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02. April 2004, 09:50 Uhr

Psychologie

Was man sieht, ist relativ

Mann oder Frau - die Geschlechterzuordnung fremder Gesichter verändert sich sehr schnell. Ob ein Gesicht eher als männlich oder eher als weiblich wahrgenommen wird, hängt von den kurz zuvor gesehenen Gesichtern ab.

Neutrales Gesicht: Die Zuordnung hängt davon ab, was man zuvor gesehen hat
University of Nevada

Neutrales Gesicht: Die Zuordnung hängt davon ab, was man zuvor gesehen hat

Wie schnell sich die Grenzen zwischen den Kategorien Mann und Frau verschieben können, zeigten nun Psychologen von der Universität von Nevada in Reno. Die Wissenschaftler hatten am Computer Gesichter erzeugt, die Merkmale beider Geschlechter enthielten.

Sie kombinierten ein Frauen- und ein Männergesicht zu Kunstpersonen mit Anteilen beider Geschlechter. Indem sie diese Anteile schrittweise veränderten, schufen die Psychologen eine ganze Serie von Gesichtern, die einen allmählichen Übergang von männlich zu weiblich darstellten. Studenten, die angeben sollten, welches dieser Gesichter etwa zur Hälfte männlich und weiblich war, entschieden sich stets für dasselbe Gesicht, schreiben Michael Webster und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 428, S. 557).

Das änderte sich jedoch, als ihnen unmittelbar vor der Beurteilung der Kunstgesichter zunächst nur das Frauengesicht gezeigt wurde. Jetzt erschien ihnen das zuvor als androgyn eingeordnete Bild als männlich. Wurde zuerst ein Männergesicht präsentiert, war es genau umgekehrt: Die Studenten erkannten in dem Mischwesen eine Frau. Offensichtlich werden neue Gesichter vor allem aufgrund der Abweichung von Bekanntem beurteilt, folgerten die Wissenschaftler.

Testbilder: Übergänge männlich-weiblich, kaukasisch-japanisch und angewidert-überrascht
University of Nevada

Testbilder: Übergänge männlich-weiblich, kaukasisch-japanisch und angewidert-überrascht

Dasselbe Prinzip fanden Webster und seine Kollegen auch bei der Einordnung in die Kategorien japanisch oder europäisch, angewidert oder überrascht. Die Psychologen vermuten, dass sich das Gehirn an die Gesichter gewöhnt, die regelmäßig gesehen werden. Deren Merkmale führen nicht zu einer erhöhten Nerventätigkeit. Tauchen aber wesentliche Abweichungen vom Durchschnitt auf, finden diese erhöhte Aufmerksamkeit.

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