Psychologie Warum wir gewalttätig werden

Gewalt fasziniert, sie stößt ab, sie stellt Menschen vor große Rätsel. Ist sie so menschlich wie Sex oder Hunger? Lässt sie sich durch Erziehung beenden? Psychologen, Biologen und Mediziner finden immer genauere Antworten auf solche Fragen - ein Überblick zeigt ihre wichtigsten Erkenntnisse.

Der Streit schwelt. Ist die Neigung zur Gewalt eine feste anthropologische Größe wie Hunger oder Sexualtrieb? Oder bietet sie nur eine Option im Kosten-Nutzen-Kalkül des Eigeninteresses – kann der Mensch also theoretisch gewaltlos leben? Für beides gibt es Argumente. Ein Blick auf den Stand der Forschung.

Das faszinierende Gesicht des Schreckens


Die große Warum-Gewalt-Frage beschäftigt Forscher seit altersher, und eines steht mittlerweile fest: Ob er sie ablehnt oder nicht, Gewalt fasziniert den Menschen – ein Gefühl zwischen Abscheu und Lust. Während dieses Gefühl auf männliche Probanden, zum Beispiel unter Kampfsportzuschauern oder Computer-Ballerspielern, stimulierend und leistungssteigernd wirkt, löse es bei Frauen eher Stress aus, sagt der Psychologe Richard Tafalla von der University of Wisconsin-Stout. Gemeinsam ist Mann und Frau jedoch, dass der Anblick von Gewalt die Herzrate erhöht, wie der amerikanische Psychologe Craig Anderson feststellte, also allgemein erregt.

Gewalt macht Menschen an, ähnlich wie Fallschirmspringen. Glaubt man Historikern, haben öffentliche Hinrichtungen und Zweikämpfe die Unbeteiligten seit jeher bestens unterhalten. Denn mit ihrer erregenden Wirkung motiviert Gewalt den dramaturgischen Verlauf von Inszenierungen, gibt Konflikten ein Gesicht und fesselt das Publikum – sie ist das Gegenteil von Langeweile. Man weiß dies auch von Tätern völlig sinnloser Verbrechen, die bloß physiologisch untererregt waren: Gewalt macht Anspannungen, Konflikte oft überhaupt erst gegenständlich – in der Realität wie in Filmen und allen Gleichnissen des Lebens, angefangen beim Alten Testament.

Damit stellt jeder Gewaltakt immer die Frage nach dem eigenen Sinn. Entsprechend haben Psychologen festgestellt, dass inszenierte Gewalt besonders dann angenehm erregt, wenn sie nicht detailgetreu dargestellt, sondern in eine höhere Aussage eingebettet ist und vorhersagbar auf eine gerechte Lösung hinausläuft. Es seien vor allem übergeordnete Botschaften, die das Publikum fesselten, bestätigt auch der Medienforscher Peter Vorderer von der University of Southern California in Los Angeles: Gewalt im Fernsehen rege dazu an, in die Figuren zu schlüpfen. Eine Funktion, vergleichbar jener der Kindermärchen und schon der ältesten Weltentstehungsmythen: Anhand deren Bildern spielen Menschen eigene, über Kulturgrenzen hinweg universelle Konflikte und Erfahrungen durch, wie der Psychologe Norbert Bischof analysiert hat.

Führen deshalb bereits Kinder Kriege mit Plastikspielfiguren: um Konflikterfahrungen zu begreifen? Viele schlichtere Antworten auf die Frage, warum Menschen von Gewalt angetan sind, haben Psychologen jedenfalls ad acta gelegt. So etwa die Vermutungen, Menschen seien aus sadistischen Neigungen heraus, oder weil sie sich besonders klein fühlten, von mächtigen Täterfiguren fasziniert. Zum einen gibt es nur wenige Sadisten, selbst schwere Gewalttäter zählen sich in Befragungen selten dazu. Zum anderen verfügt, wer Gewalt besonders mag, meist über ein großes Ego, wie der Sozialpsychologie Roy Baumeister von der Florida State University festgestellt hat.

Spielen Menschen also gern Konflikte durch, um sie nicht tatsächlich austragen zu müssen? Auch diese These gilt als widerlegt. So wies der Psychologe Edward Donnerstein von der University of Arizona nach, dass Männer durch den Konsum von Gewaltpornos aggressiver werden: Sie bestraften in Versuchen andere Menschen mit extrastarken Stromschlägen. Das Spiel mit der Gewalt hat also schlicht eine anregende Wirkung – und die ernährt, lange nach den letzten Gladiatorenkämpfen, eine ganze Industrie: "Fünf Gewaltakte pro Stunde" fand der Medienpsychologen Uli Gleich von der Universität Landau in deutschen TV-Programmen – ein Durchschnitt, der auch für das US-Fernsehen gilt, sagen Forscher, die dies seit mehr als 40 Jahren beobachten. Drei von vier Primetime-Formaten sind demnach gewalthaltig, 1967 wie heute, denn Gewalt regt an – mindestens zum Weiterglotzen. Nikolas Westerhoff

Nicht nur Männersache

Ohne Männer gäbe es kaum Prügel. "Die Geschlechterunterschiede in der körperlichen Gewaltauslebung sind so groß, dass sich die Forschung jahrelang nur mit Männern beschäftigt hat", sagt Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der FU Berlin. Doch zunehmend wird klar: Auch Frauen üben nicht bloß verbale Gewalt aus. "Je mehr Aufmerksamkeit wir dem Phänomen widmen, desto häufiger erkennen wir es", sagt Scheithauer. Wie häufig sich Gewalt in der Ehe gegen Männer richtet, sehen Experten erst, seit Männer sich zur Opferrolle bekennen. Dass Frauen insgesamt seltener draufhauen, habe ohnehin kaum organische Ursachen, so Scheithauer. Am Testosteron liege es gewiss nicht, wie zahlreiche Studien belegten. Die Unterschiede seien vielmehr kulturell bedingt. So nimmt auch die Zahl der Schlägereien zwischen Mädchen neuerdings zu, weil "wir heute mehr weibliche Gewalt tolerieren". Christina Berndt

Eine Frage der Erziehung

Zornibold ist wütend, sein Gesicht eine Grimasse. Sobald es irgendwo Streit gibt, mischt er sich ein. Denn Zornibold, eine Marionette der Augsburger Puppenkiste, hat eine pädagogische Mission: Als Teil des Gewaltpräventionsprogramms Papilio soll der Kobold Kindern ab vier Jahren helfen, eigene Emotionen und die der Mitmenschen zu erkennen. "Kinder schlagen häufig nur deshalb zu, weil sie eine Situation nicht deuten können. Das verunsichert, und dann wissen sie sich nicht anders zu äußern. Deshalb bringen wir Kindern bei, Gefühle zu erkennen und darüber zu sprechen", sagt Heidrun Meyer, Leiterin des Augsburger Beta-Instituts für angewandtes Gesundheitsmanagement, Entwicklung und Forschung in der Sozialmedizin, die Papilio mitentwickelt hat.

Einige Stunden Kindergarten pro Tag können jedoch die Erziehung eines Kindes kaum beeinflussen, wenn nachmittags die Vorbildrolle der Eltern nicht stimmt. "Wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen, damit sie unser Programm fortsetzen und sich stärker des eigenen Verhaltens bewusst werden", sagt Meyer. Besonders zwei Gruppen von Eltern hat sie dabei im Sinn: Die inkonsequenten, die durch wechselnde, unklare Regeln das Kind verunsichern und ihm dadurch Entscheidendes verwehren: "Nur wenn ein Kind verlässlich abschätzen kann, welche Folgen sein Handeln hat, wird es sich an Regeln halten. Jeder Mensch möchte Kontrolle über sein Handeln und dessen Folgen haben. Sonst fühlt man sich hilflos und fremdbestimmt, was auf Dauer frustriert – und daraus kann leicht Gewaltbereitschaft wachsen", sagt Franz Petermann von der Universität Bremen.

Gruppe zwei sind die Eltern jener Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden. 150.000 Kinder sind pro Jahr in Deutschland betroffen. Wer als Kind von den Eltern geschlagen wurde, hat ein mehr als vierfach höheres Risiko, später kriminell zu werden als gewaltfrei erzogene Kinder, hat Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, in einer Studie ermittelt. Hirnforscher in Harvard liefern dafür eine mögliche Erklärung: Menschen, die in der Kindheit elterliche Gewalt erlitten, zeigen ein vermindertes Hirnwachstum – auch jener Areale, in denen Empathie entsteht. Anstelle von Mitgefühl lernen sie, dass man durch Schläge andere dominieren kann. "Und Macht ist eine enorme Bestärkung gewalttätigen Verhaltens", sagt Petermann. Zugleich erfährt das Kind, dass den Eltern selbst ihr Verhalten nicht schadet. Katrin Blawat

Was macht gewalttätig – Milieu oder Gen?

Ein Entweder-oder gibt es in dieser Frage nicht. "Das Gehirn eines Verbrechers war nicht von Anfang an auf Gewalt programmiert", sagt Hans Markowitsch, Neuroforscher an der Universität Bielefeld. Vielmehr entwickle sich ein mehr oder minder starker Hang zu gewalttätigem Handeln durch Einflüsse der Umwelt – allerdings in Abhängigkeit davon, wie fruchtbar die genetische Ausgangslage ist.

Wie impulsiv der Einzelne handelt und wie stark seine Selbstkontrolle ist, entscheidet das Zusammenspiel vieler Hirnregionen, die Markowitsch und seine Kollegen immer besser verstehen: Ein liebevoller Umgang mit dem kleinen Kind, zärtliche Berührungen lösen im jungen Stirnhirn Signale aus, die an die Zentralstelle der Emotionsverarbeitung weitergegeben werden. Dort dämpft der Botenstoff Oxytocin Ängste vor sozialen Begegnungen, setzt ein Belohnungssystem in Gang und verhindert, dass Stresshormone freigesetzt werden.

Ein weiterer Mitspieler in dem komplexen System der Gefühls- und Aggressionskontrolle ist ein Netzwerk von Nervenzellen, die über den Botenstoff Serotonin kommunizieren. Serotonin hemmt impulsives Verhalten. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht oder ist eines der anderen Elemente fehlgesteuert, kann sich dies auf das gesamte Verhalten auswirken. Bekannt ist, dass all diese Mechanismen besonders sensibel auf Stress am Lebensbeginn reagieren: Frühe Kindheitserlebnisse wie Vernachlässigung durch Eltern, Misshandlung und Familienkonflikte prägen die Entwicklung der beteiligten Schaltkreise. Das zeigt eine Studie an 18 adoptierten Kindern, die bis zu dreieinhalb Jahre nach ihrer Geburt in einem Waisenhaus gelebt und dort wenig Zuwendung erhalten hatten. Obwohl sie im Durchschnitt bereits drei Jahre in ihrer Adoptivfamilie lebten, produzierten sie weniger Bindungshormon Oxytocin, wenn sie von ihrer Mutter liebkost wurden. Sie erlebten soziale Kontakte somit weniger positiv als Kinder aus stabilen Familienverhältnissen. Ist das Belohnungssystem für soziale Kontakte weniger gut entwickelt, können Menschen sich schlechter in andere hineinversetzen und geraten leichter in Stresssituationen. In Rattenversuchen haben Forscher gezeigt, dass sich Stress und aggressives Verhalten gegenseitig verstärken.

Deutlich antisozial bis gewalttätig wird der Mensch vor allem dann leicht, wenn die genetische Veranlagung und negative Einflüsse seiner Umgebung sich – meist nach gegenseitigem Wechselspiel – addieren. Wie das Psychologen-Ehepaar Avshalom Caspi und Terrie Moffitt an männlichen Probanden einer multidisziplinären Langzeitstudie zeigen konnte, benahmen sich etwa 80 Prozent der Untersuchten als Erwachsene asozial und mehr als 30 Prozent gewalttätig, wenn sie in ihrer Kindheit misshandelt worden waren und zugleich eine sehr gering aktive Form eines bestimmten Gens geerbt hatten. Bei ebenfalls misshandelten Jungen mit einer aktiveren Genvariante lagen diese Anteile nur bei knapp 35 und 20 Prozent. Bei dem Gen handelt es sich um den Produktionscode für das Enzym MAO-A, das die neuronalen Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin abbauen und dadurch deren Zusammenspiel regulieren kann. Je aktiver das Gen, desto weniger Botenstoffe insgesamt sind im Umlauf: weniger Leistungs-, Belohnungs-, Motivationsschübe, die im kritischen Moment gehemmt werden müssten.

"Vermeintliche Exaktheit" nennt Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld solche Ergebnisse. Nach seinem Modell werden Menschen vor allem dann gewalttätig, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen. Wer sozial schlecht eingebunden ist, keine Chance auf Arbeit, keinen Zugang zu Bildung, öffentlich keine Stimme hat, wird nicht wahrgenommen und anerkannt. Gewalt aber wird wahrgenommen, erzielt Reaktionen – und ist somit ein effektives Mittel. Schließen sich solche Gleichgesinnten zusammen, wird Gewalt auch legitimes Mittel, und der Einzelne muss laut Heitmeyer zu immer härterer Gewalt greifen, um seine Stellung in der Gruppe zu wahren. Das damit einhergehende neuronale Geschehen lässt sich allerdings kaum so leicht finden wie allgemein zugrunde liegende Hirnmechanismen. Clara Steffens

Sex und Aggression

Der Mensch verbindet Sexualität unter seinesgleichen gemeinhin mit Zärtlichkeit. Dass die geschlechtliche Fortpflanzung in aller Natur jedoch auch von Kämpfen und Gewalt bestimmt wird, belegen längst nicht nur Tiere wie die Leguane auf den Galapagos-Inseln. Vor den Augen des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt rauften zuerst die Männchen untereinander um die Weibchen, dann setzten die Siegreichen ihre Drohstrategie auch beim Sex um. War ein Weibchen beeindruckt, kauerte es sich in Demutshaltung flach auf den Boden und wurde vom Männchen mit einem Klammerbiss in den Nacken umhergeschleift, bevor es zur Kopulation kam.

Glaubt man Evolutionspsychologen, ist die menschliche Verwunderung darüber nur die Folge einer anderen, irgendwann in der Menschheitsgeschichte erfolgreicher gewordenen Reproduktionsstrategie: Nachwuchs zeugt heute vor allem der Menschenmann, der sich als Versorger präsentiert und die Frau mit Brutfürsorge-Gesten umwirbt. Die unromantische, aggressive Strategie ist älter, hat sich aber in Anpassung an bestimmte Lebenssituationen als zweite mögliche Methode bis heute erhalten: "Selbst Vergewaltigung ist ein Mittel, um die eigenen Gene weiterzugeben", sagt Harald Euler, Evolutionspsychologe an der Universität Kassel. So beobachten Anthropologen noch immer, dass Jäger- und Sammlergesellschaften in Papua-Neuguinea ständig Kriegszüge gegen Nachbarstämme organisieren. Die Beute? "Neben Territorium sind das stets Frauen", sagt Euler.

Die wichtigsten Anlässe für gewaltsame Wege zum Liebesakt seien Rivalenangelegenheiten, sagt Euler. Vermutlich über diesen Zusammenhang hat sich Sexualität im Laufe der Menschheitsgeschichte mit Gewalt verknüpft, was erklären könnte, warum auch beim zivilisierten Menschen Fortpflanzung und Gewalt, Sex und mehr oder minder spielerische Dominanz wie Unterwerfung, so eng beieinander liegen. "Besonders beim Verlust oder drohenden Verlust des Sexualpartners reagiert der Mensch mitunter gewalttätig", sagt Wolfgang Berner vom Institut für Sexualforschung am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Und allgemein gelte: Gewalttätigkeit sei meist eine Reaktion auf (sexuelle) Misserfolge. Obwohl auch Sexvorlieben wie der Sadismus ihre Wurzeln in Niederlagen hätten, allerdings in früher Kindheit erlebten, trennen Psychologen solche Paraphilien von evolutionär erklärbaren Gewaltliebesakten. Sebastian Herrmann

Menschheitstrend: Friedfertigkeit

Viele Forscher bestreiten, dass es einen Aggressionsinstinkt gibt, der sich automatisch anstaut und Bahn bricht. Gewalt ist im gesamten Tierreich eher eine Option, die einem Kosten-Nutzen-Kalkül folgt. So kann es umgekehrt auch manchmal von Eigeninteresse sein, zu kooperieren. In jeder Regung der Hilfsbereitschaft, auch wenn sie subjektiv aufrichtig empfunden wird, steckt nach Ansicht von Evolutionspsychologen solch ein reziproker Altruismus – und Gewalt ist die andere Seite dieser Medaille. So zeigten Forscher jüngst in einer Computersimulation, in der virtuelle Gruppen prähistorischer Krieger gegeneinander antreten: Am erfolgreichsten waren stets Gruppen, die im Inneren hilfsbereit und nach außen aggressiv auftraten. Aus der Evolutionsgeschichte folgt somit zweierlei: Es ist unwahrscheinlich, dass Menschen sich je in völlig friedfertige Wesen verwandeln. Können sie ihre Interessen aber friedlich durchsetzen, verzichten sie gern auf Gewalt – und tun dies langfristig tatsächlich. Ein Beispiel: In England gab es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa 0,6 Morde auf 100.000 Tote, im 14. Jahrhundert waren es 24. Und die beiden Weltkriege? Anthropologen haben nachgezählt: Hätten die Kriege des 20. Jahrhunderts prozentual ähnlich große Bevölkerungsteile das Leben gekostet wie frühe Stammeskriege, dann hätte es zwei Milliarden Tote gegeben statt hundert Millionen. Christian Weber

Gewalttäter auf Droge

Verbrecher rasen in ihren Fluchtautos so todesverachtend durch die Berliner Innenstadt, dass die verfolgende Polizei nicht lange dranbleiben kann. Andere werden gestellt, wehren sich jedoch mit Fäusten und Tritten gegen Festnahmen, spüren weder Pfefferspray noch Hebelgriffe. "Supermann"- oder "Amok-Droge" heißt in Zeitungsberichten, was in den vergangenen Jahren einen seltsamen Tätertypus in Deutschland hervorgebracht hat: junge Männer, die sich mit dem Schmerztherapeutikum Tilidin eine Art "chemischer Rüstung" anlegen, wie der Mediziner Jakob Hein von der Berliner Charité sagt.

Tilidinhaltige Präparate kommen für gewöhnlich nach Operationen sowie bei Rheuma- und Krebspatienten zum schmerzstillenden Einsatz. Ähnlich gezielt werden sie aber auch illegal eingenommen, um zum Beispiel Gewalttaten begehen zu können – und das nicht gerade selten: 2480 gefälschte Rezepte wurden im vergangenen Jahr allein der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin bekannt. Hinzu kamen Überfälle und Einbrüche in Apotheken.

Tilidin wirkt zwar nicht aggressivitätssteigernd, wie Jakob Hein betont, doch es kann aggressive Täter völlig entfesseln: Sie verlieren die hemmende Aussicht auf Gegenwehr und andere schmerzhafte Folgen ihres Handelns. Verantwortlich dafür ist der Mechanismus, den Tilidin im Körper in Gang setzt: Die Leber verstoffwechselt es zu einem noch stärkeren, morphinartigen Stoff, dem Nortilidin. Dieser dockt an Rezeptoren im Nervensystem an und blockiert die Weiterleitung von Schmerzreizen. Philip Wolff

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