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19. November 2009, 17:05 Uhr

Psychologie

Wenn Geld als Belohnung versagt

Wenn Lohn, Gehalt und Prämien nicht alles sind - was dann? Sind Anerkennung, Selbstwert und Selbstachtung etwa wichtiger? Der Cottbuser Philosoph Klaus Kornwachs entwirft in einem Essay eine Gesellschaft ohne den Gedanken einer finanziellen Belohnung.

Die Volksseele kocht: Da wird eine Mitarbeiterin wegen eines Mundraubs von Bouletten rechtswirksam gekündigt, während der Bankmanager erfolgreich seinen Bonus aus genau dem Jahr einklagt, als er die Bank in den Sand gesetzt hat. Dies erscheint himmelschreiend ungerecht und zeigt, dass eine Diskussion über einen gerechten Lohn notwendig ist. Jedoch ist Gerechtigkeit in den meisten Fällen viel schwerer auszumachen als in diesem plakativ konstruierten Szenario, zumal die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen dem Arbeitnehmerentgelt seit langem davonlaufen.

Wofür wird man denn entlohnt, für die Bemühung oder für das Ergebnis einer Arbeit? Wofür, wenn Löhne, wie Statistiker herausgefunden haben, zuweilen von der Körpergröße abhängen? Die Arbeitsverhältnisse beginnen sich überwiegend in Richtung Werkvertrag zu bewegen: Das Ergebnis, nicht die Bemühung zählt. Oberflächlich gesehen spielt ein gewisser Ausgleichsgedanke eine Rolle, wenn man Lohn als Tausch für das Produkt aus Arbeitszeit und Arbeitsintensität ansieht.

Dann kann wohl etwas mit den Managergehältern nicht stimmen - oder die Idee der Äquivalenz von Arbeitsleistung und Lohn gilt nur bei niedrigen Löhnen. Denn eine einfache Rechnung zeigt, dass dann bei den gängigen Vergütungen und Berücksichtigung einer längeren Arbeitszeit die Arbeitsintensität eines Managers um das fast 200-fache höher liegen müsste als die eines normalen Arbeitnehmers. Hier haben wir es wohl eher mit einer Apanage für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als mit Entlohnung zu tun.

Nun kann man sich ja ernsthaft fragen, wofür man morgens aufsteht und weshalb man nicht einfach liegen bleibt. Es hat sich schon herumgesprochen: Den homo oeconomicus als Idealvorstellung gibt es nicht. Die auf rein monetäre Aspekte reduzierte ökonomische Rationalität ist, zumindest auf der Ebene des individuellen Handelns, eine hartnäckige Illusion. Wo bleibt das nur auf Geld fixierte Wirtschaftssubjekt, wenn Geld nicht mehr wichtig ist? Wo liegen die Grenzen des eigenen Vorteils? Ab wann kann sich dieses Wirtschaftssubjekt morgens im Spiegel nicht mehr anschauen? Kann man Moralität mit wirtschaftlichen Vorteilen verrechnen? Wie steht es um Altruismus, ohne den eine Gesellschaft nicht stabil bleiben kann? Es ist eine alltägliche gesellschaftliche und ökonomische Erfahrung: Ohne Vorleistung an Vertrauen und Kooperation geht nichts. Wie steht es mit den Affekten und Gefühlen, die unser Handeln ebenso mitbestimmen wie angeblich rationale Entscheidungsprozesse?

Es geht also nicht nur um Geld und Lohn, sondern um Anreiz- und Belohnungssysteme, die in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft im Laufe der Zeit entwickelt worden sind und die im großen Ganzen nicht so richtig zu funktionieren scheinen. Ein Belohnungssystem bringt die Antworten auf die Frage: "Wer wird durch wen mit was wofür belohnt?" in eine Beziehung zueinander. Diese Beziehungen scheinen verschoben: Man denke an die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Welten der öffentlichen Verwaltung und des Unternehmertums, an unser aller Streben nach Anerkennung, das oftmals durch die Gier nach Aufmerksamkeit ersetzt wird, oder an die Ausrichtung der Wissenschaft auf ein Business mit Umsatzbeteiligung.

Hier kommen sich unterschiedliche Belohnungssysteme, die in ihren jeweiligen eigenen Bereichen vielleicht ganz gut funktionieren, gegenseitig ins Gehege. Wenn Politik die Wissenschaft zu usurpieren versucht, diese ihre zum Teil dann falsch verstandenen Maßstäbe in die Medien transportiert, Bildung zur Ausbildung herunterökonomisiert wird, Wissenschaft von Klasse auf Masse getrimmt wird, und die Wirtschaft nur noch von rechtlichen Vorgaben und die Technikentwicklung allein von der Laune finanzieller Investoren abhängig werden - dann haben wir das Gefühl, dass da etwas falsch läuft.

Boni sind Geschwindigkeitsanzeiger der Krise

Belohnungen sind etwas anderes als Lohn, sie gehen über die Pflicht und Schuldigkeit der Entlohnung hinaus. Es geht, im Gegensatz zum Lohn, nicht um einen Tausch für eine Leistung oder mit Arbeit verbrachte Zeit, sondern um etwas, worauf man eigentlich keinen Anspruch hat. Belohnung wird gewährt oder verweigert, und ihre Funktion ist nicht die Kompensation für Mühen, Aufwendungen oder Leistungen. Ihre Gewährung wie ihr Ausbleiben und noch stärker ihre Erwartung fördern bestimmte - zuweilen riskante - Verhaltensweisen. Deshalb sind Boni auch nicht mit Arbeitslohn zu verwechseln.

Die Diskussion um die Boni in der Finanzwirtschaft hat zwar schlagartig die seltsamen und undurchsichtigen Usancen dieser Branche zum öffentlichen Thema gemacht. Die Boni sind aber nicht die Ursache der Krise, sondern lediglich ihr Geschwindigkeitsanzeiger. Die Gehälter und Boni der Manager und Banker eignen sich zwar zum wohlfeilen neidischen Diskurs, aber sie stellen als monetäre Seite unserer Belohnungssysteme lediglich die sichtbare Materie der wirtschaftlichen Welt dar.

Die nichtmonetären Belohnungen, wie die Erfüllung von Affekten, Selbstachtung oder Anerkennung, wären dann gleichsam wie die dunkle, nicht sichtbare Materie, eine noch nicht fassbare Größe im "Kosmos" der Wirtschaft. So wie man in der Physik mit dieser dunklen Materie noch nicht rechnen kann, haben die Wirtschaftswissenschaftler analog dazu mit der "dunklen Materie" der nichtmonetären Belohnungen bisher ebenfalls nicht gerechnet. Diese Art von Belohnung hat offensichtlich eine massive, steuernde Wirkung, die beobachtbar sein müsste.

Wer belohnen kann, hat massiven Einfluss auf den Empfänger der Belohnung. Wenn aber Lohn, Gehalt und Prämien nicht alles sind - was dann? Ein kleiner Ausflug in die Psychologie der Belohnung lehrt, dass das Ich und seine Weisen der Belohnung anders strukturiert sind als die Idee des geldlichen Ausgleichs - Anerkennung, Selbstwert und Selbstachtung schlagen Geldangebote um Längen. Solche Belohnungen sind affektbeladen - das wusste schon Spinoza in seiner Ethik und benannte bereits 48 solcher Affekte.

Rache, Genuss und Schönheit

Sind die Anreize falsch, läuft das Verhalten der Menschen in falsche Richtungen. Belohnungen wie Macht, Unabhängigkeit, Erkenntnis, Anerkennung, Ehre, Status usw. erhalten wir durch andere. Wir belohnen uns aber auch selbst: Dazu gehören Rache und viele andere Arten von Selbstgefühlen bis hin zum Genuss von Schönheit. Man stellt fest, dass sich beide Belohnungsarten im konkreten Fall meistens überlagern. Mit der Erfüllung unserer Affekte belohnen wir uns selbst, Kooperation, Altruismus, Vertrauensvorschuss erweisen sich dabei nicht nur als gesellschaftlich stabilisierende Verhaltensweisen, sondern die so Handelnden belohnen sich dafür mit einem guten Selbstwert- und Sinngefühl.

Nun leben wir nicht abstrakt, sondern in gesellschaftlich ausdifferenzierten Teilbereichen. Subsysteme wie Wirtschaft Politik, Recht, Wissenschaft, oder Technik haben jeweils ihre eigenen Belohnungssysteme entwickelt. Dies ist in empfindlicher Weise davon abhängig, welche Ziele ein solches Subsystem gesellschaftlich verfolgt und welche Werte und Maßstäbe für das Handeln und Bewerten beim Umgang miteinander darin vorherrschen. Man kann dies sehr allgemein einen Code nennen, den eine Gruppe hat. Zwei solche Subsysteme seien herausgegriffen.

In der Wirtschaft könnte man knapp gefasst den in ihr herrschenden Code mit der Vorstellung von einem ökonomischen Gleichgewicht und der Maximierung der Verfügbarkeit knapper Leistungen und Güter durch die Leitidee der Rationalität des Menschen umreißen. Dieser Code führte in der gegenwärtigen Finanzkrise dazu, dass das System nicht erst die Herstellung und Stärkung von Gewinnbedingungen wirtschaftlichen Handelns belohnt, sondern bereits die halbwegs glaubwürdige Erzeugung von Gewinnerwartungen. Die Falschjustierung in diesem Subsystem liegt sowohl bei den Kriterien, für deren Erfüllung man belohnt wird, als auch in der Belohnung selbst. Problematisch wird dies dann, wenn es zum alleinigen Ziel von Individuen oder Gruppen wird, möglichst viele Belohnungen zu kassieren. Denn das bedeutet, dass schleichend aus gewohnten Belohnungen Entlohnungen ohne Bindung an den Belohnungssachverhalt werden.

Angeben mit High-Tech

Im Subsystem der Technik finden wir als zentrales, aber knappes Gut die technischen Funktionalitäten und deren erfolgreiche Verwendung auf einem Markt, also Innovationen, das heißt aus Inventionen durch entsprechende Forschung und Entwicklung funktionierende verkaufbare Produkte und Verfahren zu gewinnen. Primärer Code dieses Subsystems ist die Effektivität und Funktionalität: Nur was wir bauen können, haben wir auch verstanden - davon sind die meisten Techniker und Konstrukteure überzeugt.

Man sollte meinen, dass die durchsetzbare Invention und der zugrundeliegende Funktionserfolg belohnt werden. Das Problem liegt darin, was als Innovation und was als Funktionserfolg gelten soll. Neben dem Traum des Ingenieurs von einem genialen Produkt, weswegen er sich mit Stolz selbst belohnen könnte, steht die Handlungsweise des Investors, und dieser belohnt eben nicht für technische Funktionalitäten, sondern ist an deren verwertbarerer Nützlichkeit in Form der Rendite seines Einsatzes interessiert.

Technik für Gebrauchsgüter (beispielsweise für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik) wird daher konsequenterweise für die Zielgruppe mit der größten Kaufkraft entwickelt. Das dabei zu beobachtende Overengineering findet sich analog in der Komplexität von neuen Finanzprodukten: Die Anerkennung hierfür kommt nicht vom Kunden, sondern vom Kollegen oder den anderen Banken, die in das Produkt investieren.

Unterschiedliche Anerkennungs- und Belohnungssysteme haben mit unterschiedlichen Wertorientierungen zu tun. Werte spiegeln letztlich Menschenbilder wider. Welche Menschenbilder haben beispielsweise unsere Gestalter von Technik und Organisation? Neben der üblichen technikzentrierten Sicht des Menschen als unzuverlässigen Teilsystems scheint mit der modernen Technik ein naturalisiertes Menschenbild entstanden zu sein: der Mensch als evolutionär minderbemitteltes Wesen, das der Prothese bedarf - und diese soll dankbar angenommen werden.

Was treibt mich an?

Versuchen wir den Gedanken ernstzunehmen, dass man an den Belohnungssystemen etwas neu justieren könnte. Das beginnt am besten mit der Selbstbeobachtung und dem Abschied von der liebgewonnenen Vorstellung, Belohnungen hätten etwas mit Kompensation oder Tausch zu tun. Wofür glaube ich, belohnt zu werden? Was treibt mich an? Was lässt mich Entscheidungen in die eine und nicht in die andere Richtung treffen? Nachdem man sein eigenes Belohnungssystem analysiert hat, könnte man in einem weiteren Schritt versuchen, die Belohnungssysteme der anderen zu verstehen, und sich klarmachen, wofür der andere mit was von wem belohnt wird. Dazu gehört allerdings eine gewisse Transparenz der Verhältnisse. Erst dann kann man gegenseitige "Übersetzungen" herstellen und die Motivationen für Handlungen vielleicht besser verstehen.

Bei wirtschaftlichen und technischen Belohnungssystemen hilft zweierlei: das bewusste Kauf- und Nutzungsverhalten und die öffentliche Diskussion. Beides muss zusammengehen. Es ist sinnlos, lediglich Kaufboykotte zu veranstalten. Es ist sinnlos, bloß über hohe Boni, überkandidelte Technik und unfähige Politiker zu schimpfen. Sinkende Absatzzahlen und das öffentliche Gelächter wären zwar wirkungsvoll, sind aber selten. Erhöhte Nachfrage nach dem wirklich Gebrauchten, mehr Lob und Anerkennung in der öffentlichen Diskussion könnte nach allem, was wir über Belohnungssysteme in diesem Bereich nun herausgefunden haben, weitaus mehr bewirken. Es geht also nicht so sehr darum, dem Falschen die Belohnung zu entziehen, sondern vielmehr darum, wünschenswerte Entwicklungen durch Belohnung voranzutreiben.

Man wird nie ganz verhindern können, dass sich die Subsysteme gegenseitig in die Quere kommen. Wir müssten deshalb die Zeithorizonte unserer Belohnungssysteme zu verlängern versuchen. Damit verringert man deren gegenseitigen Konfliktmöglichkeiten, und jene haben eher die Chance, vernünftig zu konvergieren, als sich gegenseitig zu usurpieren.

Boni auf Treuhandkonten

Wenn man zum Beispiel fordert, dass Boni an Führungskräfte nur noch bei nachgewiesenem nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gezahlt werden sollen, dann ist es eben eine Frage, in welchem Zeithorizont man denn diesen wirtschaftlichen Erfolg als Belohnungssachverhalt feststellt. Die Finanzkrise ist eine Konsequenz auch dessen, dass die Bestimmung dieses Zeithorizonts in der Finanzwirtschaft in großem Stil falsch gehandhabt wurde.

Man könnte aber auch im Zeithorizont der Leistungen selbst, die zur Belohnung ins Auge gefasst werden, an Verlängerungen denken. So könnte man die Legislaturperiode verlängern und generell nur eine zweimalige Amtszeit zulassen. Das brächte unter anderem den Vorteil mit sich, dass sich die Fluktuation erhöht und damit der Wissenstransfer in die Politik verbessert wird. Man könnte auch Boni auf Treuhandkonten überweisen und sie erst nach gewissen Zeiten freigeben. Das würde beispielsweise die Transparenz fördern.

Wie man bei der Gestaltung solcher Zeithorizonte jedenfalls nicht vorgehen sollte, dafür gibt es ein anschauliches Beispiel. Belohnt man einen Marathonläufer dafür, dass er nach dem ersten Kilometer in Führung liegt, läuft er viel zu schnell los und teilt seine Kräfte falsch ein. Er übernimmt sich und wird sein eigentliches Ziel nach 42 km nicht mehr erreichen. Nennen wir es das Marathon-Prinzip: Wer erfolgreicher Langstreckenläufer sein will, sollte nicht wie ein Kurzstreckenläufer loslaufen. Mit dieser Einsicht könnte sich die eine oder andere Schieflage beheben lassen, unter denen unsere Belohnungssysteme leiden.

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