Quäker-Haus in Maryland Die bigotten Herrscher von Herrington

Die Geschichtsbücher kennen Samuel Chew als Sheriff und Richter, als Stütze der Gemeinde und freigiebigen Quäker. Ausgrabungen im US-Staat Maryland zeigen jetzt allerdings nach und nach, was der fromme Einwanderer wirklich war: ein prunksüchtiger Sklavenhalter.

An einem Winterabend des Jahres 1718 strömen die Bewohner der kleinen Hafenstadt Herrington am Ufer der Chesapeake Bay den Hang hinauf zu dem großen, neuen Haus des Samuel Chew. Sie sind schlicht gekleidet, die Hände tief in den Taschen der grauen Mäntel vergraben, die breitkrempigen Hüte in die Gesichter gezogen als Schutz vor dem Wind und dem Schnee. Es sind Quäker auf dem Weg zum Gottesdienst.

Von drinnen sickert warmes Licht in die Nacht. Sklaven nehmen den Gläubigen die klammen Mäntel ab und führen sie in einen großen Saal. Die Wände sind mit prächtigen Kacheln verziert, der polierte Fußboden glänzt im Licht der vielen Kerzen. Als die Gemeinde versammelt ist – es sind fast alle Einwohner Herringtons – kann der Gottesdienst der "Gesellschaft der Freunde", wie die Quäker sich nennen, beginnen.

Knapp drei Jahrhunderte später klingelt das Handy von Al Luckenbach, Bezirksarchäologe des Anne Arundel County in Maryland, während er gerade mit seinem Auto die Küstenstraße entlangfährt. Am anderen Ende der Leitung ist sein aufgeregter Assistent John Kille. "Wie haben Delfter Kacheln!", ruft er. Auch eine verdächtig aussehende Steinmauer habe man ausgegraben. "Na, dann habt ihr's wohl gefunden", antwortet Luckenbach trocken. Das Haus von Samuel Chew ist kurz davor, nach langer Zeit wieder ans Tageslicht zu kommen.

Was die Forscher nach monatelanger Suche entdeckt haben, stellt das Bild vom frommen, freigiebigen Quäker Samuel Chew mehr als in Frage. Er führte wohl kein schlichtes Leben wie gewöhnliche Mitglieder seiner Religionsgemeinschaft. Edles Geschirr, teure Kacheln aus Europa, ein Fußboden aus Marmor - die Funde der Archäologen lassen keinen Zweifel. Hier lebte ein reicher Mann, der seine Besitztümer zur Schau stellte.

Kalkstein aus der Karibik

Chews Haus war einst das prächtigste Anwesen am Westufer der Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA. So groß war das Gebäude, so weithin sichtbar, dass es den Schiffen in der Bucht zur Orientierung diente. In einer groben Karte von 1776 ist es noch eingezeichnet: zwei Stockwerke, zwei Schornsteine und ein Kuppeldach mit Türmchen darauf. Viel mehr wussten die Archäologen nicht, als sie mit der Suche begannen.

Nachdem sie den Ort gefunden hatten, mangelte es an zwei entscheidenden Dingen für eine Ausgrabung: an Geld und an Leuten. Also mobilisierten Luckenbach und Kille einen Trupp aus Praktikanten und Freiwilligen. Sie gruben den ganzen Sommer hindurch an jeweils zwei Tagen der Woche, mehr war nicht drin. Was sie dann aber unter Gerber- und Goldrutensträuchern fanden, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen der Forscher.

Die "verdächtig aussehende Steinmauer" bestand aus Kalkstein – ein Import aus der Karibik. Sie war einst Teil des Fundaments. In dem Haus waren vier verschiedene Arten von Ziegeln verbaut und drei verschiedene Arten von poliertem Stein, darunter sogar Marmor. "Marmor hatte ich in dieser Gegend vorher noch nie zu sehen bekommen", sagt Luckenbach.

Die Decken waren mit aufwendigen Stuckarbeiten verziert, die Wände mit handbemalten Kacheln aus dem holländischen Delft. Die Chews tranken aus zierlichen Kristallkelchen und aßen von feinstem Porzellan einer europäischen Manufaktur. Auf die Teller kamen oft Austern. Deren Schalen liegen überall zwischen den Trümmern.

Welcher Samuel Chew baute das Haus?

Der Grundriss des Gebäudes ist über 400 Quadratmeter groß. Bei zwei Stockwerken und wahrscheinlich voller Unterkellerung bewohnte die Familie Chew ein Domizil von weit über 1000 Quadratmetern. "Die Elite der Gegend wollte ihren Reichtum zur Schau stellen", sagt Luckenbach, "und Chew war darin allen eine Nasenlänge voraus."

Wer war der Herr über dieses Reich? Ganz sicher sind die Archäologen noch nicht. Das Haus wurde wahrscheinlich um 1718 erbaut und brannte 1772 nieder. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts residierten nacheinander fünf Samuel Chews an der Chesapeake Bay, alle mehr oder weniger direkte Nachfahren voneinander. Die Archäologen haben sie durchnummeriert. Wahrscheinlichster Kandidat für den Bau des Chew-Hauses ist Samuel Chew III, vielleicht errichtete es aber auch sein Vater, der einflussreiche Richter Samuel Chew II.

Bigotterie im Luxus: Wie die Chews Sklaven für ihren Reichtum schuften ließen - und warum bis heute der Geist einer lange toten Tochter der Familie Chew spuken soll

Die Familie war einst dem Ruf von Lord Baltimore aus England in die Neue Welt gefolgt. Die von ihm gegründete Kolonie Maryland erschien dem Lord viel zu katholisch – in den Nachwehen des englischen Bürgerkriegs eine ungünstige Gesinnung. Also holte Baltimore schiffeweise Puritaner aus der Alten in die Neue Welt, von denen viele Familien einige Jahrzehnte später zum Quäkertum konvertierten.

Glaubt man dem Mythos, der die Geschichten aus den frühen Jahren der damals noch britischen Kolonien umweht, dann war in Herrington, Maryland, die Welt sehr heil. Die Quäker kleideten sich bewusst schlicht in einheitlichem Grau, ihre Häuser waren einfach in Bau und Einrichtung. Sie zogen vor niemanden den Hut, denn in den Augen der Quäker waren alle Menschen gleich, egal ob Mann oder Frau, egal ob weiß oder schwarz. Im späteren Kampf gegen die Sklaverei standen die Quäker stets an vorderster Front.

Die Chews zählten innerhalb ihrer Gemeinde zu den Quäkern der ersten Stunde. Als 1672 George Fox, der Gründer der Religionsgemeinschaft, durch Herrington zog, notierte er in seinem Tagebuch über ein Treffen: "Anwesend war auch ein Richter". Gemeint war Samuel Chew, der in seiner Heimatstadt verschiedene öffentliche Ämter bekleidete. Er war Richter, Politiker und Sheriff.

Kein Zweifel, Samuel Chew herrschte in Herrington. Oft und gerne stellten die Chews ihre Häuser für die Gottesdienste zur Verfügung, und sie stifteten in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts auch großzügig Land, auf dem ein Versammlungshaus für die Gemeinde errichtet wurde.

Bigotter Sklavenhalter

Vom exquisiten Lebensstil der ehrenwerten Familie wusste man bisher wenig. Noch erschütternder als die irdischen Besitztümer ist aber die Art und Weise, wie die Chews zu ihrem Reichtum kamen. Ein Blick in die Archive der Stadt enthüllt die wahre Gesinnung des frommen Freundes: Sowohl Samuel Chew II als auch III waren Händler und Tabakfarmer. Während anderenorts Quäker ihr Leben für die Gleichberechtigung von Sklaven aufs Spiel setzten, ließen die Chews auf ihren Ländereien für den Tabakanbau, die damals arbeitsintensivste Form von Landwirtschaft, bis zu 140 Sklaven schuften.

Vielleicht ist es diese Bigotterie, die Anne Chew bis heute keine Ruhe lässt. Die Tochter der einflussreichen Familie lebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Maidstone, einem ganz in der Nähe gelegenen Anwesen der Chews. Das herrschaftliche Haus steht noch heute. Zur Geisterstunde sehen seine jetzigen Bewohner angeblich immer wieder eine grau gekleidete Frau langsam durch die Räume schreiten. Man sagt, es sei der Geist der Anne Chew, die keinen Frieden finden kann.

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