Regionalpsychologie Liebe Leserin, lieber Leser,


vor zehn Jahren habe ich rübergemacht und bin von Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg gezogen. Seitdem bin ich eine Chimäre, halb Wessi, halb Ossi - ein Wossi. Bemerkt habe ich das zum ersten Mal, als man mir in Hamburg grinsend Bananen anbot. Doch auch sonst schien es kleine Unterschiede zu geben, und nun weiß ich endlich auch, woran das liegt.

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Heft 41/2019
Vor 500 Jahren: Wie ein spanischer Abenteurer die geheimnisvolle Großmacht vernichtete

Laut Psychologen formen die Herkunft und der Wohnort den Charakter. Demnach sind Menschen im Norden tatschlich unterkühlt, die Süddeutschen gemütlich und Großstädter aufgeschlossen. Die Unterschiede im Gemüt haben weitreichende Folgen: Mehrere Studien haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass die vorherrschenden Charaktere mitbestimmen, wie eine Region wählt, wie viele Verbrechen es gibt, wie sie mit einer wirtschaftlichen Krise klarkommt.

Der kühle Norddeutsche und der aufgeschlossene Städter: Die Vorurteile stimmen
Severin Matusek/ EyeEm/ Getty Images

Der kühle Norddeutsche und der aufgeschlossene Städter: Die Vorurteile stimmen

In einer neuen Analyse haben Forscher um Martin Obschonka von der Queensland University of Technology mehr als 73.000 Fragebögen von Menschen aus Deutschland ausgewertet, in denen jede Person einschätzen kann, für wie gesprächig, offen oder nervös sie sich hält. An der Analyse waren auch Wissenschaftler aus Deutschland beteiligt.

Der Test offenbart, was Psychologen die fünf entscheidenden Charaktereigenschaften nennen: Extraversion, also wie extro- oder introvertiert jemand ist, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, soziale Verträglichkeit und emotionale Labilität.

Das Verfahren hat Tücken: Forscher können kaum kontrollieren, ob die Befragten wahrheitsgemäß antworten und ob sie sich realistisch einschätzen. Außerdem klickten sich deutlich mehr junge Menschen durch den Fragebogen, repräsentativ sind die Ergebnisse deshalb nur bedingt.

Dennoch decken sie sich auffällig mit Klischees: Im Osten sind die Menschen gewissenhaft, aber introvertiert, dasselbe gilt für den Norden. Am schludrigsten arbeiten dagegen die Niederbayern, Franken und Süd-West-Niedersachsen.

Obschonka et al./ Regionale Persönlichkeitsunterschiede in Deutschland/ Friedrich-Schiller-Universität Jena

Besonders bei der emotionalen Labilität, auch bekannt als Neurotizismus, scheint Deutschland zweigeteilt. Allerdings nicht entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, sondern entlang einer Linie, die Köln und München verbindet. Wer nördlich dieser Linie lebt, neigt eher zu Nervosität, ist leichter reizbar, seltener zufrieden und stressanfällig.

Die "Happy Personalities" in Deutschland leben dagegen in Großstädten. Die Menschen dort gelten als besonders extrovertiert, weltoffen und widerstandsfähig - beste Voraussetzungen, um glücklich zu sein.

Laut Test bin ich ein O_41-C_64-E_89-A_74-N_18 Big-Five-Persönlichkeitstyp und damit der typische Wossi: Gewissenhafter als der Durchschnittswessi, aber extrovertierter als der Standardossi. Das erklärt einiges.

Falls Sie Ihren Persönlichkeitstyp wissen wollen, hier geht es zum Test.

Herzlich

Ihre Julia Köppe

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Abstract

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Alexander Kuznetsov/ REUTERS

Der Himmel über Ivalo erlebt so ein Schauspiel ziemlich oft - für das Örtchen im Norden Finnlands sind Polarlichter nichts Besonderes. Bei klarer Witterung erscheinen die wabernden Vorhänge aus Licht in Dutzenden Nächten zwischen September und März. Sie entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwinds in die obere Atmosphäre eindringen. Der finnische Wetterdienst bietet eigens eine Vorhersage für die Tage, an denen die Bedingungen am Himmel günstig sind für die fantastische Lightshow.

Fußnote

Drei beinamputierte Probanden erleben ihre Prothesen, als wären es die eigenen Gliedmaßen. Forscher an der ETH Zürich haben ihnen Elektroden in einen Nerv des Stumpfs eingepflanzt. Dort kommen Signale von Sensoren an, die in der Sohle und im Knie der Prothese angebracht sind. So haben die Testpersonen stets ein Gefühl dafür, wie sich ihr künstliches Bein gerade bewegt - sie müssen beim Herumlaufen nicht mehr eigens darauf achten.


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dirk.resuehr 05.10.2019
1. Das geteilte Land
Es ist ein Grausen: Da gibts Große und Kleine, Dicke und Dünne, Kluge und Doofe, Ossis und Wessis, Arme und Reiche, Ordentliche und Messies und und und.......So geht das nicht weiter, diese Ungleichheiten spalten das Land und wir brauchen ein Gleichheitsministerium, gleich geh ich in die Koje, da ist alles gleich.
sucher533 05.10.2019
2. Schubladendenken
Dieser Artikel fördert das Schubladendenken. Es gibt weder "den" Ossi noch "den" Wessi oder Bayern etc. . Wenn diese im Artikel genannten Unterschiede auf Europäer und Afrikaner geschrieben wären, würde ein Aufschrei wegen Rassismus die Folge sein.
wo_st 05.10.2019
3. Schwachsinn
Der Artikel ist durchaus schwachsinnig und kann eine Bevölkerungsgruppe so nicht beschreiben. Ich, ein Schwabe, habe ein Nordlicht als Nachbar, der ein Vielfaches an Geiz der "normalen Schwaben" nach außen trägt. Wo ist also die genaue Definition einer Gruppe?
Peda Goge 05.10.2019
4. Astrologie?
Überprüfen Sie doch mal die Persönlichkeitsmerkmale der im gleichen Tierkreiszeichen geborenen.
hohnspiegel 05.10.2019
5. Optimierung
der Bevölkerung ist vonnöten damit auch die eine DIN Norm erfüllt und auch ihr Verhalten mit Algorithmen berechnet werden kann. Vielleicht liefert China ja bald die Technik mit der wir homogenisiert werden können.
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