Transparenz in der Wissenschaft Kampf dem Forschungsmüll

Namhafte Forscher kritisieren seit Jahren die Veröffentlichungspraxis von Fachmagazinen. Darin stünde teilweise wenig Gehaltvolles. 30 internationale Magazine geloben Besserung. Hält ihre Qualitätsoffensive, was sie verspricht?
Mehr Qualität gefordert: Der Druck für Forscher, in großen Journals zu veröffentlichen, sorgt für Probleme im Wissenschaftsbetrieb

Mehr Qualität gefordert: Der Druck für Forscher, in großen Journals zu veröffentlichen, sorgt für Probleme im Wissenschaftsbetrieb

Foto: Corbis

Dieses Editorial ist besonders: In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" pocht Chefredakteurin Marcia McNutt unmissverständlich auf die Standards in der Forschung: Genauigkeit, Transparenz und absolut korrektes Arbeiten seien unverzichtbare Eckpfeiler wissenschaftlichen Arbeitens. Nur dann könne ein von Wissenschaftlern im Labor erzieltes Ergebnis auch von anderen nachvollzogen werden - die Voraussetzung für unabhängige Prüfungen und auch Korrekturen. Es sei wie ein Licht, das dann leuchte, ein Licht, das die Wissenschaft voran bringe, schwört McNutt ihre Leser ein.

Um diesen transparenten Ansatz ist es jedoch schon länger nicht gut bestellt, muss nicht nur die "Science"-Chefredakteurin zugeben. Ob Krebstherapien oder neue Wege zur Herstellung von Stammzellen: Vermeintliche Sensationen der jüngsten Zeit entpuppten sich regelmäßig als Pleiten. Aufsehen erregte etwa die Studie japanischer Forscher, die erklärten, ein einfaches Verfahren zur Herstellung von Stammzellen gefunden zu haben. Schon bald kamen Zweifel auf, letztlich zogen die Forscher diese Studie wieder zurück.

Bringt der neue Codex den Qualitätsumschwung?

Nun ziehen die Fachjournale die Konsequenz: Mehr als 30 wichtige internationale Magazine und Forschungsinstitute haben sich auf einen neuen Codex der Reproduzierbarkeit geeinigt. Zu den Unterzeichnern  zählen Fachjournale wie "Science", "Nature", das "British Medical Journal" oder "Cell". Das Ziel: Die Studienqualität zu verbessern und das Vertrauen in die Forschung wiederherstellen.

Folgende Punkte gehören zum Codex :

  • Für mehr Transparenz soll eine effiziente und übersichtliche Darstellung der Methoden der Studie sorgen. Die Gutachter sollen während der redaktionellen Bearbeitung der eingereichten Abhandlungen Checklisten verwenden. So wollen die Magazine sicherstellen, dass die wesentlichen methodischen und analytischen Informationen enthalten sind.

  • Alle Datensätze, auf denen die Schlussfolgerungen einer Veröffentlichung beruhen, müssen von den Forschern zur Verfügung gestellt werden und auch nach der Publikation noch bereitliegen.

  • Die Journale sollen neue Vorgaben für eine strengere Prüfung statistischen Analysen entwerfen.

  • Ein entscheidender Punkt: Das biologischen Material, das in der Studie verwendet wurde - Antikörper, Zelllinien, Tiere - muss eindeutig beschrieben sein. Damit die Forscher, die die Studie nachprüfen oder ein Experiment wiederholen wollen, klar wissen, womit gearbeitet wurde.

Schicke Studien vor wichtigen Grundlagen

Klingt alles hübsch, aber: Das jetzt Geforderte sollte längst selbstverständlich sein. Und auch die Diskussionen um die Forschung- und Veröffentlichungspraxis sind nicht neu. Bereits 2009 hatten sich die Wissenschaftler Ian Chalmers und Paul Glaziou im Fachjournal "Lancet" mit diesem Thema beschäftigt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 85 Prozent aller Forschungsinvestitionen in den Lebenswissenschaften (Biologie, Medizin) verschwendet werden, da mit falschen Studiendesigns gearbeitet werde oder zu Beginn die falschen Fragen gestellt würden. Anfang des Jahres beschrieb die Wissenschaftselite in gleich fünf großen Analysen unter der Überschrift "Increasing Value, Reducing Waste", wie die Qualität in der Forschung verbessert und Verschwendung verringert werden kann.

Schuld sei meist nicht der schlampig arbeitende Wissenschaftler, der Fehler liege vielmehr im System: Die Veröffentlichungspraxis der großen Journale trage viel zu den Problemen bei, kritisierte Randy Shekman, Nobelpreisträger für Medizin 2013. Der Druck für Forscher, in großen Magazinen wie "Cell", "Nature" oder "Science" zu publizieren, verleite dazu, eher angesagter statt wichtiger Forschung nachzugehen. Die Chefredakteure der Fachmagazine seien keine "Wissenschaftler, sondern Fachleute, die Furore machenden Studien den Vorzug geben und dabei so restriktiv vorgehen wie Modedesigner bei Limited-Edition-Handtaschen".

Wenn aber nur bekannt wird, was beliebt ist und scheinbar Unwichtiges unbekannt bleibt, verzerrt dies den Blick, kritisiert auch Gerd Antes, Direktor des deutschen Cochrane Zentrums. Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites Forschernetzwerk, das Übersichtsarbeiten zu wichtigen medizinischen Themen veröffentlich. Antes gilt als ein Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. Es wäre zwar löblich, wenn die 30 Journale das Problem nun ebenfalls erkannt hätten und gegensteuern wollen, sagt Antes. Der Experte der unabhängigen Forschungsgesellschaft bleibt dennoch kritisch. Vieles bliebe im Vagen. Entscheidende Punkte, die das wissenschaftliche System verbessern könnten, würden in den Plänen der Journals jedenfalls nicht behandelt. In einem Kommentar für SPIEGEL ONLINE zum Lancet-Spezial hatte er diese bereits zu Beginn diesen Jahres klar benannt.

In der zukünftigen Umsetzung werden sich die Journale nun messen lassen müssen, wie ernst ihnen ihre neuen Ziele sind. "Science"-Chefredakteurin McNutt ist optimistisch, "dass diese Leitlinien nicht als belastend angesehen werden, sondern als Teil der Qualitätskontrolle, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft stärken."

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Das forderte die Wissenschaftselite im Lancet-Spezial "Increasing Value, Reducing Waste" (01/2014):

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