Pueblo-Archäologie Das Geheimnis von Raum 33

Ein riesiges Bauwerk, 650 Zimmer - nur in Raum 33 von Pueblo Bonito fanden Archäologen Gräber. Wer waren die Toten aus dem Chaco Canyon in New Mexico?

imago/ robertharding

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Es ist nur ein kleiner Raum, er misst nur zwei mal zwei Meter. Aber er beschäftigt Archäologen schon seit mehr als hundert Jahren. Bereits bei den ersten Grabungen ab 1896 fanden die Forscher in der kleinen Kammer unter dem sandigen Boden von Pueblo Bonito 14 Gräber.

Schon das war ungewöhnlich für die Chaco-Canyon-Kultur, die sich im heutigen US-Bundesstaat New Mexico in einem Trockental gebildet hatte. Und deren Einwohner ihre Toten meist außerhalb der Siedlungen bestatteten.

In Pueblo Bonito, dem üppigsten aller Chaco-Fundorte, errichteten die Bewohner zu Beginn des neunten Jahrhunderts nach Christus ein gigantisches, mehrstöckiges Bauwerk, ein Pueblo. Der Grundriss hatte die Form des Buchstaben "D". Es war wohl 30 Meter hoch, über 160 Meter lang und bestand aus knapp 650 Räumen - dazu gehört auch jene mysteriöse Kammer mit den Toten, die Archäologen schlicht Raum 33 nennen.

Lage von Raum 33
T. Harper/ Nature Communications

Lage von Raum 33

Wer waren die Toten, denen man eine eigene Kammer zugedacht hatte? Herrscher, Heiler oder ausgewähltes Fußvolk? Für eine gehobene Stellung oder gar Wohlstand bei zwei der Verstorbenen sprechen reiche Grabbeigaben. Dennoch waren sich die Forscher bisher uneins. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Chaco-Indianer eine weitgehend egalitäre Gesellschaft gewesen sein könnten und ohne Königsdynastien auskamen.

Ein Team aus Archäologen, Anthropologen und Genetikern um Douglas Kennett von der Penn State University hat die Skelette der Bestatteten nun erneut untersucht. Die Forscher entnahmen Proben aus den Schädeln der Toten und bestimmten Alter sowie Geschlecht.

Demnach handelt es sich bei den Verstorbenen um drei Männer und drei Frauen. Bei den restlichen Individuen konnten die Forscher aufgrund der Probenqualität keine exakten Angaben machen, wie sie im Fachblatt "Nature Communications" berichten. Bei zwei vermuten sie aufgrund des Skelettaufbaus, dass es ebenfalls Männer waren.

Wichtiger war aber: Die Forscher wiesen bei neun untersuchten Proben ein Verwandtschaftsverhältnis nach - überraschenderweise mütterlicherseits. Die untersuchten Personen verfügten über identische mitochondriale DNA. Diese DNA aus den Zellkraftwerken wird ausschließlich über die Mutter weitergegeben. Die Wissenschaftler identifizierten eine Mutter und ihre Tochter sowie eine Großmutter und ihren Enkel (siehe Grafik).

Diagramm der hypothetischen Mutterfolge (rot): Der blaue * zeigt das Großmutter-Enkel-Verhältnis, ** zeigt die Mutter-Tochter-Beziehung
T. Harper/ Nature Communications

Diagramm der hypothetischen Mutterfolge (rot): Der blaue * zeigt das Großmutter-Enkel-Verhältnis, ** zeigt die Mutter-Tochter-Beziehung

Daraus schließen sie, dass Frauen eine dominante Rolle in der Chaco-Gesellschaft eingenommen haben.

Strenge Hierarchie oder egalitäres System

"Erst dachten wir, dass es sich bei den ersten Ergebnissen um einen Messfehler handeln müsste", sagt Kennett. Doch dann hat ein zweites Labor die Ergebnisse bestätigt. Die auch Mutterfolge genannten Vererbungsabfolgen sind ethnologisch auch für andere Pueblo-Kulturen wie Hopi-, Zuni-, Acoma- oder Laguna-Indianer dokumentiert worden, schreiben die Forscher. Nach Schätzungen sind rund 13 Prozent der weltweit 1300 ethnischen Gesellschaften so organisiert.

Raum 33 wurde von den Pueblo-Bonito-Bewohnern über einen Zeitraum von knapp 330 Jahren benutzt - von etwa 800 bis 1130 nach Christus, ergab die Datierung. Das entspricht recht genau der Blütezeit der Kultur. Immer wieder wurden Verstorbene in der Kammer abgelegt. Die Skelette stammen deshalb aus unterschiedlichen zeitlichen Perioden.

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Die wohl interessanteste Bestattung in Raum 33 ist die erste Grablegung, sie gilt als die opulenteste im Südwesten der USA. Bei dem etwa 40-jährigen Mann wurden reiche Grabbeigaben entdeckt, darunter neben Keramik mehr als 11.000 Türkisperlen sowie 3300 aus Muscheln, Armreifen und eine Muscheltrompete, die vom weit entfernten Pazifik in Zentralamerika stammt.

Dass der Tote, der an einem Schlag auf den Kopf starb, innerhalb der Gesellschaft eine hohe soziale Stellung eingenommen hat, war aufgrund der Beigaben klar. Das trifft auch auf einen weiteren Mann zu, der in der Minikrypta mit ähnlichem Aufwand beigesetzt wurde.

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Pueblo-Archäologie: Die Kammer der Toten

Die Forscher glauben, dass ihre Ergebnisse den Blick auf die Chaco-Canyon-Kultur verändern werden. Offenbar wurde auch hier Macht vererbt - auch wenn möglicherweise nicht alle der nun untersuchten Toten Herrscher waren.

"Das erste Mal können wir behaupten, dass nur eine Sippe Pueblo Bonito beherrscht hat. Und das für mehr als 300 Jahre", sagt der an der Studie beteiligte Steve Plog. "Das ist der bisher beste Beweis für eine soziale Hierarchie im alten Südwesten".

Die These von der gleichgestellten Gesellschaft ohne einen herausragenden Führer dürfte damit nur schwer zu halten sein.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Sissy.Voss 25.02.2017
1.
Die Großeltern von Winnetou? Schade, dass man nichts über die Lebensumstände erfährt: Ernährung, etc. wurde Mais angebaut? Hielten sie Hunde (bei Indianern selten)? Straßen zu den Außensiedlungen und Fernverbindungen in den Süden?
wahrsager26 25.02.2017
2. Mesa Verde....
habe ich vor Jahrzehnten besucht.Die Anlage sieht größer aus unter dem Felsüberhang ,als sie in Wirklichkeit ist .Die gut sichtbaren Rondelle ,waren Heizstätten.Im Inneren wurde ein Feuer entfacht und im Rund waren darüber Balken angebracht auf denen gesessen werden konnte.Luftzufuhr bekam das Feuer durch kleine Öffnungen in der Ringwand.Alles in allen eine interessante Geschichte,auch das hier erzählte.
johannesbueckler 26.02.2017
3. Trockental...?
Andere Berichte gehen eher von einem ehemals bewaldeten Canyon aus, da zum Beispiel Ponderosa Pines im Pueblo verbaut sind.....Das großflächiges Abholzen zum Abfallen des Grundwasserspiegels führt ist ja nicht ganz neu....
pennjamin 27.02.2017
4. Wieso Herrschergrab?
Woher wissen die Forscher, dass es sich bei den Skeletten um ehemalige Mitglieder einer Herrscherfamilie handelt? Gibt es dafür Belege?
adama. 02.03.2017
5. Vorurteile
Die wenigen toten, mitten im Pueblo begraben, lassen doch keine Rückschlüsse auf das Gesellschaftssytem zu. Zu wenige Tote um damit eine Dynastie zu belegen. Meiner Meinung nach müßte es mehrere gleichartige "Führergräber" geben, damit man eine Tradition oder ein Ritual erkennen kann. So kann es auch eine individuelle, familiäre Begräbnisstätte sein. Ich selbst vermute einen anderen Grund für dieses Grabzimmer. Hier könnte eine einsame Familie, in einem schon verlassenen, ausgestorbenen Pueblo, ihre Toten bestattet haben. In einem voll bewohnten Pueblo würde das, meiner Ansicht nach, eher Ärger verursachen. Ich denke dabei auch an Phänomene in der heutigen Zeit, wo Menschen, entgegen allen Traditionen, ihre Toten im Keller begraben.
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