliche Kindheit und waren bei ihrem ersten Tötungsdelikt noch jung. Oft entschieden jedoch Zufälle wie Jobverlust oder Trennungen, ob einer der Täter rückfällig wurde. Sozialprognosen sind laut Kröber deshalb schwierig.