Psychologie Warum wir gewalttätig werden

5. Teil: Was macht gewalttätig – Milieu oder Gen?


Ein Entweder-oder gibt es in dieser Frage nicht. "Das Gehirn eines Verbrechers war nicht von Anfang an auf Gewalt programmiert", sagt Hans Markowitsch, Neuroforscher an der Universität Bielefeld. Vielmehr entwickle sich ein mehr oder minder starker Hang zu gewalttätigem Handeln durch Einflüsse der Umwelt – allerdings in Abhängigkeit davon, wie fruchtbar die genetische Ausgangslage ist.

Wie impulsiv der Einzelne handelt und wie stark seine Selbstkontrolle ist, entscheidet das Zusammenspiel vieler Hirnregionen, die Markowitsch und seine Kollegen immer besser verstehen: Ein liebevoller Umgang mit dem kleinen Kind, zärtliche Berührungen lösen im jungen Stirnhirn Signale aus, die an die Zentralstelle der Emotionsverarbeitung weitergegeben werden. Dort dämpft der Botenstoff Oxytocin Ängste vor sozialen Begegnungen, setzt ein Belohnungssystem in Gang und verhindert, dass Stresshormone freigesetzt werden.

Ein weiterer Mitspieler in dem komplexen System der Gefühls- und Aggressionskontrolle ist ein Netzwerk von Nervenzellen, die über den Botenstoff Serotonin kommunizieren. Serotonin hemmt impulsives Verhalten. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht oder ist eines der anderen Elemente fehlgesteuert, kann sich dies auf das gesamte Verhalten auswirken. Bekannt ist, dass all diese Mechanismen besonders sensibel auf Stress am Lebensbeginn reagieren: Frühe Kindheitserlebnisse wie Vernachlässigung durch Eltern, Misshandlung und Familienkonflikte prägen die Entwicklung der beteiligten Schaltkreise. Das zeigt eine Studie an 18 adoptierten Kindern, die bis zu dreieinhalb Jahre nach ihrer Geburt in einem Waisenhaus gelebt und dort wenig Zuwendung erhalten hatten. Obwohl sie im Durchschnitt bereits drei Jahre in ihrer Adoptivfamilie lebten, produzierten sie weniger Bindungshormon Oxytocin, wenn sie von ihrer Mutter liebkost wurden. Sie erlebten soziale Kontakte somit weniger positiv als Kinder aus stabilen Familienverhältnissen. Ist das Belohnungssystem für soziale Kontakte weniger gut entwickelt, können Menschen sich schlechter in andere hineinversetzen und geraten leichter in Stresssituationen. In Rattenversuchen haben Forscher gezeigt, dass sich Stress und aggressives Verhalten gegenseitig verstärken.

Deutlich antisozial bis gewalttätig wird der Mensch vor allem dann leicht, wenn die genetische Veranlagung und negative Einflüsse seiner Umgebung sich – meist nach gegenseitigem Wechselspiel – addieren. Wie das Psychologen-Ehepaar Avshalom Caspi und Terrie Moffitt an männlichen Probanden einer multidisziplinären Langzeitstudie zeigen konnte, benahmen sich etwa 80 Prozent der Untersuchten als Erwachsene asozial und mehr als 30 Prozent gewalttätig, wenn sie in ihrer Kindheit misshandelt worden waren und zugleich eine sehr gering aktive Form eines bestimmten Gens geerbt hatten. Bei ebenfalls misshandelten Jungen mit einer aktiveren Genvariante lagen diese Anteile nur bei knapp 35 und 20 Prozent. Bei dem Gen handelt es sich um den Produktionscode für das Enzym MAO-A, das die neuronalen Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin abbauen und dadurch deren Zusammenspiel regulieren kann. Je aktiver das Gen, desto weniger Botenstoffe insgesamt sind im Umlauf: weniger Leistungs-, Belohnungs-, Motivationsschübe, die im kritischen Moment gehemmt werden müssten.

"Vermeintliche Exaktheit" nennt Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld solche Ergebnisse. Nach seinem Modell werden Menschen vor allem dann gewalttätig, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen. Wer sozial schlecht eingebunden ist, keine Chance auf Arbeit, keinen Zugang zu Bildung, öffentlich keine Stimme hat, wird nicht wahrgenommen und anerkannt. Gewalt aber wird wahrgenommen, erzielt Reaktionen – und ist somit ein effektives Mittel. Schließen sich solche Gleichgesinnten zusammen, wird Gewalt auch legitimes Mittel, und der Einzelne muss laut Heitmeyer zu immer härterer Gewalt greifen, um seine Stellung in der Gruppe zu wahren. Das damit einhergehende neuronale Geschehen lässt sich allerdings kaum so leicht finden wie allgemein zugrunde liegende Hirnmechanismen. Clara Steffens



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